Es ist vollbracht – mittlerweile schon zum zweiten Mal. Die ersten beiden der mit Spannung erwarteten Durchflüge der Raumsonde Cassini zwischen Saturn und dem inneren Rand des Ringsystems waren erfolgreich. Dies war zuvor noch keinem von Menschen gemachten Objekt gelungen, und somit hofften die Wissenschaftler auf einen reichen Schatz an völlig neuen Daten des Ringplaneten. Sie sollten nicht enttäuscht werden: Neben detailreichen Bildern der Saturnatmosphäre lieferte Cassini verblüffende Erkenntnisse über die Region zwischen den Ringen und der Planetenoberfläche – sie scheint nämlich nahezu keine Partikel zu enthalten.

Bereits am 26. April 2017 hatte sich Cassini erstmals in die schmale Lücke gewagt. Dabei kam sie bis auf 3000 Kilometer an die Wolkendecke des Ringplaneten und etwa 300 Kilometer an die innersten Ausläufer der Ringe heran. Während des Durchflugs war die Weitwinkelkamera (WAC) der Raumsonde auf die Oberfläche des Saturn gerichtet und machte hunderte Aufnahmen der Atmosphäre. Mitarbeiter des Jet Propulsion Laboratory (JPL) der NASA fügten diese anschließend zu einem Video zusammen, das insgesamt eine Stunde an Beobachtungszeit wiedergibt. Zu Beginn ist der gigantische Wirbel am Nordpol des Saturn mit seinem zentralen schwarzen "Auge" zu sehen, anschließend schweift der Blick weiter südlich und offenbart Details bis zu Größenordnungen von wenigen Kilometern. Gegen Ende des Films, kurz bevor der Äquator ins Bild wandert, rotiert dann das Blickfeld. Trotz der großen Zuversicht der Missionsplaner, dass der Durchflug ohne größere Probleme gelingen würde, hatte das Team nämlich Vorsichtsmaßnahmen ergriffen: Wenige Minuten bevor Cassini die Ringebene durchquerte, drehte sie sich so, dass die große, tellerförmige Antenne genau in Flugrichtung zeigte. Denn auch kleinere Ringpartikel hätten bei der großen Geschwindigkeit der Sonde von mehr als 100 000 Kilometern pro Stunde relativ zu Saturn schon erheblichen Schaden anrichten können.

Wie sich nach der Übermittlung der beim Durchflug gesammelten Daten aber zeigte, wäre diese Maßnahme gar nicht notwendig gewesen: Die Region zwischen dem Planeten und seinen Ringen scheint relativ leer zu sein. Nur wenige Teilchen kamen Cassini auf ihrem Flug in die Quere – davon war keines größer als solche in Zigarettenrauch, die etwa einen Mikrometer Durchmesser haben. Zu diesem Schluss führten die Daten des Instruments Radio and Plasma Wave Science (RPWS), das den Aufprall von Ringpartikeln aufzeichnete. Die Resultate wandelten Wissenschaftler in eine Audiospur um, worin jeder Zusammenstoß als Knacken oder Poppen hörbar wird, das den üblichen rauschenden und pfeifenden Hintergrund überlagert. Das Ergebnis erstaunte, wie William Kurth, Leiter des RPWS-Teams an der Universität in Iowa, schildert: "Es war etwas verwirrend – wir hörten nicht, was wir erwartet hatten. Ich habe unsere Daten vom ersten Durchflug mehrere Male angehört und ich kann die Anzahl von Staubteilchenaufprällen wahrscheinlich an den Händen abzählen." Messungen des Instruments, als Cassini die äußeren Bereiche der Ringe durchquerte, erinnern mit ihrer hohen Frequenz an Stößen dagegen eher an einen Topf voll explodierenden Popcorns.

Den Wissenschaftlern, die sich mit dem Aufbau des Ringsystems befassen, stellt sich somit ein neues Rätsel: Wieso ist die Lücke zwischen Ringen und Saturn so leer? Wo sind die ganzen Staubpartikel? Und wo oder was ist der "Staubsauger"? Die Ingenieure und Missionsplaner dürfen sich über diese "Große Leere" dagegen vorbehaltlos freuen, denn sie haben in Zukunft viel mehr Freiheiten. Schon im zweiten Durchflug, der nur eine Woche später am 2. Mai 2017 gegen 21:38 Uhr unserer Zeit erfolgte, waren sie nicht mehr auf die Antenne als Schutzschild angewiesen. Stattdessen orientierten sie Cassini so, dass ihre Kameras die Ringstrukturen genauer unter die Lupe nehmen konnten, und auch der Saturnmond Rhea wurde vielfach abgelichtet.

Noch 20 weitere Umläufe sind geplant, bis die Raumsonde am 15. September 2017 kontrolliert zum Absturz gebracht wird – etwa alle sieben Tage findet also ein Durchflug zwischen Saturn und seinen Ringen statt. Alle dabei aufgenommenen Bilder werden auf der Homepage der Mission unbearbeitet veröffentlicht.