Oziel Alves da Silva lässt sein Pferd an der Ecke einer Weide anhalten und rückt seine Baseballkappe zurecht, die seine wettergegerbte Haut sowieso nur wenig vor der tropischen Sonne schützt. Mit einem Auge immer bei der Herde, schweift sein Blick über die 274 Hektar große Ranch im östlichen Teil des Amazonasgebiets. Hier im Bundesstaat Pará im Norden Brasiliens, wo er einst von weiten Ländereien mit Weiden und Rindern träumte, wächst jetzt nichts außer Palmen, die er nicht einmal fällen darf.

Wie Tausende anderer Grundbesitzer Brasiliens sieht sich der 39-Jährige von einer bisher einmaligen Kampagne ausgebremst, mit der die Regierung die Zerstörung des größten Regenwaldes der Erde aufhalten möchte. Als Alves da Silva im Jahr 2009 das Feld roden wollte, wurde er zu einer Geldstrafe von 720 000 Reales (zirka 223 000 Euro) verurteilt und mit einem Verkaufsverbot für Rinder belegt. Jetzt versucht er es noch einmal auf legalem Weg, auch wenn er nur eine geringe Chance sieht, die Weideflächen und seine Herde vergrößern zu können. Wie viele andere Rancher in Brasilien hat er das illegale Fällen von Bäumen aufgegeben und versucht nun mit dem Gesetz Frieden zu schließen. "Wir haben gemeinsam beschlossen, etwas zu ändern", sagt er.

Wenn der Regenwald mit Feuer gerodet wird, entstehen große Mengen Kohlendioxid, die den Klimawandel antreiben. Außerdem schwächt sich dadurch der Wasserkreislauf vor Ort ab: Dürren werden häufiger und können auch entfernte Gebiete in Südamerika betreffen.
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Wenn der Regenwald mit Feuer gerodet wird, entstehen große Mengen Kohlendioxid, die den Klimawandel antreiben. Außerdem schwächt sich dadurch der Wasserkreislauf vor Ort ab: Dürren werden häufiger und können auch entfernte Gebiete in Südamerika betreffen.

Während die Welt noch über zukünftige Verpflichtungen feilscht, um Treibhausgase zu reduzieren, hat Brasilien im letzten Jahrzehnt schon seinen Kohlendioxidausstoß mehr als alle anderen Länder gesenkt, indem es mit großen Anstrengungen die Abholzung des Regenwaldes drosselte. Die Rate, mit der diese voranschritt, lag im vergangenen Jahr etwa 75 Prozent unter dem Durchschnitt der Jahre 1996 bis 2005 – nur etwas unter der versprochenen Verringerung um 80 Prozent bis zum Jahr 2020. Gleichzeitig hat das Land seine Nahrungsmittelproduktion gesteigert und exportiert inzwischen vieles davon in eine wachsende und hungrige Welt.

Wachsende Landwirtschaft trotz strengen Waldschutzes

Damit hat Brasilien der Welt gezeigt, dass es sehr wohl Möglichkeiten gibt, die Ausweitung der Landwirtschaft zu kontrollieren und die äußerst vielfältigen Ökosysteme der Erde zu schützen. Wenn noch andere Länder bereit wären, ihre Wälder zu schützen und auszudehnen, in denen Kohlenstoff in den Bäumen und Böden gespeichert wird, dann könnte der globale CO2-Ausstoß verringert werden und die Welt etwas Zeit gewinnen, um die heikle Drosselung der Emissionen von Autos, Kraftwerken und Industrie in den Griff zu bekommen. "Brasilien hat sich zweifelsohne von seiner Vergangenheit verabschiedet", sagt Achim Steiner, der gegenwärtige Exekutivdirektor des UN-Umweltprogramms (UNEP). "Damit untermauert es den Standpunkt, dass der Schutz des Waldes eine wichtige Rolle bei den internationalen Klimaverhandlungen spielen wird."

