Die Beziehung zwischen Laus und Mensch ist eine lange. Spuren von Kopfläusen (Pediculus humanus capitis) fanden Forscher bei einem 10 000 Jahre alten Skelett in Brasilien, an Kämmen in jahrtausendealten Gräbern in Israel und bei ägyptischen Mumien. Die Laus ist einer der ältesten und häufigsten Parasiten des Menschen. Sie ist weltweit verbreitet.

Wessen Sprösslinge den Kindergarten oder die Schule besuchen, kennt das sicherlich: Es gibt Zeiten, da können die mitgebrachten Infozettel "Achtung, in der Einrichtung Ihres Kindes sind Kopflausfälle aufgetreten" für den Eindruck sorgen, es gebe diese lästigen, Blut saugenden Gesellen immer häufiger. Doch ob das nur "gefühlt" ist oder tatsächlich zutrifft, ist schwer zu sagen. Denn Zahlen zur Entwicklung von Prävalenz oder gar Inzidenz des Kopflausbefalls in Deutschland oder anderswo im zeitlichen Verlauf sind Mangelware.

Die Prävalenz, also der Anteil der Menschen, die in einer definierten Gruppe zu einem bestimmten Zeitpunkt von Kopfläusen betroffen sind, liegt in Europa bei 0,45 bis 22,4 Prozent. Für Entwicklungsländer wird die Prävalenz mit bis zu 40 Prozent der Bevölkerung und 80 Prozent der Kinder angegeben (PDF). In einer Studie aus dem Jahr 2008 schauten Forscher allen Schulanfängern in Braunschweig über einen Zeitraum von fünf Jahren immer wieder auf den Kopf, um einen Lausbefall zu erfassen. Laut dieser Untersuchung liegt die Neuerkrankungsrate bei 598 pro 10 000 Kinder im Jahr. Die Wissenschaftler registrierten den Befall allein mit den Augen, sie kämmten die Haare nicht mit dem Läusekamm feucht aus, was viel effektiver ist. Daher schätzen die Autoren die tatsächliche Häufigkeit von Kopflausfällen im Alter zwischen sechs und zwölf Jahren weitaus höher ein: So seien pro Jahr wohl eher 800 von 10 000 Jungen und 2400 von 10 000 Mädchen betroffen.

Mehr Mädchen als Jungen

Auch Regina Fölster-Holst von der Klinik für Dermatologie in Kiel hat sich norddeutsche Schulkinder vorgenommen: "Wir haben in jeder Klasse mindestens einen betroffenen Schüler entdeckt, bei dem die Diagnose nicht bekannt war. Insgesamt lag die Häufigkeit bei vier Prozent." Meistens befänden sich auf den Köpfen nur ein bis zwei Läuse. Die Sieben- bis Neunjährigen seien am stärksten betroffen, Mädchen mehr als Jungen. "Das liegt nicht an den längeren Haaren, sondern am Sozialverhalten. Jungen bolzen auf dem Fußballplatz, und die Mädchen stecken eher die Köpfe zusammen", sagt die Expertin für pädiatrische Dermatologie. Die Ansteckung erfolgt über den direkten Kontakt, springen oder fliegen können die Kopfläuse nicht.

Kopfläuse treten gehäuft in zeitlichen und räumlichen Clustern auf. Der Kopflausbefall ist ein höchst dynamischer Prozess. Wer eine Studie während einer Hochphase vornimmt, kommt logischerweise zu einem höheren Ergebnis als jemand, der in einer läusearmen Zeit zählt. Dennoch scheint der Trend insgesamt ein wenig nach oben zu gehen. "Trotz vielerlei Mittel gegen den Lausbefall ist die Anzahl der Betroffenen weltweit gestiegen", schreiben der französische Parasitologe Didier Raoult und seine Kollegen von der Faculté de Medicine in Marseille. Die Ursache hierfür sei, dass immer mehr Läuse resistent gegenüber bestimmten Insektiziden würden.

