Geschäftiges Klappern in der Redaktion: Flinke Hände bearbeiten die Tastaturen und entlocken ihnen einen mehr oder weniger regelmäßigen Rhythmus. Plötzlich verabschiedet sich ein Händepaar aus dem Konzert und hält inne. Einige Sekunden später schallt die Frage durch das Büro: "Hat jemand mal ein anderes Wort für 'Mulde'?" Die anderen Hände verharren in ihrer Tätigkeit – eine Sekunde, zwei Sekunden – "Wie wäre es mit 'Grube'?", kommt schließlich die Antwort aus der anderen Ecke. "Hab' ich auch schon geschrieben. Danke, ich schau mal im Synonym-Wörterbuch nach."

Doch all die Vorschläge bei "Mulde" wollen nicht so richtig passen, also schnell noch bei "Grube" nachgeschaut: "Bergwerk" und "Mine" stehen hier als Option – na, das passt nun wirklich nicht. Es ist schon komisch, auf welche Wörter man kommt, wenn man ausgehend von einem bestimmten Begriff nach Synonymen oder Sinnverwandtem fahndet. Wissenschaftler haben diese Wortbeziehungen nun etwas genauer untersucht und dabei Erstaunliches herausgefunden: Denn zumindest in der englischen Sprache lassen sich zwei beliebige Standard-Vokabeln über drei Begriffe ähnlicher Bedeutung miteinander verbinden.

Zu diesem Ergebnis kamen Adilson Motter von der Arizona State University in Tempe und seine Kollegen, als sie die Verknüpfungen des frei erhältlichen Moby Thesaurus II untersuchten. Das Wörterbuch umfasst 30 000 Einträge, wobei jedem im Schnitt hundert verwandte Begriffe zugeordnet sind. Die Wissenschaftler beschränkten sich bei ihrer Analyse jedoch ausschließlich auf bestimmte Hauptwörter, die sprachlich geläufig sind. Aus ihnen bauten sie einen Netzwerk aus verwandten Wörtern, wobei jeder Knoten (ein Begriff) mit etwa 60 anderen Knoten verbunden war.

So haben die Begriffe "Schauspieler" und "Universum" auf den ersten Blick nicht viel miteinander gemein – auf den zweiten jedoch schon. Denn die beiden Worte lassen sich anhand des Moby Thesaurus II tatsächlich über einen kurzen Weg miteinander verbinden: Die erste Station der Reise führt vom actor (Schauspieler) zum character (Charakter). Unter den synonymen Begriffen zu character findet sich dann auch nature (Natur, Wesen, Charakter), wo dann schließlich auch der Verweis auf universe steht. Alles nur Zufall? Mitnichten, laut Motter gilt das für beliebige Wortpaare – vorausgesetzt, es handle sich um geläufige Begriffe.

Damit bilden also auch die Worte einer Sprache ein so genanntes Kleine-Welt-Netzwerk. Ähnliches beobachteten Wissenschaftler auch schon bei Bekanntschaftsgraden von Menschen. So soll angeblich jeder Erdenbürger über sechs Stationen mit einer beliebigen anderen Person verbunden sein. Auch eine andere Eigenschaft dieser small-world-Systeme lässt sich bei einer Sprache beobachten: Denn sind zwei Begriffe über ihre Bedeutung mit einem dritten verknüpft, so ist auch die Wahrscheinlichkeit groß, dass die beiden ersteren eine Verbindung zueinander pflegen – eine Gruppenbildung also.

So ist das Wort nature sowohl unter universe aber auch unter world aufgeführt, und auch die letzten beiden Begriffe verweisen gegenseitig auf sich. Das kommt nicht von ungefähr, vermuten die Forscher. Denn schließlich erinnern wir uns an Dinge auch in assoziativer Weise, wobei ähnliche Erfahrungen gruppiert werden – zumindest fällt es uns so in der Regel deutlich leichter, Erinnerungen hervorzugraben. Da erscheint es nur logisch, dass eine ganz ähnliche Gruppenbildung auch in der Sprache eine Rolle spielt, da wir hier ja auch ständig nach den richtigen Worten suchen.

Dass dabei so scheinbar unterschiedliche Begriffe wie Schauspieler und Universum nur ein paar Worte voneinander entfernt sind, erleichtert die geistige Suche ungemein, vermuten Motter und sein Team. Denn wir fänden so unabhängig vom Ausgangspunkt schnell die richtigen Begriffe. Glaubt man dieser Argumentation, so hat sich die heutige Struktur von Sprachen nur so entwickelt, da sie am einfachsten zu benutzen ist. Und Wörter hätten deshalb so viele Bedeutungen erlangt, weil dadurch ein eng verknüpftes Netzwerk entsteht und der Abstand von einzelnen Begriffen gering ist.

"Senke", tönt es hinten aus dem Zimmer. "Ja der Begriff passt." Der menschliche Thesaurus ist halt immer noch der beste – auch, wenn es manchmal etwas länger dauert. Aber schließlich gilt es im Geist ja auch unzählige semantische Pfade zu verfolgen – immer auf der Suche nach dem richtigen Wort.