"'Gelée Royale'", las er vor, "'muss eine ungeheuer nahrhafte Substanz sein, denn die Bienenlarven, die mit nichts anderem gefüttert werden, haben nach fünf Tagen das Fünfzehnhundertfache ihres ursprünglichen Gewichts erreicht.'"
"Wie viel?"
"Das Fünfzehnhundertfache, Mabel. Und weißt du, was das bedeutet, wenn man das Gewicht eines Menschen zu Grunde legt? Es bedeutet" – er senkte die Stimme, beugte sich vor und blickte sie mit seinen kleinen hellen Augen an – "es bedeutet, dass ein Baby von siebeneinhalb Pfund nach fünf Tagen
fünf Tonnen wiegt!"
Zum zweiten Mal hörte Mrs. Taylor auf zu stricken.
"Du darfst das natürlich nicht wörtlich nehmen, Mabel."
"Warum nicht?"
"Weil es bloß eine wissenschaftliche Ausdrucksweise ist."


Gelée Royale eignet sich möglicherweise nicht – so wie es der Meister des angelsächsischen makaberen Humors, Roald Dahl, in seiner gleichnamigen Kurzgeschichte beschreibt – als Babynahrung. Doch für die Honigbiene (Apis mellifera) erweist sich der Weiselfuttersaft tatsächlich als wahres Wundermittel: Larven, die in den Genuss der Substanz kommen, entwickeln sich zu fruchtbaren Königinnen und sind damit prädestiniert, einen neuen Bienenstaat zu gründen. Ihren Schwestern ohne königliche Kost steht dagegen ein Dasein als unfruchtbare Arbeiterinnen bevor.

<i>Apis mellifera</i>
© Ryszard Maleszka
(Ausschnitt)
Apis mellifera
Die genaue Rezeptur des Kraftfutters ist immer noch unbekannt. Genauso rätselhaft bleibt, warum genetisch identische Individuen sich auf Grund der Ernährung vollkommen unterschiedlich entwickeln. Möglicherweise, so vermuteten Ryszard Maleszka und seine Kollegen von der Australischen National-Universität in Canberra, greift Gelée Royale direkt in die Klaviatur der Genetik ein.

Der Gedanke ist nicht so abwegig. Schließlich kennen Biologen schon lange das Phänomen, dass bei unverändertem Erbgut unterschiedliche äußere Erscheinungsbilder auftreten können. Derartige "epigenetische" Effekte entstehen beispielsweise durch die Methylierung der Erbsubstanz: Eine angelagerte Methyl-Gruppe verhindert, dass die DNA an dieser Stelle abgelesen werden kann.

Eine Schlüsselrolle hierbei spielen die DNA-Cytosin-5-Methyltransferasen (Dnmt) – Enzyme, die Methylgruppen an die DNA anlagern. Die Forscher um Maleszka blockierten nun bei Bienenlarven mittels RNA-Interferenz die Produktion des Enzyms Dnmt3.

Gelée Royale
© Ryszard Maleszka
(Ausschnitt)
Gelée Royale
Die Wirkung war frappierend: 72 Prozent der Bienenlarven mit kaltgestellter Methylierung verwandelten sich in Königinnen mit gesunden Eierstöcken. Lediglich 28 Prozent zogen ein Arbeiterleben vor.

Dagegen verblieb die Kontrollgruppe, bei der die Forscher ein anderes Gen abgeschaltet hatten, zu 77 Prozent in der Arbeiterklasse. Nur 23 Prozent schafften den sozialen Aufstieg, wobei etliche sich mit unterentwickelten Ovarien begnügen mussten.

Die künstlich erzeugten Königinnen unterschieden sich praktisch nicht von ihren Artgenossinnen, die mit Gelée Royale gefüttert worden waren. Demnach scheint das majestätische Mahl tatsächlich epigenetisch zu wirken: Indem es die Methylierung bestimmter Gene unterbindet, können diese aktiv werden und der jungen Biene eine königliche Zukunft bescheren.

Ob Gelée Royale auch beim Menschen wirkt, bleibt zweifelhaft. Roald Dahls Geschichte von dem Ehepaar, das seinen Nachwuchs mit dem Bienensaft aufpäppeln wollte, endet wenig ermutigend:

Langsam wandten sich die Augen der Frau dem Kind zu. Es lag nackt auf dem Tisch, weiß, fett und verschlafen, wie eine gigantische Made, die sich dem Ende ihres Larvenlebens nähert und bald mit fertig ausgebildeten Mundwerkzeugen und Flügeln zum Vorschein kommen wird.
"Warum deckst du sie nicht zu, Mabel?", sagte er. "Wir wollen doch nicht, dass sich unsere kleine Königin erkältet."