Starrt man einige Sekunden auf einen roten Fleck und anschließend auf eine weiße Wand, erlebt man ein grünes Nachbild an genau der Stelle im Gesichtsfeld, an der sich zuvor das Rot befand. Der Grund: Die verhältnismäßig lange Reizung der Rot-Detektoren lässt sie kurzfristig unempfindlicher werden. Auf den Rotanteil im Weiß der Wand reagieren sie daher schwächer, und das komplementäre Grün dominiert den Sinneseindruck.

Das funktioniert offenbar nicht nur mit Farben, sondern auch mit dem Eindruck von Kausalität, wie Forscher um Martin Rolfs von der Humboldt-Universität zu Berlin demonstrieren. Ihre Probanden betrachteten eine Szene, bei der ein Ball auf einen anderen zurollt und ihn scheinbar wegschießt. Nachdem die Freiwilligen dieses Ereignis viele hundert Mal angesehen hatten, waren sie bei ähnlichen Szenen weniger geneigt, im Auftreffen von Ball 1 die Ursache für das Wegrollen von Ball 2 zu vermuten.

Rolfs und Kollegen variierten dazu systematisch die Kollision der gezeichneten Bälle. Im eindeutig "kausalen" Fall stoppte Ball 1, sobald er Ball 2 berührte, woraufhin sich Ball 2 in Bewegung setzte; im anderen Extrem überlappten sich die beiden Kreise erst vollständig, bevor sich Ball 2 bewegte. Beim Zuschauer erzeugt Letzteres den Eindruck, dass sich Ball 1 einfach über Ball 2 hinwegbewegt. In den Fällen dazwischen springt die Wahrnehmung ab einem bestimmten Punkt um: Akzeptiert ein Proband eine 60-prozentige Überlappung noch als Kollision, deutet er eine 65-prozentige Überdeckung eher als kollisionsfreies Vorbeilaufen.

Diesen Punkt, bei dem der Proband beide Interpretationen mit gleicher Wahrscheinlichkeit nennt, konnten die Forscher manipulieren, indem sie ihre Probanden auf eine eindeutig kausale Szene starren ließen. Danach waren vorher klar als Kollisionen gewertete Durchläufe plötzlich nicht mehr eindeutig.

Das Bemerkenswerte am Experiment von Rolfs und Kollegen ist jedoch die Tatsache, dass die Gewöhnung an kausale Szenen auf die jeweilige Netzhautregion beschränkt war. Wurde die kausale Szene etwa ausschließlich im unteren Bereich des Gesichtsfelds wiederholt, verschob sich der Umspringpunkt dann ebenfalls nur bei Darstellungen im unteren Bereich – genau wie das grüne Nachbild immer an derselben Position im Gesichtsfeld auftaucht, an der zuvor der rote Fleck lag.

Die Kausalitätsdetektoren, die sie mit ihrem Experiment ansprachen, scheinen daher bestimmten Arealen der Retina zugeordnet zu sein – sie sind demnach "retinotop" organisiert. Das legt nahe, dass sie auf einer Ebene der visuellen Wahrnehmung angesiedelt sind, auf der sonst eher primitive Bildmerkmale wie Kanten, Formen oder Farbflächen verarbeitet werden, deren Detektoren ebenfalls retinotop organisiert sind.

Eine solche Organisation spiegelt sich auch in den entsprechenden Hirnarealen im Hinterhauptslappen wider: Benachbarte Neurone reagieren hier auf Sinnesreize, die von benachbarten Zellen in der Netzhaut stammen. Um allerdings in Alltagssituationen erkennen zu können, dass ein Ereignis ein anderes auslöst, sei wahrscheinlich mehr als nur die Reaktion der primitiven Kausalitätsdetektoren erforderlich, so die Forscher.