Große Ameisenbären (Myrmecophaga tridactyla) gelten normalerweise als recht friedliche Ameisen- und Termitenfresser, die außer uns Menschen allenfalls noch Jaguare und Pumas als Fressfeinde fürchten müssen. Dank ihrer starken Krallen an den Füßen sind sie bei Gefahr allerdings sehr wehrhaft und können sich auch gegen die großen Raubkatzen gut verteidigen, wie die Aufnahmen einer Fotofalle im Gurupi Biological Reserve des brasilianischen Bundesstaates Maranhão mit einzigartigen Bildern belegen. Der nächtliche Filmmitschnitt zeigt, was Menschen bislang nur sehr selten gesehen und wohl noch nie dokumentiert haben, wie der "Guardian" berichtet: das Aufeinandertreffen eines ausgewachsenen Jaguars mit einem Ameisenbären.

Tatsächlich jagen Jaguare die Insektenfresser, doch stellen sie normalerweise eher jungen Exemplaren nach, die sie leichter überwältigen können und von deren Klauen deshalb eine geringere Gefahr ausgeht. Eine Studie aus dem Pantanal, wo beide Arten relativ häufig vorkommen, stellte fest, dass Ameisenbären nur 3,2 Prozent der gesamten Katzenbeute darstellen. Rinder bilden hier eine leichtere, ergiebigere und weniger wehrhafte Nahrung dar (zum Leidwesen der Viehzüchter). Im Cerrado – einer artenreichen Baumsavanne in Brasilien – machen sie dagegen bei manchen Jaguaren bis zu 75 Prozent der verspeisten Tiere aus. Die Frequenz hängt also womöglich vom Ökosystem ab.

Im beobachteten Fall attackiert der Ameisenbär die Raubkatze mit seinen Vorderpfoten und treibt damit den Jaguar wohl in die Flucht – zumindest fanden die Biologen einen Monat später keinerlei Spuren des Kampfes mehr, also auch keine Haare oder Knochen, die selbst im biologisch hochaktiven Regenwald so lange überdauern können. Ausgewachsene Ameisenbären erreichen durchaus das Gewicht von weiblichen Jaguaren und können sich zur Verteidigung auf ihren Hinterbeinen aufrichten, während sie mit den Vorderpfoten zuschlagen. Deshalb sind schwere Gesichtsverletzungen möglich, was jeder Angreifer vermeiden möchte.

Der "Guardian" berichtet zudem von einem Fall aus Brasilien aus dem Jahr 2012, wo ein Jäger zusammen mit seinen beiden Söhnen und ihren Jagdhunden einen Ameisenbär gestellt haben soll. Der Mann wollte das Tier nicht erschießen, aus Sorge, er könnte seine Hunde treffen. Stattdessen attackierte er es mit einem Messer, worauf sich der Ameisenbär wehrte und den Jäger tödlich verletzte. Einer der Söhne erschoss das Tier letztlich, musste aber zusehen, wie sein Vater verblutete. Das sind allerdings sehr seltene und extreme Zwischenfälle. Normalerweise enden Begegnungen zwischen Mensch und Ameisenbär oft für Letztere tödlich: Sie enden als Buschfleisch oder als Opfer im Straßenverkehr, weshalb die Art zunehmend als bedroht gilt.