Sind Kopfläuse gesundheitsschädlich?

Eine Kopflaus muss alle drei bis vier Stunden essen. Und sie ist sehr wählerisch; das Einzige, was ihr schmeckt, ist menschliches Blut. Mit ihrem Stechrüssel saugt die Laus das Blut aus den kleinen Gefäßen in der Kopfhaut. Zuvor hat sie Substanzen in die winzige Wunde "gespuckt", die die Gerinnung hemmen und die Blutgefäße erweitern. So fließt das Blut besser. Doch genau diese lausigen Hilfsstoffe sind es, die zunächst am meisten zu schaffen machen. Rote Pusteln und Quaddeln bilden sich, es juckt, man kratzt.

Kopfläuse bleiben im Läusekamm hängen
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(Ausschnitt)
 Bild vergrößernKopfläuse im Läusekamm
Am besten bekämpft man Läuse mit einem ölhaltigen Shampoo und kämmt dann das Haar mit einem Läusekamm aus. Da die Eier – die Nissen – sehr widerstandsfähig sind, muss diese Kur mehrmals wiederholt werden.

"Erstaunlicherweise fehlt bei manchen Betroffenen in dieser Situation der Juckreiz, den es biologisch wohl deshalb gibt, damit durch das Kratzen die Parasiten entfernt werden", betont Regina Fölster-Holst. Verspüren die Läuseopfer keinen Juckreiz, entdecken sie die zwei bis vier Millimeter großen Krabbler dann manchmal beim Haarewaschen im Waschbecken. Bei jenen, die sich viel kratzen, können Bakterien (Staphylokokken, Streptokokken) in die wunde Haut eindringen und die Lymphknoten vor Ort durch die Infektion anschwellen. Die Folgen eines Befalls mit Kopfläusen sind hier zu Lande eher psychischer Natur: Sozialer Stress, schlechter Schlaf, Sorge, Scham und übertriebene Hygienemaßnahmen können ein empfindliches kindliches Gemüt schon sehr strapazieren.

Ob Kopfläuse die Gesundheit darüber hinaus schädigen können, wird diskutiert. "Auch in Fachkreisen ist weitgehend unbekannt, dass Kopfläuse potenzielle Überträger von hoch pathogenen Bakterien sind", hebt Hermann Feldmeier vom Institut für Mikrobiologie und Hygiene an der Charité in Berlin hervor. Rein theoretisch könnte eine Kopflaus bei der Blutmahlzeit die Erreger des Fünftagefiebers (Bartonella quintana), des Läuserückfallfiebers (Borrelia recurrentis) und des Fleckfiebers (Ricketsia prowazekii) übertragen. All diese Bakterien hat man in Kopfläusen gefunden. Wie relevant eine solche Übertragung tatsächlich ist, weiß niemand. "Diese Bakterienspezies existieren in Mitteleuropa nicht beziehungsweise sind sehr selten, kommen in Entwicklungsländern aber in unterschiedlichen Häufigkeiten vor", so Feldmeier weiter.

Treten Kopfläuse immer zu bestimmten Jahreszeiten auf?

Der Kopflaus selbst ist die Jahreszeit egal. Sie lebt auf dem menschlichen Kopf und nur dort, einen anderen Wirt hat sie nicht. Sie fühlt sich so richtig wohl bei 28 bis 32 Grad Celsius und hoher Luftfeuchtigkeit, und diese Bedingungen sind am Haaransatz immer zu finden, egal ob nun Sommer oder Winter ist. Doch der Mensch verhält sich unterschiedlich im Jahresverlauf, und das gibt den Parasiten mal mehr, mal weniger die Chance, sich auf andere Köpfe auszubreiten. Ein regelmäßiger Ansturm auf Kinderarztpraxen und Apotheken sei in jedem Jahr nach den Sommerferien zu beobachten, berichtet Regina Fölster-Holst. Im Zeltlager oder beim gemeinsamen Relaxen auf dem Strandlaken liegen die Köpfe schon mal dicht beisammen.

