Jugendliche gelten als aufmüpfig und leichtsinnig. Sie betrinken sich auf Partys und setzen sich danach noch ans Steuer, sie treffen sich mit Freunden, um verrückte Mutproben zu bestehen, sie klauen im Laden, nur des Kicks wegen. Schon die Eltern kleiner Kinder warnt man vor der anstrengenden Zeit, die beginnt, wenn der Nachwuchs 12 bis 14 Jahre alt wird. Neu ist das freilich nicht, schon im alten Babylon vor 3000 Jahren hielt man die Jugend für verdorben, böse, gottlos und faul. Das Schimpfen über die heutige Jugend ist obendrein auch noch ungerechtfertigt, denn rund 80 Prozent der Jugendlichen kommen hier zu Lande relativ undramatisch durch die Adoleszenz.

Doch der verbleibende Teil bereitet Psychologen und Medizinern Kopfzerbrechen. So hat die Weltgesundheitsorganisation (WHO) letztes Jahr darauf hingewiesen, dass der Adoleszenz zu wenig Beachtung geschenkt wird. Denn: Lebensgefährliche Verletzungen durch Verkehrs- und andere Unfälle, Gewalt sowie Selbstverletzungen und Suizide machen 62 Prozent der Todesfälle bei 15- bis 20-Jährigen aus. Teenager sind damit dreimal so häufig von vermeidbaren Todesfällen oder Verletzungen betroffen wie Erwachsene. Die Experten wollen dagegen Präventionsstrategien entwickeln. Was treibt die jugendlichen Querulanten zu ihrem Tun – und was hält sie davon ab?

Seit rund 15 Jahren glauben Neurobiologen die Mechanismen zu kennen, die der pubertären Risikobereitschaft zu Grunde liegen. Denn bei Hirnscanstudien mit Hilfe der funktionellen Magnetresonanztomografie (fMRT) hat sich gezeigt: Das Gehirn wird während dieser Zeit umfassend umgebaut, es wird anders verschaltet und verkabelt. Eine New Yorker Arbeitsgruppe um die Psychoneurobiologin BJ Casey hat basierend auf diesen Studien im Jahr 2008 eine Hypothese aufgestellt, die heute von vielen Wissenschaftlern vertreten wird. Ihr zufolge kommt es in der Pubertät zu einem entscheidenden Ungleichgewicht im Hirn.

Riskanter Umbau am lebenden Hirn

Betroffen ist laut Casey das für Belohnungs- und Hochgefühle verantwortliche limbische System, das in der Entwicklung vorausgeeilt ist, während der gleichsam als Kontrollinstanz fungierende präfrontale Kortex hinterherhinkt. In der Folge neigen Jugendliche oftmals zu irrationalen Entscheidungen. Das zeigen etwa auch Labortests, bei denen Jugendliche stets mehr riskieren als Erwachsene, egal ob bei Glücksspielen oder im Fahrsimulator. Daniel Siegel, Psychiater an der UCLA School of Medicine, sagt: "Auch Neues kann dieses Hochgefühl triggern."

Die Suche nach dem Hochgefühl
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Jugendliche feiern auf einem Rockkonzert – laute Musik, tanzen und Alkohol sorgen für Hochstimmung.

Offen ist, welcher evolutionäre Sinn hinter der entwicklungsbedingten Risikofreude stecken könnte. Gerade Menschen, die sich noch nicht fortgepflanzt haben, sollten doch tunlichst vermeiden, sich in bedrohliche Situationen zu manövrieren. Aber die Neustrukturierung im Gehirn lässt sich auch als besondere Anpassungsleistung verstehen: Durch neugieriges und riskantes Verhalten kommen die Jugendlichen in Kontakt mit anderen Menschen, sammeln Erfahrungen, erhalten Anerkennung von Gleichaltrigen und vergrößern ihren Freundeskreis.

So haben fMRT-Studien unter anderem von Laurence Steinberg, Psychologe an der Temple University, gezeigt, dass das Belohnungssystem im Gehirn pubertierender Kinder besonders stark angekurbelt wird, wenn sie Anerkennung aus der Peergroup erhalten. Wenn die ganz Clique raucht, ist darum die Wahrscheinlichkeit groß, dass das eigene Kind trotz bekannter Gefahren irgendwann mitmacht, einfach um dazuzugehören.

Denn gute soziale Kontakte außerhalb der Familie sind wichtig für ein erfolgreiches, selbstständiges Leben, sie erleichtern die Abnabelung und die eigene Familiengründung. Die New Yorker Wissenschaftlerin Casey meint darum: "Das adoleszente Gehirn ist also keineswegs defizitär." Und auch Siegel betont das Positive: "Adoleszenz ist vielleicht schwierig für die Beteiligten, aber sie ist unabdinglich für unsere Spezies als Ganzes." Dafür, dass hinter der Pubertät eine Art biologisches Programm steckt, spricht auch, dass Forscher in allen menschlichen Kulturen und sogar bei Tieren eine erhöhte Risikobereitschaft in dieser Entwicklungsphase beobachtet haben.

Armut verursacht Probleme

Allerdings gibt es auch einige Skepsis an dieser Theorie, die alle Teenager quasi zu Marionetten ihrer Biologie macht. Mike Males, Soziologe am Center on Juvenile and Criminal Justice in Kalifornien, sieht das Phänomen als gesellschaftlich gemacht: "Alle Studien zum Vergleich von Risikoverhalten von Jugendlichen und Erwachsenen berücksichtigen nicht, dass viel mehr Jugendliche in ärmlichen Verhältnissen leben als Erwachsene", schreibt er in einer aktuellen Studie. So sind mehr als die Hälfte der 15- bis 24-Jährigen in Kalifornien von Armut betroffen, aber nur 7 Prozent der 40- bis 50-Jährigen. "Wenn man Armut und Wohlstand herausrechnet, dann findet man bei Erwachsenen im mittleren Alter sogar mehr Kriminalität, Todesfälle durch Waffengewalt oder tödliche Unfälle", so Males. Doch diesen Kritikpunkt lässt Laurence Steinberg nicht gelten. Er hält Males’ Berechnungen für fehlerhaft, dieser habe Daten unzulässig zusammengefasst. Seiner Meinung nach ist die höhere Kriminalitätsrate bei Jugendlichen also unabhängig von Armutsverhältnissen.

