In der Welt der Erwachsenen ist eine vernünftige Entscheidung eine, bei der man möglichst viel erreicht. Kinder verstoßen oft gegen diese rationale Regel der Gewinnmaximierung. Wenn sie die Wahl haben, einen saftigen Marshmallow sofort zu essen oder zu warten und dafür zwei zu bekommen, geben die allermeisten Kinder nach kurzer Zeit ihrer Lust am Süßen nach. Bisher wurde für dieses nicht rationale Verhalten im so genannten "Marshmallow-Test" eine angeborene Schwäche der Selbstkontrolle verantwortlich gemacht. Wissenschaftler der University of Rochester in den USA haben jetzt herausgefunden, dass dies nur die halbe Wahrheit ist: Wie rational sich ein Kind Verhält, wird stark davon beeinflusst, wie sehr es seiner Umwelt vertraut.

Essen oder warten?
© University of Rochester / J. Adam Fenster
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Das Team von Celeste Kidd hat den alten Marshmallow-Test mit einem Experiment kombiniert, bei dem zuerst auch die Geduld der Kleinen auf die Probe gestellt wurde. Die Vier- bis Sechsjährigen wurden gefragt, ob sie zum Malen die wenigen, alten Wachsmalkreiden benutzen wollten, die direkt auf dem Tisch lagen, oder ob sie lieber mehr und neue Kreiden hätten, die aber erst noch geholt werden müssten. Alle Kinder entschieden sich für die neuen Malstifte und harrten zweieinhalb Minuten vor ihrem Blatt Papier aus.

Das Warten lohnte sich aber nicht für alle: Die Hälfte der kleinen Maler bekam wie versprochen den großen Eimer mit neuen, bunten Kreiden. Die andere Hälfte wurde mit einer Entschuldigung vertröstet und musste dann doch enttäuscht mit den alten Wachsmalern vorlieb nehmen.

Wurden die Kinder anschließend vor die Wahl gestellt, einen Marshmallow sofort zu essen oder zu warten und dafür zwei zu bekommen, hing ihre Entscheidung stark von der Erfahrung im vorangegangenem Malexperiment ab. Die Gruppe, deren Vertrauen enttäuscht worden war, konnte nach durchschnittlich drei Minuten der Versuchung nicht mehr widerstehen und aß die Süßigkeit, sobald sie alleine waren. Die Kinder, die gelernt hatten, dass sie sich auf die Versprechen der Erwachsenen verlassen konnten, warteten dagegen im Schnitt 12 lange Minuten. Über die Hälfte hatte sogar nach der maximalen Wartezeit von 15 Minuten den Marshmallow noch nicht gegessen.

Der Marshmallow-Test wurde lange als Standardmaß für die Selbstbeherrschung von Kindern gesehen – je länger ein Kind wartet, desto besser hat es sich unter Kontrolle. Diese Fähigkeit wurde in zahlreichen Studien auch mit positiver Entwicklung im weiteren Leben in Verbindung gebracht, wie zum Beispiel dem Erreichen schwieriger Berufsziele. Kidd und ihre Kollegen schließen sich einer wachsenden Gemeinschaft von Forschern an, die diese eindimensionale Interpretation in Frage stellt. Für das spätere Verhalten im Erwachsenenleben sei die Verlässlichkeit der Umwelt ein ausschlaggebender Faktor, so die Forscher.