Zahlen (wieder aus Braunschweig) bestätigen diesen Trend. Über einen Zeitraum von fünf Jahren gab es beim städtischen Gesundheitsamt immer nach sämtlichen Schulferien vermehrt Anfragen zur Kopflausproblematik. In den Braunschweiger Apotheken wanderten stets von Mitte September bis Ende Oktober die meisten Kopflausmittel über die Ladentheke. Damit eine Laus einen neuen Wirt erobern kann, müssen die Köpfe beziehungsweise Haare für etwas längere Zeit Kontakt haben. Die Annahme, dass Kopfläuse auch durch gemeinsames Nutzen von Mützen, Handtüchern oder Kopfkissen überlaufen würden, ist irrig. Die Kopflaus ist optimal an den menschlichen Kopf angepasst. Ihre Greifzangen passen perfekt zum Haardurchmesser, auf anderen Oberflächen kommt die Laus kaum voran. Die Kopflaus würde einen menschlichen Kopf nie freiwillig verlassen. Das zeigen zum Beispiel die Ergebnisse einer australischen Untersuchung. Selbst bei Kindern mit mehr als 100 Läusen auf dem Kopf konnten die Forscher kaum einen Parasiten auf dem Kopfkissen nachweisen.

"Da Kopfläuse sich nur auf dem menschlichen Kopf ernähren und vermehren können, sind Reinigungs- und andere hygienische Maßnahmen von untergeordneter Bedeutung." Diesen Satz aus einer Richtlinie der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin sollte sich so manche (über)besorgte Mutter zu Herzen nehmen. Vorsorglich könnten Kämme, Haarbürsten, Spangen, Gummis in heißer Seifenlösung gereinigt werden und die Wäsche gewechselt, Mützen und Schals gewaschen werden. Hermann Feldmeier formuliert es noch deutlicher. Kopfläuse würden nicht durch Mützen oder Bettwäsche übertragen. "Die von vielen Müttern bis zum Exzess betriebenen Hygiene- und Desinfektionsmaßnahmen sind also überflüssig", heißt es in seinem Artikel "Kopfläuse im Anmarsch". Unerlässlich für die Eindämmung einer Läuseplage allerdings ist die korrekte Anwendung eines Antilausmittels zum Waschen der befallenen Köpfe!

Welche Mittel gibt es gegen Kopfläuse?

Bis vor Kurzem wurden hier zu Lande hauptsächlich Insektizide genutzt, um den Parasiten den Garaus zu machen. Doch der Trend geht immer stärker zu öl- oder silikonhaltigen Präparaten. Aus verschiedenen Gründen. Die genutzten Insektizide wie zum Beispiel Pyrethrum oder synthetische Pyrethroide sind neurotoxisch, sie lähmen das Nervensystem der Läuse durch die Blockade von Natriumkanälen in den Synapsen. Werden diese Mittel versehentlich über den Mund aufgenommen, kann es auch beim Menschen zu neurologischen Beeinträchtigungen kommen. Nicht auszuschließen ist ebenfalls eine (geringfügige) Aufnahme der Mittel über die Haut. Pyrethrum und Pyrethroide können außerdem Allergien auslösen und steigern möglicherweise das Risiko, später im Leben einmal an einer Leukämie zu erkranken.

Hermann Feldmeier warnt in einem Beitrag noch aus einem anderen Grund vor Insektiziden: "Vom Einsatz neurotoxischer Pedikulozide auf der Basis von Pyrethroiden und Organophosphaten wird abgeraten (…), der weltweit massenhafte Einsatz hat zu resistenten Parasitenpopulationen geführt." Wie häufig die Läuse tatsächlich resistent gegen die eingesetzten Mittel sind, ist weitgehend unbekannt. Vermutlich variiert das von Region zu Region. Eine dänische Studie berichtet von 70 Prozent resistenter Läuse gegenüber Permethrin, in Großbritannien war die gleiche Substanz in den 1990er Jahren noch zu 97 Prozent wirksam, jetzt ist sie es nur noch in 13 Prozent der Fälle.

