Es begann mit einer Feder. Doch deren Abdruck, den der Frankfurter Paläontologe Hermann von Meyer 1861 beschrieb, hatte es in sich. Denn im gleichen Jahr offenbarten die Plattenkalke in der Nähe der bayerischen Stadt Solnhofen die Überreste eines merkwürdigen Zwischenwesens: Mit Federn wie ein Vogel, aber Zähnen wie ein Reptil stand das elstergroße Tier irgendwie zwischen zwei Welten – und avancierte damit zu einem hervorragenden Beleg für die erst zwei Jahre zuvor veröffentlichte Evolutionstheorie von Charles Darwin, der für die Entwicklung neuer Arten Übergangsformen vorausgesagt hatte. Nach den griechischen Worten archaios für "alt" und pteryx für "Feder" nannte von Meyer die neue Gattung Archaeopteryx.

Neben der Feder und dem im Londoner Naturgeschichtlichen Museum als Typus-Exemplar aufbewahrten Skelettabdruck tauchten in den folgenden anderthalb Jahrhunderten noch weitere acht Urvögel auf. Sie belegen, dass im Jura, vor etwa 150 Millionen Jahren, die Vögel ihren Ursprung hatten – und zwar vermutlich aus Dinosauriern. Die These, dass Vögel wohl nichts anderes als gefiederte Dinosaurier sind, blieb jedoch nicht unumstritten.

<i>Archaeopteryx</i>
© Gerald Mayr/Senckenberg
(Ausschnitt)
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Auf verschlungenen Wegen gelangte nun ein zehnter Archaeopteryx in die Hände der Wissenschaft. Gefunden an einem unbekannten Ort irgendwo bei Solnhofen schlummerte das Fossil bei einem Schweizer Sammler, bevor es sich für von Meyers Nachfahren, die Paläoornithologen Gerald Mayr und Stefan Peters vom Frankfurter Senckenberg-Museum, als wahrer Glücksfall erweisen sollte. Sein außergewöhnlich guter Zustand – der Schädel ist sogar der am besten erhaltene aller bisher gefundenen Urvögel – lieferte den Forschern wertvolle Hinweise über die Evolution des Federviehs.

Besonders angetan zeigten sich die Wissenschaftler über die Füße des Getiers. Denn im Gegensatz zu heutigen Vögeln war die erste Zehe des Urvogels nicht nach hinten gedreht. Demnach ohne zugreifenden Fuß blieb Archaeopteryx ein typisches Vogelverhalten noch verwehrt: das Sitzen auf einen Ast.

Rekonstruktion des Thermopolis-Exemplar
© Scott Hartman
(Ausschnitt)
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Auch die zweite Zehe ließ erkennen, dass Archaeopteryx wohl nur selten – wenn überhaupt – auf Bäumen anzutreffen war und noch einen weiten Weg zu Taube, Spatz und Co zurückzulegen hatte: Die lange, scharfe Kralle erinnerte die Forscher an die Gruppe der Deinonychosaurier – jener flinken Raubsaurier, zu denen auch der durch seine Filmkarriere in "Jurrasic Park" berühmt gewordene Velociraptor gehört.

Archaeopteryx – so zeigt sein zehnter Fund – stand damit den Dinosauriern noch deutlich näher als bisher vermutet. Entsprechend begeistert äußert sich Mayr über das neue Fossil: "Einen Archaeopteryx zu beschreiben ist der Traum jedes Paläoornithologen. Liebend gern würden wir das Exemplar in Frankfurt haben."

"Einen Archaeopteryx zu beschreiben ist der Traum jedes Paläoornithologen. Liebend gern würden wir das Exemplar in Frankfurt haben"
(Gerald Mayr)
Doch letzteres wird wohl ein Traum bleiben. Die Witwe des Schweizer Sammlers bot dem Senckenberg-Museum das wertvolle Stück zwar zum Kauf an, doch die finanziellen Mittel reichten hierfür nicht aus. Zugeschlagen hat schließlich Burkhard Pohl, seines Zeichens Gründer des privaten Dinosaurier-Zentrums Wyoming in Thermopolis. Als "Thermopolis-Exemplar" soll es fortan die dortige Sammlung bereichern. Über den Kaufpreis, den ein anonymer Spender bereitgestellt haben soll, herrscht Stillschweigen. Er dürfte ein wenig höher liegen als beim zweiten, dem Berliner Exemplar, das der Finder gegen eine Kuh eintauschte. Das Paläontologische Museum München hat 1999 für Exemplar Nummer 7 – das weit schlechter erhalten ist – zwei Millionen Mark hingeblättert.

Dass eines der wichtigsten Archaeopteryx-Fossilien in einer privaten Sammlung verschwinden soll, stößt selbst in den USA auf Besorgnis. "Es gibt keine Garantie, dass es hier auf Dauer bewahrt und erhalten wird", warnt der Paläontologe Mark Goodwin von der Universität von Kalifornien in Berkeley.

Pohl sieht das natürlich anders. In seinem Museum lagere sein neu erworbener Schatz sicher und stände der Forschung jederzeit zur Verfügung. Schließlich hätte er durch seinen Kauf erst verhindert, dass das wertvolle Stück in obskure Hände gelangt. Und wenn er seine Sammlung tatsächlich schließen müsste, dann soll es an ein öffentliches Museum, eine Universität oder eine Forschungseinrichtung übergeben werden.

Einen Archaeopteryx hat die Wissenschaft allerdings bereits verloren: Das 1956 entdeckte Maxberger Exemplar, das sich im Privatbesitz des Finders befand, gilt seit dessen Tod 1991 als verschollen.