Herr Willis, Sie haben mal durchgerechnet, was es kosten würde, nicht mehr nur 500 Sterne am Nachthimmel zu sehen, sondern 1000 Sterne. Wie teuer würde uns das denn zu stehen kommen?

Kenneth G. Willis: Wenn eine Stadt jährlich 10 bis 15 Euro pro Haushalt investierte, dann ließe sich damit die Lichtverschmutzung des Nachthimmels reduzieren. Die Straßen wären so beleuchtet, dass kein künstliches Licht mehr nach oben in den Nachthimmel strahlt; und es gäbe auch keine Lichtverschmutzung mehr im Schlafzimmer, die den Schlaf stört. Dann könnte man statt 500 Sternen am Nachthimmel 1000 Sterne sehen.

Herr Gallaway, Sie sind hingegen der Meinung, dass man den Wert des Nachthimmels nicht beziffern kann. In Ihrer Präsentation bei der Konferenz "The Bright Side of Night" kamen Sie zu dem Schluss: "Jede Quantifizierung macht keinen Sinn. Nicht nur, weil die Beträge so groß wären, sondern auch, weil wir die Faktoren nicht vernünftig isolieren können." Wie geht das zusammen?

Terrel A. Gallaway: Wenn man sich ein bestimmtes Thema anschaut, zum Beispiel die Straßenbeleuchtung in Berlin, dann sind diese Kosten-Nutzen-Untersuchungen sehr nützlich und auch sehr clever. Solche Kalkulationen hat es auch schon für viele einzelne Fälle gegeben. Aber versuchen Sie mal, ein eingegrenztes Thema auszuweiten oder Daten, die auf einen bestimmten Ort beschränkt sind – bis hin zum gesamten Nachthimmel für die gesamte Menschheit und für alle Zeiten. Wenn man das versucht zu quantifizieren, gibt es eine Menge theoretischer Probleme. Es gibt zu viele Annahmen und zu viele Dinge, die nicht konstant sind. Deswegen macht es keinen Sinn, den Wert des Nachthimmels im Großen und Ganzen zu beziffern. Aber bei eindeutigen und klar definierten Fragen können die Techniken weiterhelfen.

Lichtglocke über Berlin
© Chris Kyba CC BY-SA
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Willis: Es stimmt, dass der Nachthimmel unterschiedliche Werte haben kann, je nachdem, in welcher Gegend man ist und in welcher Gesellschaft. Und nicht alle Daten sind verlässlich. Trotzdem sind sie nützlich. Es ist ja besser, wenigstens mit ein paar Informationen über Werte und Kosten zu arbeiten als mit gar keinen. Und eine verbesserte Straßenbeleuchtung kann wertvoll sein: Man sieht dann nicht nur den Nachthimmel besser, sondern kann auch besseres Licht für die Sicherheit und für den Verkehr haben.

Gallaway: Es hat sich längst herausgestellt: Es gibt einen Zusammenhang zwischen der Straßenbeleuchtung und dem Gefühl von Sicherheit. Aber der Zusammenhang zwischen der Beleuchtung und der tatsächlichen Sicherheit auf der Straße ist doch viel schwächer. Wenn man Menschen fragt, wie viel sie bereit wären zu zahlen für einen dunkleren Himmel oder einen bessere Straßenbeleuchtung, dann haben sie eine Informationsproblem: Sie haben ihr Gefühl, ihre Wahrnehmung, aber nicht die Fakten für eine fundierte Entscheidung. Sie brauchen eine Vorstellungskraft, um alles zu gewichten. Aber wenn sie noch nie die Milchstraße gesehen haben, können sie sich nicht sicher sein, was ihnen dieser Anblick wert wäre.

Mindestens jeder zweite Europäer kann die Milchstraße des Nachts nicht sehen, weil künstliches Licht den Nachthimmel verschmutzt und die Sterne überstrahlt. Bereits Ende 2002 ergab eine emnid-Umfrage: 33 Prozent der befragten Deutschen hatten damals noch nie die Milchstraße gesehen; von den Unter-30-Jährigen waren es sogar 44 Prozent. Und als 1994 in Los Angeles wegen eines Erdbebens das Licht ausfiel, da riefen Bürger den Notruf an und berichteten ängstlich von einer "großen, silbernen Wolke". Wie oft sehen Sie denn die Milchstraße oder zumindest einen halbwegs richtigen Sternenhimmel?

