Irgendwann im Frühjahr 2010 endete eine Ära: Das letzte Javanashorn auf dem asiatischen Festland starb durch die Kugel eines Wilderers, der es auf das Horn des Dickhäuters abgesehen hatte. Noch vor 3000 Jahren hatte die Art wie in den Millionen Jahren zuvor weite Teile Südostasiens besiedelt – von Assam und Bengalen im Westen bis Vietnam im Osten, von China im Norden bis zu den indonesischen Inseln. Heute leben nur noch maximal 50 Tiere der Unterart Rhinoceros sondaicus sondaicus in einem winzigen Gebiet an der Westspitze Javas, im Nationalpark von Ujung Kulon.

Der Tod des einsamen Javanashorns aus Vietnam ist aber nicht nur aus Artenschutzsicht bedauerlich: Er steht auch symbolisch für ein riesiges Problem, das in den Tropen heranwächst und selbst in großen Schutzgebieten komplette Ökosysteme tief greifend umgestalten könnte. "Große Pflanzenfresser sind die Gärtner tropischer Regenwälder. Sie sind lebensnotwendig für ihre Verjüngung und erhalten ihre Struktur und Artenvielfalt", erzählt Ahimsa Campos-Arceiz von der University of Nottingham, der die ökologische Rolle der so genannten Megaherbivoren wie Elefanten, Nashörner oder Tapire studiert [1].

Getöteter Waldelefant
© Ralph Buij
(Ausschnitt)
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Die Dickhäuter gehören zu den wichtigsten "Gärtnern des Waldes". Sie fallen jedoch bevorzugt Wilderern zum Opfer, die es auf Elfenbein oder Fleisch der Tiere abgesehen haben.

In tropischen Regenwäldern herrscht extremer Konkurrenzdruck, und auf einem Hektar Fläche können dutzende bis hunderte Baumarten vorkommen, die um ihren Platz am Boden oder die Lücke im Kronendach kämpfen. Meist besetzen sie eine enge ökologische Nische, so dass nur selten zwei Individuen derselben Spezies in nächster Nähe wachsen und überleben können. Diese lückenhafte Verbreitung hat durchaus ihre Vorteile: Sie minimiert das Risiko, dass spezialisierte Angreifer wie Krankheitserreger, Parasiten und anderen Schädlinge leicht von einem Gewächs zum nächsten überspringen können. Der Wind allerdings hilft ihnen bei der Ausbreitung ihrer Samen über größere Strecken kaum, denn in vielen großen Regenwaldgebieten wie dem Kongo oder Amazonien herrscht – abgesehen von Böen im Umfeld von Gewittern – meist eher Flaute.

Viele Bäume müssen deshalb auf eine andere Strategie setzen. "Mit süßen Früchten locken sie Konsumenten an, die ihre potenziellen Nachkömmlinge anschließend weit verteilen sollen, was ihre Überlebenschancen erhöht", sagte Pierre-Michel Forget vom Muséum National d'Histoire Naturelle in Brunoy gegenüber der sich auch mit Tropenökologie beschäftigenden Internetplattform Mongabay. Der entscheidende Punkt ist dabei allerdings das "weit", weshalb sein Kollege Campos-Arceiz ergänzt: "Diese Pflanzen benötigen zwingend große Tiere, die nicht nur das Fruchtfleisch fressen, sondern auch den Samen über große Strecken transportieren und in gutem Zustand wieder ausscheiden." Dazu gehören zum Beispiel im Wald lebende Dickhäuter wie der Asiatische Elefant, der afrikanische Waldelefant oder Sumatra- und Javanashorn: Sie fressen nicht nur riesige Mengen an Früchten, sondern verdauen sie zudem recht langsam – und scheiden den samenträchtigen Kot dementsprechend weit entfernt vom Mutterbaum wieder aus.