Der Abwärtstrend in der Abholzung in Brasilien lässt sich schon fast zehn Jahre lang beobachten – doch erst langsam wird klar, mit welchen Methoden es dem Land gelungen ist, die schon fast epidemischen illegalen Aktivitäten abzubremsen, denen im letzten halben Jahrhundert etwa 20 Prozent seines Amazonaswaldes zum Opfer gefallen sind. Auch heute noch gibt es viele unterschiedliche Versionen dieser Erfolgsgeschichte, weshalb ich letztes Jahr zwei Monate am brasilianischen Amazonas verbrachte. Ich reiste überall herum und sprach mit Wissenschaftlern, Ranchern, Politikern, Holzfällern und Angehörigen der indigenen Stämme, weil ich verstehen wollte, wie Brasilien diese Kehrtwendung geschafft hat und was noch vor dem Land liegt.

Dabei trugen anscheinend verschiedene Faktoren zum Rückgang der Abholzung bei. So bestimmte die brasilianische Bundesregierung Schutzzonen im Amazonasbecken und ging hart gegen Viehzüchter, Farmer und Grundstücksspekulanten vor. Sie übte Druck auf Gemeindeverwaltungen aus, während Umweltschützer gleichzeitig Kampagnen gegen solche Unternehmen auf die Beine stellten, die Rindfleisch, Leder und Sojabohnen auf illegal gerodetem Land produzierten. Brasiliens Bundesstaaten und Gemeinden erkannten, dass ihre Wirtschaft auf dem Spiel stand, und entwickelten zusätzlich noch ihre eigenen Strategien (siehe "Wie Fische und Kondome den Regenwald retten sollen").

Brasiliens bisheriger Erfolg könnte Vorbild für andere Tropenstaaten mit zunehmender Waldrodung sein, aber die Lage am Amazonas bleibt schwierig. Zwar gibt es immer mehr Gegenmaßnahmen, doch die eigentlich zu Grunde liegenden Faktoren, wie Armut und Rentabilität des Ackerlands, blieben bisher unverändert. Auch wenn das Tempo der Abholzungen in Brasilien letztes Jahr das zweitniedrigste seit 1988 war, schoss die Rate 2013 wieder in die Höhe, und manche Wissenschaftler erwarten für 2015 einen erneuten Anstieg. "Die Brasilianer wollen gar keine Abholzung", meint der Klimawissenschaftler Carlos Nobre bei meinem Besuch in Brasilia, wo er gerade dem Ende seiner Amtsperiode als Minister für Forschung und Entwicklung im Wissenschaftsministerium entgegensah. Rodung und Bepflanzung des Neulands sei immer noch der Motor für das Wirtschaftswachstum am Amazonas. "Wir haben noch kein Alternativmodell", fügt er hinzu.

Mit Hilfe von Satellitenbildern

Brasiliens Kampf gegen die illegale Abholzung begann mit der Auswertung von Satellitenfotos von der Erdoberfläche. Seit 1988 erstellen Forscher jedes Jahr hochauflösende Karten zum Waldbestand, und häufiger noch suchen sie in Übersichtsbildern nach neuen Rodungsstellen. Im letzten Jahrzehnt lieferten sie auf diese Weise aktuellste Informationen an die brasilianische Umweltbehörde, das Institut für Umwelt und erneuerbare Ressourcen (IBAMA).

Die Karte zeigt deutlich, dass Indianerreservate und Naturschutzgebiete die Entwaldung deutlich bremsen können. Infrastrukturprojekte treiben sie dagegen richtig voran. Leider versuchen Bergbau- und Landwirtschaftslobbyisten den Schutzstatus von Reservaten parlamentarisch auszuhöhlen.
© Nature / Sources: Map: INPE/Nepstad et al.; Deforestation/soya: Nepstad et al.; Cattle: H. K. Gibbs
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 Bild vergrößernZentren der Abholzung und des Schutzes
Die Karte zeigt deutlich, dass Indianerreservate und Naturschutzgebiete die Entwaldung bremsen können. Infrastrukturprojekte treiben sie dagegen richtig voran. Leider versuchen Bergbau- und Landwirtschaftslobbyisten den Schutzstatus von Reservaten parlamentarisch auszuhöhlen.

