Es war der Tag, an dem Gene Sparling vogelkundliche Geschichte schreiben sollte: Am 11. Februar 2004 paddelte der amerikanische Naturliebhaber durch die dichten Sumpfwälder des Cache River National Wildlife Refuge in seiner Heimat Arkansas, als ihm ein extrem seltenes Ornithologenglück vergönnt wurde. Denn gegen 13:30 Uhr, als er seinen Kajak über einen einsamen Altwasserarm inmitten dichter Sumpfzypressenwälder trieb, flog ihm plötzlich ein ungewöhnlich großer Specht entgegen, der schließlich nur wenige Meter entfernt an einem Baum landete. Sparling beobachtete anschließend verschiedene äußere Merkmale, die stark auf einen Elfenbeinspecht (Campephilus principalis) hindeuteten.

Elfenbeinspechte
© John A. Ruthven
(Ausschnitt)
 Bild vergrößernElfenbeinspechte
Doch konnte dies sein? Eigentlich galt dieser zweitgrößte Specht der Erde bislang als seit sechzig Jahren in den Vereinigten Staaten ausgestorben, und eine auf Kuba beheimatete Unterart dieses prächtigen schwarzweißen Vogels mit dem roten Kopf überlebte auch nur wenig länger bis 1956: Die Spezies schien endgültig vom Antlitz des Planeten verschwunden zu sein und wurde 1996 vom IUCN sogar offiziell als ausgestorben deklariert. Von Zeit zu Zeit nur kochten Gerüchte hoch, nach denen der rabengroße Höhlenbrüter mal in einem Sumpf in Louisiana, mal in Tennessee oder auch wieder auf Kuba gesehen wurde. Professionelle Nachsuchungen blieben jedoch stets erfolglos.

Verräterische Spuren
© Mark Godfrey/ The Nature Conservancy
(Ausschnitt)
 Bild vergrößernVerräterische Spuren
Trotz der Gefahr, sich also lächerlich zu machen, berichtete Sparling seine Beobachtung einer Internetseite, auf die wiederum die beiden professionellen Ornithologen Tim Gallagher und Bobby Harrison von der Cornell-Universität aufmerksam wurden. Sparlings Schilderungen waren für sie so überzeugend, dass sie nach Arkansas reisten und zu dritt jenen einsamen Altarm aufsuchten, der womöglich die Antwort auf eines der größten Rätsel des Artenschutzes barg – und der Sumpf und sein heimlicher Bewohner sollte sie nicht enttäuschen.

Denn am 27. Februar um 13:15 Uhr flog wieder ein sehr großer Specht über genau dasselbe sumpfige Altwasser, und wie aus einem Mund riefen Gallagher und Harrison "Elfenbeinspecht": Das Tier setzte zur Landung an und offenbarte dabei seine arttypische Flügelschwingenzeichnung, bevor es im Dickicht des Waldes verschwand. Beide Wissenschaftler notierten sofort unabhängig voneinander ihre gemachten Beobachtungen, um gegenseitige Beeinflussungen zu vermeiden. Dann wurden sie von ihren Gefühlen übermannt: Harrison konnte nur noch "Ich habe einen Elfenbeinspecht gesehen" schluchzen, während Gallagher nach eigener Aussage so von Emotionen überwältigt war, dass er gar nichts mehr sagen wollte.

Dieses Verhalten ansonsten nüchtern analytisch denkender Forscher mag nun vielleicht für Außenstehende in Anbetracht eines scheinbar simplen Spechts seltsam wirken, aber die Geschichte von Campephilus principalis zeigt die ganze Tragik von Lebensraumzerstörung und dem Aussterben der Arten, deren Verlust oft erst bedauert wird, wenn es zu spät ist.