Für diese Resistenz ist nicht – wie zuerst vermutet – der Austausch zweier Aminosäuren in Natriumkanälen in den Zellmembranen der Läuse verantwortlich. Diese Mutationen im kdr-like-Gen (knockdown resistance) haben zwar auch mehr als 90 Prozent der in Deutschland auftretenden Läuse. Sie sind jedoch weiter gegenüber Permethrin empfindlich. Das zeigt eine Studie von der Universität Kiel. "In der untersuchten Kopflauspopulation korreliert die Mutation im kdr-like-Gen nicht mit dem Behandlungsversagen gegenüber Permethrin oder Pyrethrin. Warum manche Läuse also resistent sind, weiß man bisher noch nicht", gibt Regina Fölster-Holst zu bedenken. Hat die Kieler Dermatologin mit Kopflausfällen zu tun, verschreibt sie zwar auch noch Pyrethroide. Jedoch setze sie häufiger auf Dimeticone, silikonhaltige Präparate, die sehr gut funktionieren. Die Dimeticone und auch Ölpräparate wirken rein physikalisch. Sie überziehen die Oberfläche der Laus mit einer hauchdünnen Schicht, welche die Atemöffnungen, die Tracheen, der Läuse abdichtet. Die Insekten atmen über jeweils sieben Öffnungen an ihrer Körperlängsseite. Sind diese verstopft, kann kein Sauerstoff mehr hinein- und keine Flüssigkeit hinausgelangen. Die Läuse sterben; die Gefahr, dass sich Resistenzen bilden, ist wegen des Wirkmechanismus unwahrscheinlich.

In einer aktuellen Studie wird die Wirksamkeit eines mineralölhaltigen Shampoos mit einem pyrethroidhaltigen Mittel verglichen. Das Ölpräparat wird gut vertragen, Hautreaktionen treten kaum auf. Beide Präparate sind hocheffektiv, die vollständige Entfernung gelingt beim Öl in 96 Prozent der Fälle, beim Pyrethroid zu 94 Prozent. Wichtig bei allen Mitteln ist die ordnungsgemäße Anwendung. Das Mittel darf nicht zu sparsam verwendet, muss in das feuchte Haar gegeben werden und lange genug einwirken. Tötet die Substanz die Eier der Läuse nicht ab, muss das Haar an Tag acht, neun oder zehn erneut mit einem Lausmittel gewaschen werden, um spät geschlüpfte Larven abzutöten.

Welche Läuse befallen den Menschen noch?

Eng verwandt mit der Kopflaus ist die Kleiderlaus (Pediculus humanus humanus) (PDF). Sie legt ihre Eier in allem ab, was der Mensch am Leib trägt. In Kriegszeiten, bei Kälte und mangelnder Hygiene steigen die Befallszahlen drastisch an. Das, was für die Kopflaus bisher nur theoretisch diskutiert wird, tut die Kleiderlaus auf jeden Fall. Sie überträgt Krankheiten – eventuell sogar die Pest. In einem Massengrab in Vilnius von 1812 fand man Hinweise, dass viele der 22 000 französischen Soldaten am Fleckfieber oder Fünftagefieber gestorben waren. Die Laus trug damit entscheidend zum Rückzug der Truppen Napoleons aus Russland bei.

Als letzte in dieser unangenehmen Reihe sei noch die Filz- oder Schamlaus (Pthirus pubis) erwähnt. Sie lässt sich hauptsächlich im Schamhaar nieder, wird beim Sexualkontakt oder über die Wäsche übertragen und sorgt ebenfalls für Quaddeln und Juckreiz dort, wo es nun wirklich keiner haben möchte.