Im Juni letzten Jahres begleitete ich ein Team des IBAMA und seine schwer bewaffnete Polizeieskorte bei Razzien im südwestlichen Pará, einem der Abholzungszentren. Dabei verbrachten wir Stunden auf unbefestigten Straßen, immer auf der Suche nach den aus Satellitenfotos bekannten Rodungsstellen. Einmal befragte das Team Landbesitzer, durchsuchte Häuser und beschlagnahmte Waffen und Kettensägen – die gesuchte, verdächtige Stelle aber war nicht zu finden. Ein zweiter Ausflug in eine andere Gegend schien ebenso zu enden, doch gegen Abend tauchten ein paar Spuren neben der Straße auf. Wir schlugen uns etwa 50 Meter durch das Unterholz, und plötzlich öffnete sich der Himmel über einem Feld mit gefällten Bäumen. Auf der anderen Seite der Straße war ein Lager mitsamt einem einfachen, mit einer Plane abgedeckten Unterstand, mit Hängematten und einem Propangasofen. Das Team brannte das Lager sofort nieder und setzte so der Operation ein Ende – zumindest für den Augenblick.

Auf den Rodungsflächen trifft das IBAMA meist nur auf die kleinen Fische, doch die Regierung ermittelt auch gegen die dahinterstehenden Kriminellen, die Spekulationsgewinne mit den illegal gerodeten Flächen machen. Nach meiner Abreise im letzten August gelang es den Behörden, eine illegale Organisation in Pará auszuheben, und sie verhaftete dabei 22 Personen. Im Februar gab das IBAMA dann die Festnahme des "größten Abholzers am Amazonas" bekannt. Der Geschäftsmann Ezequiel Castanha aus Novo Progresso gilt als mutmaßlicher Kopf des Amazonas-Kartells und war schon seit Monaten auf der Flucht. Laut offiziellen Angaben ist die Abholzung in der Region nun seit August um 65 Prozent zurückgegangen.

Die Grundlage für die neuen Maßnahmen legte schon 2004 die damalige Umweltministerin Marina Silva, die sich immer für die Umwelt einsetzte und letztes Jahr auch bei den Präsidentschaftswahlen kandidierte. Bereits als Ministerin hatte Silva die Abholzung bekämpft, indem sie das IBAMA stärkte und auch andere Teile der Regierung mit ins Boot holte. Besonders wichtig war aber die Einführung eines ausgeklügelten Systems zur Ausrottung der Korruption innerhalb des IBAMA. Parallel dazu erhöhte Greenpeace den Druck auf die Wirtschaft und machte mit großen Medienkampagnen in ganz Brasilien und weltweit die Verbindungen zwischen Abholzung und Sojaanbau bekannt. Daraufhin boykottierten Supermarktketten und Lebensmittelfirmen wie McDonald's das Soja von illegalen Anbauflächen. Verschiedene dieser Aktionen führten dazu, dass die größten Exporteure Brasiliens im Jahr 2006 ein Moratorium zum Handel mit Sojabohnen von frisch gerodeten Flächen unterschrieben. Zwei Jahre später veröffentlichte das IBAMA eine schwarze Liste der Gebiete mit der höchsten Abholzungsrate. Diese wurden besonders kontrolliert, und die Landbesitzer mussten hier höhere Standards erfüllen, um Finanzhilfen zu erhalten. Die Gemeinde Brasil Novo stand auch auf der Liste, und Viehzüchter wie Alves da Silva rückten da schnell ins Blickfeld des IBAMA.

Illegale Rodungen schadeten der Wirtschaft

In Brasil Novo wird seitdem weniger abgeholzt, so dass der Bezirk zuletzt wieder von der schwarzen Liste genommen wurde. Aber es war ein harter Weg, erinnert sich die Regionalvertreterin Zelma Campos. Bei einer öffentlichen Sitzung zur Bodenordnung im Mai letzten Jahres erzählte mir Campos, dass alle Viehzüchter – auch die legal agierenden – große Probleme bei der Vermarktung ihres Rindfleisches hatten, als die schwarze Liste veröffentlicht wurde. Als Folge davon schrumpfte die lokale Wirtschaft, und die Steuergrundlage sank, was wiederum der öffentlichen Hand schadete. Schlussendlich wurde sogar der Schlachthof in Brasil Novo geschlossen. "Wer will schon in einer Region investieren, die mit Umweltproblemen kämpft", erklärte Campos.

Aber das war erst der Anfang. In Jahr 2009 erhob der 27-jährige Staatsanwalt Daniel Azeredo Anklage gegen einige Rancher und elf der größten Schlachthofbetreiber in Pará, dem Bundesstaat mit der stärksten Abholzung. Azeredo warnte die Hauptabnehmer von Rindfleisch und Leder einschließlich der Supermarktkette Walmart sowie McDonald's und des Bekleidungsunternehmens Adidas davor, dass sie für die Vermarktung von illegal produzierten Waren verantwortlich gemacht werden könnten. Greenpeace startete eine weitere internationale PR-Kampagne, und die Rinderindustrie in Pará brach kurzerhand zusammen.