Empirische Studien zeigen: Vor allem "Problemkinder" bereiten später in ihrer Jugendphase Schwierigkeiten

Doch der Soziologe Males geht noch weiter und kritisiert seinerseits die Hirnscanstudien. Diese basierten auf zu kleinen Stichproben, um belastbare Aussagen zu machen. Schließlich belegen aktuelle Überblicksartikel, dass zahlreiche Studien in ihrer Aussagekraft überbewertet und oft nicht reproduzierbar waren. Nötig seien stattdessen langjährige Projekte, bei denen Probanden immer wieder in den Hirnscanner geschoben werden, um die Veränderungen in der Gehirnarchitektur mit dem realen Alltag abzugleichen. Ähnlich sieht es James Bjork, Psychiater an der Virginia Commonwealth University. Er hält es für spekulativ, jugendliches Verhalten in der realen Welt durch einzelne Gehirnveränderungen zu erklären.

Riskant verhalten sich eher junge Erwachsene

Auch Bjork macht auf Ungereimtheiten der Casey-Theorie aufmerksam: So finden die Neurobiologen einen Peak des Ungleichgewichts zwischen Stammhirn und Kortex im Alter von 14 bis 15 Jahren. Doch das wahre Risikoverhalten zeige sich erst viel später, nämlich im Alter zwischen 19 und 23. Erst dann ist die Gefahr von tödlichen Unfällen, Komasaufen, ungeschütztem Sex, Drogenkonsum oder kriminellen Handlungen am größten. "In dieser Zeitspanne kehren aber die Aktivitäten der Belohnungszentren auf ihren vorpubertären Wert zurück", schreibt Bjork. Für den Psychologen Steinberg ist klar, woran das liegt: "Die jüngeren Jugendlichen haben weniger Zugang zu Waffen, Alkohol und Autos, und darum können sie schlichtweg nichts Illegales anstellen."

Sein Kollege Bjork vermutet jedoch einen anderen Zusammenhang: "Man sieht diese Besonderheiten im Gehirn vor allem bei einer Untergruppe der Kinder bereits vor der Pubertät." Und nicht nur das: Die Betroffenen zeigen schon mit 14 oder 15 Jahren ein hochriskantes Verhalten. Er vermutet daher, dass die Hirnscanstudien bislang nicht diagnostizierte soziale Verhaltensstörungen aufdecken, die in der frühen Kindheit entstanden sind. Zu diesen Leiden zählen die Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS) und die oppositionell-aufsässige sowie die antisoziale Verhaltensstörung. "Diese Kinder sind aber eben nicht neurotypisch für die Altersgruppe", so Bjork. Das heißt, ihre Gehirnentwicklung verläuft möglicherweise ganz anders als bei der Mehrheit der Heranwachsenden.

Diese Beobachtung deckt sich mit empirischen Studien. Auch hier wurde belegt, dass vor allem "Problemkinder" in der Jugendphase weiterhin Schwierigkeiten bereiten, während in Familien mit einer guten Eltern-Kind-Beziehung auch in der Adoleszenz selten fundamentale Konflikte vorkommen. Von diesen Verhaltensstörungen sind nun ihrerseits auch wieder häufiger Jugendliche in sozialen Brennpunkten betroffen, was sich mit der Armutstheorie von Males decken würde.

Wo kommt die Natur zur Geltung?

So dreht sich der Streit im Grunde um die Frage, wie viel Biologie in der jugendlichen Risikobereitschaft steckt – und wie viel davon letztlich kulturell geprägt ist. Hier liegen die Meinungen der beiden Parteien gar nicht so weit auseinander. Denn auch die Verfechter der Casey-Theorie gehen davon aus, dass das Gehirn durch seine immense Plastizität veränderbar ist. "Die für Emotionen zuständigen limbischen Schaltkreise hängen von Umwelterfahrungen ab", meint BJ Casey. So ist unumstritten, dass frühkindliche Erfahrungen einen Einfluss darauf haben, wie Kinder mit negativen Gefühlen, etwa Wut und Enttäuschung, umgehen können und wie gut das Belohnungssystem anspringt.

Steinberg hält dagegen vor allem die späteren Reifeprozesse im Kontrollzentrum des Gehirns für stark beeinflussbar. "Wenn ein Teenager schnell Selbstkontrolle lernt und dadurch nicht verhaltensauffällig oder kriminell wird, ist das wahrscheinlich gesellschaftlich bedingt", sagt Steinberg. In westlichen Industrienationen verstärkt etwa das Internet eher Regelverstöße. Es ist voll von glorifizierenden Geschichten über verrückte Partys, Drogen- und Sexorgien. Auch der Zugang zu Drogen wird durch soziale Netzwerke erleichtert. Auf der anderen Seite bieten die westlichen Gesellschaften auch wenig Orientierung durch die Erwachsenenwelt. Erwachsensein gilt eher als uncool. Ganz anders auf der Pazifikinsel Samoa. Hier gab es lange Jahre strenge Klanhierarchien, die den Pubertierenden ihren Platz zuwiesen. Erst als im Jahr 1976 das Fernsehen auf die Insel kam, heißt es, seien vermehrt die typischen Teenagerprobleme aufgetreten.