Die Kluft in der Lebenserwartung zwischen dem Osten und Westen Deutschlands hat sich in den vergangenen Jahren fast geschlossen. Das zeigt nun eine neue Studie von Wissenschaftlern des Max-Planck-Instituts für demografische Forschung in Rostock, die dafür unter anderem historische Daten des Statistischen Reichsamtes und Geburtenstatistiken der Statistischen Ämter des Bundes und der Länder bis 2010 sichteten. 25 Jahre nach der Wiedervereinigung leben Frauen in Ost und West im Durchschnitt beinahe gleich lang, der Unterschied beträgt nur noch wenige Monate. Männer im Osten hinken ihren Geschlechtsgenossen im Westen mit einer Lebenserwartung von 76,6 Jahren in 2010 (im Vergleich zu 78,0 Jahren) immer noch mehr als ein Jahr hinterher, doch auch hier hat sich der Abstand merklich verkleinert. Am deutlichsten legte dabei der Nordosten Deutschlands zu: Hier stieg die Lebenserwartung etwa im Landkreis Rostock zwischen 1996 und 2010 um ganze sechseinhalb Jahre an.

Lebenserwartung von Frauen in Deutschland
© Max-Planck-Institut für demografische Forschung in Rostock
(Ausschnitt)
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Schaut man sich die durchschnittliche Lebenserwartung von Frauen in Deutschland an, fällt kaum noch auf, das es hier einmal eine Kluft zwischen Ost- und Westdeutschland gegeben hat. Für ihre Auswertung fassten die Forscher einige Kreise in Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt zusammen, weshalb die Karte nur 396 der 402 Stadt- und Landkreise enthält.

Aus der Ost-West-Kluft ist inzwischen eher ein Nord-Süd-Gefälle geworden. Am längsten lebt es sich in Baden-Württemberg mit 83,6 Jahren bei den Frauen, gefolgt von Sachsen, Bayern und Hessen. "Ob eine Region abgehängt wird, ist aber immer weniger eine Frage der Himmelsrichtung", sagt Studienautor Sebastian Klüsener. Stattdessen gleiche der Atlas der Lebenserwartung immer mehr einem Flickenteppich, auf dem starke und schwache Flecken in ganz Deutschland verteilt sind. So häufen sich die Kreise, in denen Frauen die niedrigste Lebenserwartung haben, inzwischen in Nordrhein-Westfalen, das Schlusslicht unter den Bundesländern ist das Saarland. Das hängt vor allem mit wirtschaftlichen Faktoren zusammen, die in den vergangenen Jahren immer ausschlaggebender für die Lebenserwartung geworden sind, wie die Forscher berichten. Umweltfaktoren und kulturelle Traditionen verlieren dagegen an Einfluss. Früher hätten die Umweltbelastung und die schlechten Hygienebedingungen in den großen Städten und Industrieregionen einen entscheidenden Einfluss darauf gehabt, dass die Menschen dort früher starben. Das sei heute dank des technischen Fortschritts nicht mehr so.