In den Augen von Azeredo waren es hauptsächlich die ungeklärten Besitzverhältnisse, die es illegalen Kräften erlaubten, mit Gewalt über das Land zu herrschen. In einer ganzen Reihe juristischer Vergleiche drängte Azeredo die Gesellschaften und Gemeindeverwaltungen dazu, ein Grundbuchregister für die ländlichen Regionen in Pará einzurichten, das nicht nur bei Besitzstreitigkeiten Klärung bringen sollte, sondern auch der Regierung die Möglichkeit geben würde, ganz formale Lizenzen in der Landwirtschaft zu vergeben. Um auch den Handel mit Rindern von frisch gerodeten Flächen zu unterbinden, brachte Greenpeace die großen Schlachthöfe dazu, ein ähnliches Moratorium zu unterschreiben wie die Sojaproduzenten schon drei Jahre zuvor.

Viehweiden statt Regenwald ist ein gängiges Bild im südlichen Amazonasbecken. Dabei haben in den letzten Jahren zwei Moratorien – von Sojaproduzenten und Rinderzüchtern – die Entwaldung gebremst.
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Viehweiden statt Regenwald: ein gängiges Bild im südlichen Amazonasbecken. Dabei haben in den letzten Jahren zwei Moratorien – von Sojaproduzenten und Rinderzüchtern – die Entwaldung gebremst.

Seitdem stiegen die Einträge im Grundbuchregister von 500 im Jahr 2009 auf heute mehr als 112 000 Grundstücke, was etwa 62 Prozent des Privatbesitzes des ganzen Bundeslandes Pará ausmacht. Zeitgleich verringerte sich die Abholzung um mehr als 57 Prozent. "Das war wirklich enorm", sagt Paul Barreto, einer der leitenden Wissenschaftler des Instituts für Umweltforschung im Amazonasgebiet (IMAZON) mit Sitz in Parás Hauptstadt Belém. "Die Klage richtete sich eigentlich gegen die Großunternehmen, doch am Ende waren fast alle betroffen." Angesichts der Proteste der Landbevölkerung gegen die neuen Regeln überarbeitete der brasilianische Kongress das Waldschutzgesetz. Verschiedene Maßnahmen wurden gelockert und so manchem Landbesitzer die vorherigen Rodungen nicht angelastet. Allerdings wurde ein nationales Landregister als Grundlage für die staatliche Landverwaltung eingerichtet.

Doch diese Bemühungen lösten nun selber wieder Kontroversen aus. Laut Sojabohnenindustrie erlaubte das Grundbuchregister eine bessere Kontrolle der Landbesitzer durch die Regierung und machte so das Moratorium von 2006 überflüssig; für die Umweltschützer dagegen war das Register aber noch lange nicht fertig. Die ganze Debatte beflügelte immerhin wieder die Frage nach den Ursachen der verringerten Abholzung wie auch die Diskussion über den nächsten Schritt in die Zukunft.

Die Globalisierung ist im Wald angekommen

Wissenschaftler haben inzwischen nach Ursachen und Einflussfaktoren der Abholzung gesucht. Eine Studie aus dem letzten Jahr bestätigte die Vermutung, dass teils globale Wirtschaftskräfte für den ersten Rückgang der Abholzung verantwortlich waren, als nämlich die Rentabilität der Landwirtschaft vor etwa einem Jahrzehnt deutlich zurückging. Aber selbst als die Wirtschaft wieder anzog, blieb die Abholzung auf dem niedrigeren Niveau, so dass die Gründe hierfür wohl eher in den strikteren Maßnahmen und Initiativen wie den Moratorien zu suchen sind. "Dabei wirkten verschiedene Instrumente zusammen, von denen einige besonders effektiv waren", sagt Daniel Nepstad, der Erstautor der Studie, der als Tropenökologe die Non-Profit-Organisation Earth Innovation Institute in San Francisco in Kalifornien leitet. "Keiner der Faktoren kann für sich allein betrachtet werden, sie wirken aber alle in dieselbe Richtung."