Problematische Bindung

Doch gerade diese großen Früchtefresser verschwinden meist auch als Erste, wenn Menschen in die Wälder vordringen – selbst in Nationalparks und anderen Schutzgebieten sind viele megaherbivore Säuger, aber auch kleinere Konsumenten wie Affen oder bestimmte Vögel bereits ausgerottet, wie eine Studie von William Laurance von der James Cook University im australischen Cairns nun zeigt [2]. Mehr als die Hälfte der von ihm und seinen Kollegen untersuchten Reservate steht vor dem "Kollaps der Artenvielfalt", weil Menschen aus den umliegenden Gebieten eindringen und jagen, Holz fällen oder Straßen bauen.

Tieflandregenwald
© Nimal Gunatilleke, Universität Peradeniya
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Die Artenvielfalt tropischer Regenwälder ist extrem hoch, wie dieses Bild andeutet: Verschiedene Baumspezies blühen hier in unterschiedlichen Farben. Die Vielfalt geht einher mit Individuenarmut. Um zu überleben, sind viele Pflanzen auf tierische Verbündete angewiesen, die ihre Samen weit streuen.

So hat der Asiatische Elefant bereist 95 Prozent seines ursprünglichen Verbreitungsgebiets eingebüßt, und Nashörner leben nur noch punktuell in südostasiatischen Wäldern. Der malaysische Nationalpark Lambir Hills auf der Insel Borneo verlor in wenigen Jahren je ein Fünftel seiner Säugetier- und Vogelarten, darunter sechs der sieben Nashornvogelspezies und die Hälfte aller Affen: Sie endeten als Buschfleisch auf den umliegenden Märkten der Dörfer.

Das bedroht nun die ökologische Integrität des Parks, der als einer der botanisch reichsten Flecken des Planeten gilt: Auf nur 52 Hektar haben Untersuchungen hier 1178 Baumarten festgestellt. Ein großer Teil davon ist jedoch auf Früchtefresser zur Verbreitung angewiesen – und nicht jede überlebende Tierart kann die entstehenden Lücken füllen. Der Schabrackentapir Südostasiens wird in vielen Regionen aus kulturellen Gründen nicht bejagt, dennoch nützt es den Bäumen kaum, wie Campos-Arceiz zeigt: "Die Tapire spucken die Samen gleich wieder aus, zerkauen sie oder verdauen sie zu stark. Sie bleiben also entweder direkt vor Ort oder werden zerstört." Der Biologe hat sogar im Kot gestochert und im Detail nachgezählt: Elefanten defäkierten drei Viertel der von ihnen verzehrten mehreren tausend Tamarindensamen (eine Hülsenfrucht), von denen zwei Drittel auskeimten – der Tapir ließ nur acht Prozent auf die Erde fallen, von denen keine die Darmpassage keimfähig überstanden hatten.

Wohin der Mangel an geeigneten Konsumenten führen kann, zeigt ganz klassisch das Beispiel des Tambalacoque-Baums (Sideroxylon grandiflorum) von Mauritius, der vom Aussterben bedroht ist. Er produziert hartschalige Samenkörper, die ebenfalls von Fruchtfleisch umgeben sind. In einem gerne zitierten Beispiel wies der Ornithologe Stanley Temple von der University of Wisconsin–Madison Ende der 1970er Jahre nach, dass die Samen des Baums angeblich nur dann keimen können, wenn sie zuvor von einem großen Vogel während der Darmpassage angedaut wurden. Dummerweise handelte es sich bei diesem Federtier ausgerechnet um den ausgerotteten Dodo: ein Mitglied der Taubenfamilie, das bis zu 18 Kilogramm schwer werden konnte. Nachdem holländische Seefahrer und andere Besucher der Tropeninsel die Art bis zum Ende des 17. Jahrhunderts quasi aufgegessen hatten, gab es demnach auch niemanden mehr, der dem Tambalacoque-Baum zur Fortpflanzung verhelfen konnte. Auf der ganzen Insel existierten laut Temple deshalb nur noch 13 Exemplare der Pflanze, die alle älter als 300 Jahre waren.

Wie sehen die Wälder der Zukunft aus?

