Die zahlenmäßig stärkste Fraktion der Ozeanbewohner bilden – nein, weder Algen noch Krebse, Muscheln oder gar Fische. Es sind die Viren, sofern man bei diesen Erbgutsträngen in schützender Eiweißhülle überhaupt von Lebewesen sprechen kann. In den Weltmeeren tummeln sich aber tatsächlich geschätzte vier Quintillionen Viren: eine 4 gefolgt von 30 Nullen – damit übersteigt ihre Zahl beispielsweise die der Bakterien um mindestens eine Größenordnung.

Entenschnabelaal
© OAR/National Undersea Research Program (NURP)
(Ausschnitt)
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Eine derart virulente Suppe muss das Leben darin entsprechend stark prägen, dachten sich Roberto Danovaro von der Università Politecnica delle Marche im italienischen Ancona und seine Kollegen. Schließlich deutet vieles darauf hin, dass die Erreger permanent einen Großteil der marinen Fauna und Flora hinwegraffen – mit den entsprechenden Folgen für Nährstoffkreisläufe, Kohlenstoffspeicherung und -freisetzung oder Artenzusammensetzung. Wie stark die Viren ihre ozeanische Umwelt und vor allem die darin befindlichen Prokaryoten wie Bakterien und Archeen jedoch wirklich prägen, wusste man bislang nur ansatzweise. Mehr als 230 Sedimentproben aus der Tiefsee vieler Ozeangebiete sollten Danovaros Team deshalb zumindest einen ersten Einblick verschaffen.

Der oberste Zentimeter Meeresboden festigt jedenfalls der Viren Titel als häufigste "Organismen" des blauen Planeten, denn unabhängig von Ort und Tiefe der Sammelstelle bevölkern im Schnitt mehr als 7,5 Billionen Exemplare jeden Quadratmeter Grund. Sie sinken allerdings nicht zusammen mit ihren toten Opfern aus oberen Wasserschichten hinab, sondern sind reger Bestandteil der Tiefsee-Lebewelt: In Tests erwiesen sich mehr als 99 Prozent von ihnen als aktiv und infizierten die Mikroben in ihrem Umfeld. Zudem sind sie offensichtlich sehr vermehrungsfreudig, denn bis zu 106 Mal replizierten sich manche der Erreger in den befallenen Bakterien, bevor diese das Zeitliche segneten, sich auflösten und ihre letale Fracht wieder in die Freiheit entließen.

Die in veritabler Zahl vorhandenen Viren sind damit so produktiv, dass sie sich quasi alle zwei Tage komplett erneuert haben. Zumindest für sie ist die Tiefsee also in keinster Weise lebensfeindlich, wohl aber für ihre Opfer. Davonaros Team kalkuliert, dass die Erreger jenseits von 1000 Metern Wassertiefe zu 90 Prozent die mikrobielle Sterberate verantworten – fünfmal so stark wie in küstennahen Bereichen.

Krabbe in der Tiefsee
© OAR/National Undersea Research Program (NURP)
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Was aber passiert mit dem anfallenden toten organischen Material und der Nahrungskette? Schließlich reduzieren die Viren immer wieder drastisch die Bakterienbestände in ihrem Umfeld, so dass diese nicht mehr höheren Ebenen als Ernährungsgrundlage dienen können. Zugleich fallen sie als Verwerter der beständig herabrieselnden Algen-, Fisch- oder Walkadaver aus, weshalb deren Bestandteile langsamer für andere Lebewesen aufbereitet werden. Immerhin könnte die hohe Mortalität erklären, warum die prokaryotische Biomasse trotz vorherrschenden Mangels in der Tiefsee kaum von der ortsansässigen Fauna genutzt wird, so die Biologen.

Auf der anderen Seite werden durch das angerichtete Massaker pro Jahr rund 500 Millionen Tonnen Kohlenstoff freigesetzt und Nährelemente wie Stickstoff und Phosphor wieder in den natürlichen Kreislauf eingespeist – ein Bonanza für die überlebenden Mikroben: Befreit von lästiger Konkurrenz können sie sich an leichter verfügbaren Nährstoffen aus den zersetzten Artgenossen delektieren, was sie zu verstärktem Wachstum und höherer Produktivität beflügelt. Die Viren sind also nicht nur der Bakterien größter Wolf – sie sind auch ihr stärkster Förderer.