Der Schneckenmilan Rostrhamus sociabilis – vor einiger Zeit noch als zunehmend bedrohte Spezies im nordamerikanischen Teil seines Verbreitungsgebiets bekannt – wird nicht nur wieder häufiger, sondern seit rund einem Jahrzehnt auch immer größer. Zudem bekommt der Durchschnittsvogel einen immer kräftigeren und stärker gebogenen Schnabel. Und das hat einen gutem Grund, wie ein Forscherteam um Robert Fletcher Junior in "Nature Ecology & Evolution" berichtet: Nur besser ausgestattete Greife können eine nahrhafte Apfelschneckenart verspeisen, die erst vor relativ kurzer Zeit aus ihrer südamerikanischen Heimat nach Nordamerika eingeschleppt worden ist.

Auf dem Speiseplan des auch als Schneckenweih bekannten Greifvogels stehen im Normalfall deutlich kleinere einheimische Apfelschnecken als die in den letzten Jahrzehnten zunehmend verbreiteten exotischen Weichtiere. Mit den zunehmend häufigen Pomacea maculata konnten kleinere Schneckenmilane zunächst nichts anfangen, weil die Weichtiere sich gut hinter ihrem dicken Gehäuseverschluss schützen können. Offenbar hat dies aber die wenigen besonders großen Milanexemplare deutlich bevorzugt, die mit den Migrantenschnecken fertig werden konnten – und so ein reiches Nahrungsangebot ohne Konkurrenz genießen durften.

Das hat in überraschend kurzer Zeit von nur 15 Jahren – das entspricht etwa 1,5 Greifvogelgenerationen – nun dazu geführt, dass die Anatomie des Durchschnittsvogels sich schon deutlich verändert hat: Insgesamt finden sich viel mehr große Vögel mit auffälligen kräftigen Schnäbeln. Solche Tiere gab es schon immer; sie waren aber wegen ihres höheren Energiebedarfs stärker gefährdet, wenn die Nahrung knapp wurde. Nun aber überleben sie häufiger ihr erstes Lebensjahr. Damit beobachten die Forscher den Beginn eines Evolutionsprozesses. Der Genpool der Art hat sich wohl noch nicht verändert, die fortwährende Selektion des großen Phänotyps der Vögel dürfte dafür aber auf längere Sicht vermutlich sorgen. Voraussetzung ist natürlich, dass die eingeschleppte Art nicht wieder verschwindet – etwa, weil sie der plötzlich stark anwachsenden Zahl großer Schneckenliebhaber wenig entgegenzusetzen hat.