Wie ein Popstar wird Cédric Villani umringt und bejubelt, als er das Konferenzzentrum von Dakar betritt. Er muss Autogramme geben und für eine spontane Selfiesession in diverse Handykameras lächeln. Dabei zählt der zurückhaltende Franzose mit wildem Haarwuchs und Spinnenbrosche am Revers gewiss nicht zu den gängigen Jugendidolen. Er ist kein Popstar, sondern Mathematiker. Doch sein Ruf als genialer Denker und Träger der Fields-Medaille, quasi der Nobelpreis der Mathematik, ist ihm nach Afrika vorausgeeilt. Und die Mathematikstudenten freuen sich sehr, ihr Vorbild einmal persönlich zu treffen.

Cédric Villani
© mit frdl. Gen. von Cornelia Varwig
(Ausschnitt)
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Enthusiasmus und eine Aufbruchstimmung waren spürbar auf dem Next Einstein Forum (NEF) in Senegals Hauptstadt Dakar. Die erste Konferenz dieser Art brachte im März drei Tage lang 500 renommierte Wissenschaftler, Nachwuchsforscher, Politiker und Wirtschaftsvertreter unter dem Motto "Connecting Science to Humanity" zusammen. Ausgerichtet wurde das Treffen vom African Institute for Mathematical Sciences (AIMS) und der Robert Bosch Stiftung nach dem Modell des Euroscience Open Forum.

"Man braucht für Mathematik kein teures Labor"

Wieso geht der Impuls ausgerechnet von Mathematikern aus? Das liegt an den Machern: dem umtriebigen Astrophysiker Neil Turok aus Südafrika, der die Organisation AIMS und die Next Einstein Initiative gegründet hat, und deren derzeitigem Direktor Thierry Zomahoun aus Benin. Außerdem liefert Mathematik die Grundlage für viele Fächer, und "man braucht dafür kein teures Labor", sagt Manfred Lehn, Mathematikprofessor an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz.

Lehn war nach Dakar gereist, um an einem Workshop teilzunehmen, den die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) an die Konferenz angedockt hatte. "Der Kontinent hat ein riesiges Potenzial an mathematischen Talenten, das bisher unerschlossen ist", sagt Frank Kiefer, DFG-Programmdirektor für Mathematik. Auf verschiedenen Gebieten, etwa der Simulation, Stochastik und Optimierung wollen künftig fünf Arbeitsgruppen aus je sieben deutschen und afrikanischen Forschern kooperieren. "Der Workshop führte auch zu einer Vernetzung der afrikanischen Fachkollegen untereinander, denn viele kannten sich kaum oder gar nicht", erklärt Kiefer. In Manfred Lehns Spezialgebiet der Algebraischen Geometrie ist allerdings noch keine Arbeitsgruppe zu Stande gekommen, weil sich dafür nicht genügend Forscher auf afrikanischer Seite finden ließen.

Auch das BMBF hat eine "Afrika-Strategie"

Das Next Einstein Forum ist ein neues Versatzstück in einer Reihe von Bemühungen, die Wissenschaft in Afrika voranzubringen. Auch das deutsche Bundesministerium für Bildung und Forschung hat eine "Afrika-Strategie 2014-2018" aufgelegt. Zudem gibt es viele innerafrikanische Anstrengungen auf politisch-wirtschaftlicher Ebene sowie individuelle Kooperationen mit europäischen und amerikanischen Universitäten.

Bis die Maßnahmen fruchten, ist Geduld gefragt. Noch gleicht Afrikas Forschung international betrachtet einer Terra incognita – mit Ausnahme von Südafrika. Im Top-100-Länder-Ranking von "Nature" steht Südafrika immerhin auf Platz 35. Nach Ägypten auf Platz 49 sind andere afrikanische Länder, wenn überhaupt, nur in der hinteren Hälfte der Hitliste vertreten. Wenn nach den erfolgreichsten Universitäten gerankt wird, muss man lange nach afrikanischen Einrichtungen suchen.

Mit dem Bau des Square Kilometre Array, des größten Radioteleskops der Welt, gewinnt Südafrika nun zusätzlich an internationaler Bedeutung. Doch weitere Leuchtturmprojekte dieser Größenordnung fehlen. So war auch die Vorstellung der "Top Scientific Discoveries" auf dem NEF eher enttäuschend. Zahlreiche Arbeiten spielen sich dann letztlich doch im außerafrikanischen Ausland ab.

Das ist nicht verwunderlich. Viele Universitäten sind noch jung, und die staatlichen und privaten Investitionen oft dürftig. Im Schnitt werden in Afrika laut dem aktuellen "Unesco Science Report" 0,45 Prozent des Bruttosinlandprodukts für Forschung und Entwicklung ausgegeben. In Deutschland sind es 2,85 Prozent.

Dass Afrika dennoch talentierten Nachwuchs hervorbringt, zeigen die so genannten NEF-Fellows. Das sind 15 der besten Naturwissenschaftler aus verschiedenen Ländern, die auf dem Forum die junge Generation repräsentierten. Quasi die Hidden Champions der afrikanischen Wissenschaft.

Einer von ihnen ist Hallowed Olaoluwa. Ein echter Überflieger: Mit 15 Jahren – nachdem er ein paar Klassen übersprungen hatte – schrieb er sich für Mathematik und Physik an der Universität Bangui in der Zentralafrikanischen Republik ein. Mit 19 schloss er beide Fächer mit dem Master ab – mit Auszeichnung, versteht sich. Für die Doktorarbeit ging er an die Universität Lagos in Nigeria, wo er 2013 mit 24 als jüngster promovierter Mathematiker Afrikas von der Presse gefeiert wurde.

