Die deutschen Ärzte sind unzufrieden. Unzufriedener als ihre Kollegen aus den USA, weit unzufriedener noch als Australier, Neuseeländer oder Engländer: 83 Prozent der deutschen Mediziner meinen, die ärztliche Versorgung habe sich in den letzten fünf Jahren verschlechtert.

Zufriedenheit der Hausärzte mit ihrem Gesundheitssystem
© Katrin Weigmann/Commonwealth Fund
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Dabei steht unser Gesundheitssystem gar nicht so schlecht da: Im Jahre 2006 setzte der jährliche Konsumenten- Index des Health Consumer Powerhouse das deutsche Gesundheitssystem im europäischen Vergleich auf Platz 3. Woher kommt die Kluft zwischen scheinbar vorbildlicher Versorgungslage in Deutschland und geringer Akzeptanz? Schimpfen wir Deutschen mal wieder – wie man uns ja gerne vorwirft – auf hohem Niveau?

In zwei Studien hatte der Commonwealth Fund, eine US-amerikanische private Stiftung im Gesundheitsbereich, diejenigen befragt, die am meisten mit dem Gesundheitssystem zu tun haben: 2005 wurden Patienten aus sechs verschiedenen Ländern interviewt; in der Folgestudie ein Jahr später untersuchte der Fonds die Einstellung von Hausärzten aus sieben Staaten: Australien, Kanada, Deutschland, Neuseeland, Großbritannien, die USA sowie neu hinzugekommen die Niederlande. Auch in diesen Befragungen präsentiert sich das deutsche System in manchen Aspekten geradezu vorbildlich. Aber zur Bestätigung der Nörgler lässt sich feststellen, dass es eben auch Bereiche gibt, in denen es bei uns gar nicht so rosig aussieht.

Britische Geduld

Die gute Nachricht zuerst: Beim Thema Koordination und Organisation der Versorgung von Patienten präsentieren sich die Deutschen glänzend. So geben zum Beispiel nur 4 Prozent der deutschen Ärzte an, dass Verfahren oft oder manchmal wiederholt werden mussten, weil Testergebnisse nicht verfügbar waren – in Großbritannien sind 28 Prozent dieser Ansicht.

Wartezeiten auf Termin beim Spezialisten
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Auch brauchen wir Deutschen uns nicht mit langwierigen Behandlungs- und Untersuchungstermine herumzuplagen. Und das ist, betrachtet man die Situation in den anderen Ländern, keine Selbstverständlichkeit. Ein Fünftel der deutschen Patienten wartet länger als vier Wochen auf einen Termin beim Spezialisten, in Großbritannien über die Hälfte. Hierzulande muss kaum sich jemand länger als ein halbes Jahr auf eine Operation gedulden, in Großbritannien dagegen ein Drittel – 14 Prozent der Briten müssen sogar mehr als ein Jahr ausharren.

Zahlreiche Behandlungsfehler

Das gute Abschneiden Deutschlands in diesem Bereich deckt sich auch mit den Ergebnissen anderer Studien. Im Gesundheitskonsumenten-Index 2006 hat Deutschland vor allem mit geringen Wartezeiten gepunktet. In der Rubrik "Erfolge" allerdings – hier wurde zum Beispiel die Sterblichkeitsrate bei verschiedenen Krankheiten bewertet – schnitten die Deutschen nur knapp besser ab als der europäische Durchschnitt. So richtig viel zu nützen scheint die gute Organisation des deutschen Versorgungssystems also nicht.

Glaubt man den Studien des Commonwealth Fund, sind Behandlungsfehler in allen befragten Ländern alarmierend häufig – und Deutschland bildet hier keine Ausnahme. Ein Zehntel der deutschen Patienten geben an, in den zwei Jahren vor der Befragung falsch behandelt worden zu sein. Fast die Hälfte von ihnen hatte als Folge davon mit schweren bis mittelschweren Gesundheitsproblemen zu kämpfen – Deutschland liegt mit diesen Zahlen im Mittelfeld.

