Im Ameisenstaat, so scheint es, sind die Rollen klar verteilt: Eine oder bei manchen Arten auch mehrere Königinnen legen die Eier, die eine Riesenriege an weiblichen Dienstboten fürsorglich aufzieht. Daraus erwachsen dann entweder neue Herrscherinnen, neue Arbeiterinnen oder die nun mal nicht zu entbehrenden Männchen, welche neue Königinnen für den nächsten Eierlegetermin befruchten.

Ob Männlein oder Weiblein aus den Eiern entstehen, hat dabei auf den ersten Blick die Königin in der Hand: Befruchtete Eier, also solche mit doppeltem Chromosomensatz, ergeben neue Gouvernanten oder königlichen Nachwuchs, unbefruchtete, mit halbem Satz, neue Männer für das Land. Mitspracherecht für Untergebene? Fehlanzeige.

Wer entscheidet über das Geschlecht des Nachwuchses?
© David Buchs
(Ausschnitt)
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Doch ganz so einfach liegen die Verhältnisse nicht. Denn auf den zweiten Blick haben die Arbeiterinnen durchaus Möglichkeiten, das Wohl und Wehe des Nachwuchses zu beeinflussen – indem sie sich verstärkt um manche Eier oder Larven kümmern und andere vernachlässige oder sogar umbringen. Dahinter steckt nicht pure Willkür, sondern das überall zu Grunde liegende Interesse, möglichst viel des eigenen Erbgutes auch in Verwandten zu fördern. Und da Arbeiterinnen mit ihren Schwestern enger verwandt sind als mit ihren Brüdern – eine Besonderheit durch die Geschlechtsfestlegung über die Chromosomenzahl –, sollten ihnen weibliche Nachkommen näher am Herzen sein. Blühen Männchen in der Kinderstube damit grundsätzlich härtere Zeiten?

Nicht unbedingt. Denn bei manchen Ameisenarten leben mehrere Königinnen in einem Nest und liefern Eiernachschub. Beim Blick auf die eigenen Gene könnte da so mancher Jüngling nun doch der Ameisendienstbotin näher stehen als das Mädel im Ei nebenan – je nachdem, ob sie eine gemeinsame Mutter teilen. Bester Konfliktstoff, nicht nur untereinander, sondern auch mit der Obrigkeit. Welchen Ausweg aus dem Dilemma Formica selysi wählt, beschreiben Hervé Rosset und Michel Chapuisat von der Universität Lausanne.

Bei dieser Ameisenart legen die Königinnen im Frühjahr eine erste Eierportion, aus der sich entweder königlicher Nachwuchs oder Männchen entwickeln. Dabei spezialisieren sich einzelne Kolonien darauf, ob sie vor allem Männchen oder Weibchen nachziehen: Manche Königinnen produzieren dann nahezu ausschließlich haploide Eier, aus denen sich Ameisenmänner entwickeln, oder – nicht ganz so ausgeprägt – überwiegend diploide Eier für die weibliche Herrscherriege. Erst später, im zweiten Schub, sorgen sie dann für Jung-Gouvernanten.

Königin mit Arbeiterinnen
© David Buchs
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Damit aber macht sie ihren Dienstbotinnen einen Strich durch die Mitbestimmungs-Rechnung: Während die Brutpflegerinnen sonst durch ihre Fürsorge beeinflussen, wie viele Männchen überleben, ist ihnen dies nun fast unmöglich – sie müssen aufziehen, was kommt. Dementsprechend blieb das Männlein-Weiblein-Verhältnis von Eiern und Puppen auch fast identisch – der Frauenanteil stieg nur geringfügig an, berichten die Forscher.

Einen Vorteil für die Arbeiterinnen gibt es womöglich nur, wenn sich mehrere Königinnen die Kinderstubenbefüllung teilen – durchaus üblich bei Formica selysi. Dann könnten die Brutpflegerinnen wieder ein gewichtigeres Wörtchen mitreden, indem sie die Eier jener Herrscherin hätscheln, die ihr Interesse in Geschlechtsfragen teilt. Ein Gedanke, den Rosset und Chapuisat im Experiment gern überprüfen wollen: Ändert sich das Eier-Männlein-Weiblein-Verhältnis, wenn die Königin Gesellschaft bekommt?

Bei Formica selysi jedenfalls entscheidet demnach keine verschleierte Untergebenenmacht, die das Tau im Kräftemessen auf die eigene Seite ziehen kann. Im Gegenteil: Das Beispiel zeigt, dass die wenn auch erst auf zweiten Blick so machtvollen Arbeiterinnen bei den Ameisen manchmal doch machtloser sind als vermutet, betonen die Wissenschaftler. Die Herrscherinnen in diesen Nestern zumindest tragen ihren Namen mehr als zu Recht.