Die Geografin Holly Gibbs von der University of Wisconsin-Madison sieht einzelne Strategien als besonders erfolgreich: So sei der Regenwald stärker in Gebieten abgeholzt worden, in denen das Sojabohnenmoratorium nicht galt, einschließlich der bereits im Bundesgrundbuchamt registrierten Grundstücke. Nach bisher unveröffentlichten Auswertungen hatte das Rindermoratorium eine ähnliche Wirkung auf Rancher, die nun bei illegaler Rodung Verkaufsverbote befürchten mussten. "Diese Moratorien führen wirklich zu massiven Veränderungen in Sachen Grund und Boden", resümiert Gibbs. Und es bleibt abzuwarten, was passiert, wenn das Sojamoratorium wie geplant nächstes Jahr ausläuft.

Die brasilianischen Behörden sehen sowieso das Grundbuchregister als Basis einer ganz neuen Landverwaltung. So arbeiten Wissenschaftler im Auftrag der Regierung auch an einem Monitoringsystem, um die verschiedenen Arten der Landnutzung zu klassifizieren und zu beobachten. Hierdurch ergäben sich ihrer Meinung nach bisher unbekannte Möglichkeiten, um die Nutzung der Gebiete landesweit besser zu steuern und zu fördern. "Die Einführung solch eines Systems wäre eine wahre Revolution", meint Francisco Oliveira, der Leiter des Waldschutzprogramms am Umweltministerium in Brasilia.

Abholzung ist zu profitabel

Doch selbst dann bliebe viel zu tun. Nach wie vor ist es für Grundbesitzer billiger und für skrupellose Spekulanten profitabler, den Wald abzuholzen oder niederzubrennen, als die Böden immer wieder aufzuarbeiten und brach liegendes Land zu rekultivieren. Mit Hilfe von Finanzspritzen zum Schutz des Regenwaldes sucht Brasilien nach Möglichkeiten, die bereits gerodeten Flächen wieder nutzbar zu machen. Norwegen hat sich im Jahr 2008 zur Zahlung von einer Milliarde US-Dollar bereit erklärt, sofern Brasilien erfolgreich die Abholzung und damit letztlich die CO2-Emissionen verringert. Dies war die weltweit erste groß angelegte Aktion im Rahmen des REDD (Reducing Emissions from Deforestation and Forest Degradation), eines UN-Konzepts zum Schutz von Wäldern als Kohlenstoffspeicher. Im vergangenen Monat besuchte eine norwegische Delegation das Land, um über eine weitere Investitionsrunde zu sprechen.

Inzwischen hat Brasilien mehr als 150 Millionen US-Dollar für Projekte mit Blick auf die Produktivität der Landwirtschaft, die Artenvielfalt und die Landnutzung ausgegeben; relativ wenig Geld ging dagegen an Grundbesitzer direkt oder an sie unterstützende Programme. "Die Landwirte fühlen sich vor den Kopf gestoßen, weil bisher keine der versprochenen Kompensationen realisiert wurde", sagt Nepstad. Er arbeitet mit großen Unternehmen der Soja- und Rinder-Branche wie auch mit Regierungsbeamten an neuen Maßnahmen, die standardtreue Farmer belohnen, anstatt die zu bestrafen, die dagegen verstoßen. Beispielsweise könnten Grundbesitzer in Bezirken mit reduzierter Abholzung einfacher niedrig verzinste Darlehen erhalten oder Zuschüsse direkt an die entsprechenden Bezirke und Landbesitzer verteilt werden.

Brasiliens Erfahrungen werden auch dem internationalen REDD-Programm hilfreich sein, das im Jahr 2013 beim Rahmenübereinkommen der UN über Klimaveränderungen (UNFCC) ins Leben gerufen wurde. Auch wenn das Abkommen letztlich nur ein Abglanz dessen ist, was sich viele erhofft hatten, so blieb doch der Grundgedanke erhalten: Die Industrienationen bezahlen dafür, dass Kohlendioxid in den Bäumen und Böden gebunden bleibt oder durch eine verbesserte Waldwirtschaft sogar mehr gespeichert wird.