Allerdings werden hierzulande nur gerade einmal 15 Prozent der Betroffenen vom medizinischen Personal über Behandlungsfehler informiert. In anderen Ländern geht man weit offener damit um. Des Weiteren lässt in Deutschland die Nachsorge nach einem Krankenhausaufenthalt zu wünschen übrig. Die Hälfte der deutschen Patienten hatte keinen Termin zur Nachsorgeuntersuchung, in anderen Ländern sind es höchstens ein Drittel.

Im Acht-Minuten-Takt

Verbesserungspotenzial besteht überall – auch in Deutschland. Aber welche Maßnahmen wären wichtig? In der Umfrage des Commonwealth Fund wünscht sich jeder zweite deutsche Arzt mehr Zeit für seine Patienten – ein Aspekt, der für sie oberste Priorität hat.

Zahl der Patienten pro Woche
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Die Realität sieht leider anders aus: 243 Patienten durchschnittlich bekommt ein deutscher Arzt pro Woche in seiner Sprechstunde zu sehen, in den anderen Ländern sind es nur zwischen 102 (USA) und 154 (Großbritannien). Etwa ein Zehntel ihrer Zeit verwenden deutsche Hausärzte für administrative Aufgaben – auch das ist mehr als in irgendeinem anderen der in der Studie vertretenen Staaten. Obwohl deutsche Ärzte mit 50,6 Stunden pro Woche überdurchschnittlich viel arbeiten, sehen sie ihre Patienten eher selten: 62 Prozent ihrer Zeit verbringen sie im direkten Patientenkontakt. Damit bleiben weniger als acht Minuten pro Patient – inklusive "Guten Tag", "Setzen Sie sich bitte" und so weiter.

US-amerikanische, kanadische und neuseeländische Mediziner nehmen sich mehr als doppelt so viel Zeit für ihre Patienten – und sind dann auch noch mit etwa 45 Arbeitsstunden pro Woche ausgeruhter als ihre deutschen Kollegen. Überlastet fühlen sich in Deutschland nicht nur die niedergelassenen Ärzte. Auch Ärzte in Krankenhäusern klagen über zu wenig Zeit, wie die Ärztestreiks im letzten Jahr deutlich gemacht haben. Unter diesem ständigen Zeitdruck bleiben Behandlungsfehler nicht aus. Woher kommt der Zeitdruck?

Ständige Propaganda

Der häufig diskutierte deutsche Ärztemangel allein kann das Phänomen nicht erklären – Deutschland bietet mehr Ärzte pro Einwohner an als die meisten anderen Industrieländer. Da bleibt als Erklärung nur noch: Die Deutschen suchen öfter medizinischen Rat und werden dann oft überbehandelt.

"Die Menschen hierzulande sind einer ständigen Propaganda ausgesetzt"
(Harald Kampus)
"Etwa dreimal im Jahr geht jeder Norweger durchschnittlich zum Arzt, mehr als 16-mal jeder Deutsche", schreibt der Allgemeinmediziner Harald Kampus im Deutschen Ärzteblatt. Er beklagt, dass in Deutschland zu viele unnötige Untersuchungen stattfinden, die "Menschen hierzulande [sind] einer ständigen Propaganda ausgesetzt, die an allen Ecken potenzielle Risiken ausmacht und meist auch die entsprechende Lösung bereithält".

"Systematisch werden Menschen medizinischen Prozeduren ausgesetzt, die ihnen keinen oder nur wenig Nutzen bringen", meint auch der Medizinjournalist Jörg Blech in seinem Buch "Heillose Medizin". So bekommen Deutsche zum Beispiel mehr als doppelt so häufig einen Herzkatheder gelegt als der Durchschnitt der Bürger aller OECD-Mitgliedstaaten.

Der Verdacht liegt nahe, dass die Häufigkeit dieser Eingriffe auch auf wirtschaftliche Interessen zurückzuführen ist. Unser Gesundheitssystem scheint somit an einer Krankheit besonders zu leiden: der Diskrepanz zwischen dem, was sich rentiert und dem, was der Patient braucht.