Um seine These zu untermauern, verfütterte der amerikanische Biologe Samen an Truthähne, die ebenfalls ein kräftiges Verdauungssystem besitzen. Und siehe da: Von 17 Samen keimten anschließend immerhin drei – der erste Tambalacoque-Nachwuchs seit Hunderten von Jahren, so Temple. Viele Forscher haben diese Arbeit in der Zwischenzeit angezweifelt und andere Erklärungen für den ausbleibenden Jungwuchs geliefert, etwa dass ebenfalls von Mauritius verschwundene Riesenschildkröten die eigentlichen Ausbreitungshelfer waren. Welche Erklärung letztlich die richtige ist, steht also noch aus, eines scheint aber dennoch klar: Die enge Bindung des Baums an tierische Konsumenten brachte ihn letztlich auch in Kalamitäten. Heute nutzen Botaniker jedenfalls Truthähne oder Edelsteinschleifmaschinen, um den Tambalacoque zum Keimen zu bringen.

Indischer Elefant
© Ahimsa Campos-Arceiz
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Megaherbivore wie der Asiatische Elefant verteilen nicht nur Samen im Wald, sie schaffen dort auch Lücken in der Vegetation, die von vielen Arten genutzt werden können.

Immerhin: Bisweilen schlüpfen auch Tiere in Ersatzrollen, denen die Forscher das nicht zugetraut hatten. Erst vor Kurzem entdeckten sie zum Beispiel, dass ein katzengroßes Nagetier namens Aguti eine wichtige Rolle bei der Verbreitung von Fruchtbäumen im Regenwald spielt. Lange Zeit dachten sie, dass die Agutis als Konsumenten den Pflanzen vor allem schaden. Doch weit gefehlt: "Sie bewegen die Samen in einem Ausmaß durch den Wald, wie wir das nie vermutet hätten", so Patrick Jansen vom Smithsonian Tropical Research Institute in Balboa, Panama, der die Tiere beobachtet hat.

Kleinere Nager, Vögel, Affen oder Fledermäuse können also durchaus die Megaherbivoren ersetzen – zumal Forget schon regelrechte Netzwerke im Wald bemerkt hat: Stachelratten oder Agutis sammeln demnach oft Samen ein, die mit dem Kot von Affen oder Fledermäusen auf den Urwaldboden regnen, und vergraben sie in eigenen Speisekammern. Mit Glück wachsen daraus neue Bäume, wenn die Verstecke vergessen werden.

Ob sie auf Dauer aber tatsächlich Giganten wie Nashörner, Elefanten und Co ersetzen können, ist fraglich. "Es wird offen diskutiert, wie die Tropenwälder aussehen werden, wenn die Früchtefresser erst einmal fehlen", sagt Pierre-Michel Forget deshalb ebenfalls gegenüber Mongabay. Findet sich über Jahrzehnte niemand, der die Lücke erneut erfolgreich besetzt und als Samenschleuder fungiert, dürften auch viele Urwaldriesen zumindest regional verschwinden. "Wir erhalten verarmte Sekundärwälder, in denen schnellwüchsige Pflanzen mit kleinen Samen dominieren. Sie speichern allerdings auch weniger Kohlendioxid. Diese Wälder spielen dann längst nicht mehr eine so große Rolle als Kohlenstoffsenke wie heute." Die Studie von Laurance belegt ebenfalls, dass neben den Megaherbivoren vor allem großsamige Bäume zu den Opfern des Wandels in den leergejagten Ökosystemen gehören, während Pionierarten und Lianen zu den Gewinnern zählen. "Am Ende erhalten wir einfachere Wälder mit geringerer Vielfalt", befürchtet deshalb Campos-Arceiz. Und das schadet am Ende auch unseren Interessen: Auf Mauritius kratzen Förster mittlerweile die Schalen der Tambalacoque-Früchte mit der Hand ab, um den Baum zu züchten – sein hartes Holz war früher ein begehrtes Baumaterial.