Ornithologentarnung
© Mark Godfrey/The Nature Conservancy
(Ausschnitt)
 Bild vergrößernOrnithologentarnung
Vor Ankunft europäischer Siedler lebten Elfenbeinspechte im gesamten Südosten der Vereinigten Staaten vom Atlantik bis zum Missouri und von Oklahoma bis Florida. Häufig war die Art jedoch nie, denn Spechte dieser Größe brauchen große Reviere mit zahlreichen alten und toten Bäumen, um prosperieren zu können. Anfänglich hatten die menschlichen Neuankömmlinge allerdings auch kein gesteigertes Interesse an dem Sumpfland entlang der großen Flüsse und der Senken, sodass sich Vogel und Mensch nicht in die Quere kamen.

Dies änderte sich ab 1880: Die rasant wachsende Bevölkerung der USA benötigte Land, Nahrung und Holz, und so entwässerten Landwirte und Ingenieure die großen Feuchtgebiete des Südostens, um Getreide, Mais oder Baumwolle pflanzen zu können. Die Wälder fielen rapide für den Fortschritt, die Bauwirtschaft und Papierindustrie. Bald schon befand sich die Art in einer rasend schnellen Abwärtsspirale, die bereits den Karolina-Sittich (Conuropsis carolinensis) und den Bachmann-Waldsänger (Vermivora bachmannii), die den gleichen Lebensraum teilten, in die ewige Verdammnis des Artensterbens katapultierte.

Um 1944 existierte schließlich nur noch eine einigermaßen gesichert nachgewiesene Population in einem Singer Tract genannten, nahezu ursprünglichen Sumpfwaldgebiet Louisianas, wo sie die Koryphäe der Elfenbeinspechtforschung James Tanner verzweifelt zu schützen versuchte. Nur: Es half alles nicht, allen Schutzanstrengungen zum Trotz wurde das Waldgebiet vom Chicago-Mill-Sägewerk abgeholzt und der große schwarzweiße Holzhacker seiner letzten Zuflucht beraubt.

Elfenbeinspecht um 1935
© Arthur A. Allen/Courtesy David Allen
(Ausschnitt)
 Bild vergrößernElfenbeinspecht um 1935
Die in den folgenden Jahrzehnten gemachten, zumeist Schlagzeilen verursachenden Sichtmeldungen beruhten zumeist auf Beobachtungen des oberflächlich ähnlichen, allerdings wesentlich kleineren Helmspechts (Dryocopus pileatus), und nur selten wurden die Nachrichten eindeutig dem als heiligen Gral der verschollenen Vögel bezeichneten Elfenbeinspecht zugeordnet. Immer verzweifelter suchten professionelle und Hobby-Ornithologen nach der Art. Hartnäckig entzog sich die Spezies jedoch den Blicken der Öffentlichkeit – und das in einem Land, wo Vogelbeobachtung Volkssport ist –, bis die Meldungen von Sparling, Gallagher und Harrison die Fachwelt elektrisierten.

In der Folgezeit wurden Suchmannschaften zusammengestellt, die das Cache River National Wildlife Refuge durchstreiften. Insgesamt 15 Mal konnten sie dabei innerhalb eines Jahres große Spechte mit dem Aussehen von Campephilus principalis beobachten, sein charakteristisches trommelndes Klopfen hören sowie aufzeichnen und sogar ein Video von ihm drehen. Und dieses Bildmaterial – wiewohl etwas unscharf – erbrachte nun schließlich den letzten Beweis für die Existenz lebender Elfenbeinspechte: Seine Analyse ergab eindeutige Hinweise auf die Größe und Färbung des Vogels, eine Verwechslung mit dem Helmspecht ist nach Ansicht der Wissenschaftler ausgeschlossen.

Schrumpfende Heimat
© The Nature Conservancy
(Ausschnitt)
 Bild vergrößernSchrumpfende Heimat
Auch kann es kein Überlebender der letzten Population von 1944 sein, da Spechte in der Regel nicht älter als 15 Jahre werden. Vielmehr tippen die Forscher wegen der Gefiederfärbung auf ein noch nicht ausgewachsenes Jungtier, dessen unbekannte Eltern irgendwo in den Weiten der vorhandenen Sumpfwälder Arkansas leben müssen. Trotz aller Euphorie: Es bleibt also weiterhin viel für die Ornithologen zu tun und abzusuchen.