Willis: Ich sehe gerne an manchen Abenden in den Nachthimmel. Drei- oder viermal im Jahr würde meinen persönlichen "Nachthimmel-Konsum" schon befriedigen. Viele Menschen sehen gerne hin und wieder die Milchstraße, aber nicht jede Nacht, hingegen möchten sie aber immer sehen, wo sie auf der Straße nachts entlanglaufen.

Gallaway: Wir könnten beides haben: beleuchtete Straßen und einen dunklen Himmel mit Sternen. Mit den richtigen Beleuchtungskonzepten.

Oder man muss wegfahren? In einen "Dark Sky Park" zum Beispiel oder in Gegenden, wo keine oder nur kaum Lampen stehen und nachts leuchten?

Gallaway: Ich erinnere mich an eine Studie zum Grand Canyon. Dort wird es nachts so dunkel, dass man die Milchstraße sehen kann wie fast nirgendwo sonst auf der Welt. Die Frage war: Wie viel wären die Besucher bereit zu bezahlen, damit die Sichtbarkeit verbessert wird? Ein Dollar hier, ein Dollar dort: Da kann ein riesiger Betrag zusammenkommen.

Willis: Es ging gar nicht darum, was die Maßnahmen tatsächlich kosten. Aber es ist so eine Sache abzuschätzen, welchen Wert die Vorteile von mehr sichtbaren Sternen am Nachthimmel haben. Man kann herumgehen und Menschen fragen, was sie unabhängig voneinander für dieses oder jenes zahlen würden. Auch die Sichtbarkeit des Nachthimmels kann ein solches Gut sein. Und sie sind womöglich, zehn Dollar für jedes Gut zu zahlen. Aber wenn man sie danach auch noch nach den anderen Dingen fragt, dann wären sie nicht mehr bereit, so viel zu investieren, wie sie ursprünglich für die verbesserte Nachthimmel-Sichtbarkeit genannt hatten. Weil sie nun mehr Geld auch für andere Dinge ausgeben sollen, hat sich die verfügbare Geldmenge für die Sterne verändert. Der Betrag, wie viel einem etwas wert ist, ändert sich also. Das ist ein großes Problem bei solchen Studien.

Milchstraße über der Atacama
© ALMA (ESO/NAOJ/NRAO)
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Was würden Sie beide denn selbst bezahlen, um eine Nacht die Milchstraße zu sehen: eine Reise nach Afrika oder eine Eintrittskarte ins nächstgelegene Planetarium?

Gallaway: Man muss nicht unbedingt nach Afrika reisen, um einen Sternenhimmel zu sehen. Ein Film oder eine Dokumentation im Fernsehen kann auch schon das Bedürfnis stillen, einmal die Milchstraße gesehen zu haben. Oder man schaut sich die wunderbaren Bilder von Hightech-Teleskopen an. Ich selbst könnte nur schwer in einer Stadt leben, so groß ist mein Verlangen, einen dunklen Himmel zu sehen. Deswegen bin ich aufs Land gezogen und bezahle dafür nun jeden Tag – weil ich weit zur Arbeit pendeln muss, jeden Tag eine Stunde hin und eine Stunde zurück. Da kostet nicht nur Zeit, sondern auf Dauer auch viel Geld.

Herr Willis, würden Sie auch so viel Zeit und Geld opfern, um öfter als nur drei-, viermal im Jahr viele Sterne sehen zu können?

Willis: Von dort, wo ich jetzt wohne, kann ich die Milchstraße nicht sehen, aber ich erinnere mich daran, sie als Kind gesehen zu haben, als es in den Städten noch nicht so viel Lichtverschmutzung gab. Wie viel ich jetzt dafür bezahlen würde, ist schwer zu sagen. Um sie einmal im Jahr zu sehen, würde ich wahrscheinlich zumindest zehn britische Pfund bezahlen. Aber es wäre wohl weniger, wenn ich die Milchstraße ein zweites Mal sehen könnte. Meine Bereitschaft zu bezahlen würde aber auch vom Kontext abhängen, also davon, wo ich wann bin: Wenn ich in einer kalten Winternacht raus aufs Land fahre, würde ich wohl nicht viel zahlen, denn dann würde ich ja nicht so lange da stehen und in den Himmel schauen. Wenn es aber irgendwo am Mittelmeer wäre und ich einen romantischen Abend verbrächte mit meiner Frau neben mir und mit einem Glas Wein in der Hand – wenn ich dann den Nachthimmel mit vielen Sterne anschaue, dann wäre ich wohl bereit, für dieses Erlebnis 50 Euro oder mehr zu bezahlen.