Oxytozin spielt eine Schlüsselrolle für unser Sozialverhalten. Weil der Botenstoff Treue und Vertrauen zwischen Menschen verstärkt, tauften Forscher ihn bereits "Kuschelhormon". Doch eine Forschergruppe um Jennifer Bartz von der Mount Sinai School of Medicine in New York stellt diesen guten Ruf jetzt in Frage.

Zweimal im Abstand von einem Monat benutzten 31 männliche Probanden ein Nasenspray, das entweder Oxytozin enthielt oder ein unwirksames Placebo. Wer jeweils das Blindpräparat erhielt und wer den Wirkstoff, blieb allerdings geheim. Anschließend beantworteten die Teilnehmer jeweils einen Fragebogen zu Erinnerungen an ihre Mutter: Wie nahe hatte man ihr während der Kindheit gestanden, und wie fürsorglich war sie gewesen?

Der Vergleich beider Bedingungen zeigte: Nähe und Fürsorge ihrer Mütter schätzten die Probanden grundsätzlich etwa gleich ein – unabhängig von der Art des Nasensprays. Eine Wirkung des Oxytozins zeigte sich erst, als die Forscher die generelle Bindungsneigung der Teilnehmer einbezogen. Wer sich allgemein als wenig ängstlich beschrieb, erinnerte sich an die Beziehung zur Mutter nach Erhalt des Hormons deutlich positiver als bei Placebogabe. Bei den Bindungsängstlichen verhielt es sich dagegen umgekehrt. Oxytozin verstärkte also nur bei einem Teil der Probanden den Kuschelfaktor der Erinnerungen – bei den anderen reduzierte es ihn.

Der Theorie nach formen frühe Beziehungserfahrungen schon in den ersten Lebensjahren den grundlegenden Bindungsstil eines Menschen. Nach Ansicht der Forscher verstärke Oxytozin die entsprechenden Gefühle – ob positiv oder negativ, sicher oder ängstlich – und lasse entsprechende Erinnerungen eher ins Bewusstsein dringen. (cb)