Hallowed Olaoluwa
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Die Missionsarbeit seiner Eltern, eines Maschinenbauingenieurs und einer Stadtplanerin, hatte die gebürtigen Nigerianer in die Zentralafrikanische Republik geführt – in ein Land, das eine Analphabetenquote von fast 50 Prozent hat, seit 2012 im Bürgerkrieg versinkt und nicht gerade vorteilhafte Forschungsbedingungen aufweist. Bescheiden spricht Hallowed (Englisch: geheiligt) über seinen Erfolg: "Meine Eltern haben meine Begabung früh erkannt und mich gefördert. Außerdem hatte ich einen tollen Mathelehrer."

Brain Drain – Ein Riesenproblem für Afrika

Heute arbeitet der 26-Jährige als Postdoktorand an der Harvard University. Was für ihn eine Chance ist, bedeutet für Afrikas Wissenschaft einen Verlust. Permanent gehen dem Kontinent auf diese Weise kluge Köpfe verloren – das Problem des Brain Drain. Auch wenn Hallowed Heimkehrabsichten hat: Auf der Konferenz hört man oft, dass es Rückkehrer schwer haben, überhaupt einen Job zu finden, noch dazu auf dem erreichten Niveau. "Viele treten dann jahrelang auf der Stelle und verlieren den Anschluss an die internationale Forschung wieder", weiß der Mainzer Mathematiker Lehn. Es mangelt an Vernetzung, sowie an finanzieller und personeller Ausstattung – und schlicht auch an Anerkennung.

Dennoch ist ein gewisser Erwartungsdruck auf die Jungforscher zu spüren, ihr Expertenwissen ins Heimatland zu tragen. Einer, der sich offen diesem Druck widersetzt, ist der NEF-Fellow Axel Ngonga. Der 32-jährige Kameruner ist mit 15 Jahren zum Informatikstudium nach Leipzig gekommen und leitet dort mittlerweile Forschungsprojekte zu Big Data und dem Semantic Web. Solange die Bedingungen in Kamerun nicht entsprechend sind, will er nicht zurückkehren. Außerdem sagt er: "Wenn ich arbeite, bin ich in erster Linie Wissenschaftler, nicht Afrikaner."

Es gibt Bemühungen, das Brain-Drain-Übel an der Wurzel zu packen: Seit 2011 kann man etwa an der Carnegie Mellon University in Ruanda studieren, wo die US-Spitzenhochschule eine Zweigstelle eröffnet hat. "Wir bieten einen Master in Informationstechnologie und einen in Elektro- und Computertechnik an", sagt ihr Direktor Michel Bézy. Noch sind die Zahlen gering (60 Studierende), aber die Ambitionen sind groß: "Es sollen 300 Studierende werden." Für 2017 ist der Bau eines eigenen Unicampus in Ruandas Hauptstadt Kigali geplant.

"Die westlichen Nationen müssen endlich aufhören, Afrika personell auszubeuten"

"In Subsahara-Afrika gibt es einen riesigen Bedarf an Technikexperten. Derzeit kommen 82 Ingenieure auf eine Million Einwohner. Wir brauchen aber 1000 oder noch mehr." Auf Grund der Nähe zur Industrie hätten bisher all ihre Absolventen einen Job gefunden. Es müsse aber, so Bézy, ein genereller Wandel stattfinden: "Die westlichen Nationen müssen endlich aufhören, Afrika personell auszubeuten. Wir müssen uns auf Augenhöhe begegnen." Führende afrikanische Politiker haben indes verstanden, dass ein Schlüssel zur sozioökonomischen Entwicklung im wissenschaftlichen und technologischen Fortschritt liegt.

Mit ihrer Anwesenheit und aktiven Teilnahme am NEF setzten Senegals Präsident Macky Sall, Ruandas Präsident Paul Kagame und die Wissenschaftsminister vieler Länder ein entsprechendes Zeichen. Sie räumten Versäumnisse ein und brachten Absichtserklärungen für künftige Investitionen mit – in Schulen und Universitäten gleichermaßen. Ob das nur Lippenbekenntnisse waren, wird sich zeigen. Immerhin folgte auf den Kongress eine Deklaration mit wichtigen Meilensteinen: Bis 2025 will man ein Prozent des Bruttoinlandsprodukts in Forschung und Entwicklung stecken. Im selben Zeitraum soll sich die Zahl der Absolventen naturwissenschaftlicher Fächer verdoppeln, mit einem Frauenanteil von 40 Prozent.

Erste Erfolge werden womöglich schon beim nächsten Next Einstein Forum in Ruanda 2018 erkennbar sein. Die Robert Bosch Stiftung hat ihre Unterstützung für die Veranstaltung bereits zugesagt. Ihre Bereichsdirektorin für Gesundheit und Wissenschaft, Ingrid Wünning Tschol, sieht das als "beste Form des Risikokapitals".

Ob der nächste Einstein aus Afrika kommt, weiß trotz dieser Bemühungen niemand. Der Anwärter auf die Fields-Medaille steht aber bereits in den Startlöchern: Hallowed Olaoluwa hat ernsthafte Absichten bekundet, der erste Afrikaner zu sein, der den mit rund 10 000 Euro dotierten Preis für Mathematiker unter 40 erhält. Und sein Vorgänger in spe, Cédric Villani, verriet zum Schluss sogar die sieben Geheimnisse seines Erfolgs: Lesen, Durchhaltevermögen, ein gewisses Zeitlimit, ein fruchtbares Umfeld, Menschen für den Gedankenaustausch, Inspiration und eine Portion Glück.