Für dieses Ziel haben Länder wie Norwegen, Deutschland, England und die USA mehr als sieben Milliarden US-Dollar bereitgestellt. Ein Großteil dieser Gelder wurde in PR-Projekte und Schulungen zum Wald-Monitoring gesteckt. Brasilien legte letztes Jahr der UNO auch als erstes Land seine Daten zum Waldbestand und zur Abholzung vor; im Dezember kündigten schon fünf weitere Länder ihren Bericht an. Die ersten Zahlungen könnten dann im Jahr 2017 erfolgen. Auch wenn es bisher keine langfristigen Finanzierungskonzepte gibt, wünschen sich natürlich alle verhandelnden Parteien, dass noch in diesem Jahr in Paris ein Vertrag mit Vereinbarung von Geldströmen unterzeichnet wird. Brasilien hofft auch auf Geld, will sich aber nicht darauf verlassen – seine Behörden wollen sich auch weiterhin auf landesinterne Anstrengungen konzentrieren.

Die Zukunft des Waldes

Die internationale Gemeinschaft lenkt ihre Aufmerksamkeit deshalb inzwischen zunehmend auf Indonesien, wo mehr als in irgendwo sonst Wälder abgeholzt werden. Norwegen hat dem Land eine Milliarde US-Dollar in Aussicht gestellt, wenn die Regierung die Reduktion der Abholzung und der CO2-Emissionen nachweisen kann. Umweltschützer versuchen auch ihre Erfahrungen aus Brasilien auf Indonesien zu übertragen und haben von mehreren internationalen Vereinigungen der Palmölindustrie das Versprechen erhalten, dass diese das Thema Abholzung in Angriff nehmen wollen.

Eine gewisse Skepsis bleibt trotzdem, ob die Strategien aus Brasilien auch in Indonesien greifen werden, wo praktisch aus dem Nichts ein Monitoring- und Maßnahmenprogramm aus dem Boden gestampft werden soll. Aber wie Nepstad weiß, hat vor einem Jahrzehnt auch niemand ernsthaft an einen Wandel in Brasilien geglaubt. In Indonesien "gibt es heute erste Anfänge, wie wir sie vor zehn Jahren in Brasilien gesehen haben", kommentiert er die Entwicklung.

Vieh weidet zwischen verkohlten Baumstümpfen – den kläglichen Resten des einstigen Regenwaldes
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Vieh weidet zwischen verkohlten Baumstümpfen – den kläglichen Resten des einstigen Regenwaldes

Trotz eines Jahrzehnts mit großen Fortschritten bleibt die Zukunft des Amazonasregenwaldes jedoch ungewiss. So sind einige Abgeordnete für die Aufhebung der Schutzzonen, und Präsidentin Dilma Rousseff spricht sich für Investitionen in Häfen und den Bau von Staudämmen aus, was die Abholzung wieder anheizen könnte. Hinzu kommen die Folgen des Klimawandels, der sowohl den Regenwald wie auch die vorhandenen Ackerflächen bedroht.

Deshalb fürchtet der frühere Direktor des Amazonas-Umweltforschungsinstituts IPAM in Brasilia, Paulo Moutinho, dass die Regierung auf einfache Lösungsansätze wie die verstärkte Ausweisung von permanenten Schutzzonen nicht eingehen wird. "Es ist verrückt, aber in Brasilien herrscht die Meinung, wir hätten eh schon zu viele geschützte Gebiete." Andere sind da zuversichtlicher. In Pará sagte mir Azeredo noch, Brasiliens Marsch in Richtung Gesetz und Ordnung würde sich langsam auszahlen. Mit einer gewissen Hartnäckigkeit über ein paar Jahre hinweg ließen sich die Vorgaben in der Rinderindustrie durchsetzen. "Wir bauen gerade erst ein Steuer- und Führungssystem auf", erklärt er. "Bisher wussten wir gar nicht, wie wir das hätten anpacken sollen."

Diese Botschaft scheinen sich Rancher wie Alves da Silva zu Herzen genommen zu haben. "Täglich kommen neue Maßnahmen der Regierung dazu, und es wird immer schwieriger, etwas Illegales zu tun", sagt er. Allerdings hat er nur wenig Hoffnung, dass er seine Herde vergrößern kann, und konzentriert sich deshalb auf die bestehende. Er seilt noch zwei neugeborene Kälbchen an, impft sie und beendet dann seinen Arbeitstag. Als die Sonne untergeht, steigen wir auf unsere Pferde und reiten über seine Weiden davon. Hinter uns zeichnet sich schon deutlich die Silhouette des Waldes ab.