Es begann wie immer alles ganz harmlos: Um Zuckerrohrplantagen vor einem Schädling zu schützen, importierte man in Queensland 1935 einige Aga-Kröten (Bufo marinus). Die Folgen waren allerdings wieder einmal gravierend.

Aga-Kröte
© Ben L. Phillips
(Ausschnitt)
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Die Kröten verschmähten den schädigenden Käfer und entwickelten selbst einen ungezügelten Appetit auf einheimische Frösche, Reptilien, kleine Säugetiere und Vögel. Damit aber nicht genug: Die Krötenweibchen können 8000 bis 30 000 Eier auf einmal legen, die Kaulquappen entwickeln sich dann daraus innerhalb von zwei bis drei Tagen. Die Kröten breiteten sich so stetig und rapide aus: Sie besiedeln heute weite Gebiete Nordost-Australiens und gefährden zunehmend einige Tierarten. Und um die Sache noch etwas zu verschlimmern, verfügen die Neubürger schließlich über Drüsen, die giftige Sekrete produzieren. Beutegreifer, die es auf die Amphibien abgesehen haben, sterben nach dem Mahl innerhalb kürzester Zeit an Herzversagen – sofern sie nicht die richtige Körpergröße aufweisen, die sie das Toxin verkraften lässt.

Ausbreitungskarte der Aga-Kröte
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Dieses tödliche Schicksal teilen neben Beutelmardern und Waranen auch verschiedene australische Schlangenarten: Die Rotbäuchige Schwarzotter (Pseudechis porphyriacus) und die Grüne Baumnatter (Dendrelaphis punctulatus) verschmähen wie 47 andere Schlangenspezies Aga-Kröten nicht und büßen bitter für den Verzehr selbst kleiner Exemplare: Ihre Kopfgröße lässt sie Kröten schlucken, ihr Körpervolumen aber das Gift nicht neutralisieren, was ihren Tod bedeutet.

Ihnen gegenüber stehen die Schwarzbäuchige Sumpfotter (Hemiaspis signata) und der Keelback (Tropidonophis mairii) – eine Natternart. Die Otter hat einen zu kleinen Kopf, und kann deshalb keine oder nur sehr kleine Aga-Kröten erbeuten. Der Keelback hingegen toleriert selbst hohe Giftdosen, denn er hat einen relativ großen Körper und verdaut die Amphibie somit problemlos.

Wenn aber kleine Köpfe oder große Körper einen Vorteil bedeuten, kann es dann nicht ebenso bei den betroffenen Arten eine positive wie negative Selektionsauslese geben? Sollten dann nicht die anfälligen Vertreter verschwinden, die körperlich entsprechend bevorteilten überleben und sich gar physisch weiter anpassen? Genau dies haben nun anscheinend Ben Phillips und Richard Shine von der Universität Sydney in einem Vergleich mehrerer hundert lebender und in Museen konservierter Exemplare aus der evolutionären Vergangenheit der vier Schlangenarten beobachtet.

Rotbäuchige Schwarzotter
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So zeigten sich bei den ungefährdeten Spezies keinerlei Veränderungen der Körperphysiognomie. Bei den nachteilig vom Gift betroffenen Schwarzottern und Grünen Baumnattern verschoben sich dagegen im Laufe der Zeit die durchschnittlichen Proportionen: Die Kopfgröße nahm ab, die Körperlänge legte dafür zu. Die Gefahr, sich an giftigen Kröten letal zu verschlucken, verringerte sich. Der Anteil kleinköpfiger, aber großwüchsiger Schlangen an der Population wuchs dabei umso stärker, je länger die Arten bereits mit den Kröten konfrontiert waren. Beide Schlangenspezies haben kurze Generationswechsel von nur drei Jahren, und so konnten sich in den zwanzig Generationen seit dem erstmaligen Auftreten der Aga-Kröten in Queensland die körperlichen Veränderungen bereits großflächig durchsetzen. Die Anwesenheit der eingeschleppten Amphibien übte einen so starken Selektionsdruck aus, dass die Schlangen schon jetzt nicht mehr nur die Giftopferrolle einnehmen.

Vorschnelle Hoffnungen auf friedliche Koexistenz zwischen eingeschleppten und einheimischen Arten oder wenigstens einer fairen Konkurrenz unter Gleichstarken aufgrund von Evolution sollten dennoch nicht aufkommen: Neozoen führen zumeist einen Blitzkrieg gegen die einheimische Flora und Fauna, verdrängen gerade auf Inseln viele einheimische Arten und rotten sie schnell aus. Die Verwüstungsspuren, die etwa Ratten und Katzen durch pazifische Vogelfaunen ziehen, liefern beredte Beispiele. Viel Zeit für evolutionäre Anpassungen der Alteingesessenen bleibt da meist nicht.