Nicht erst seit den Tarzanfilmen gehören Lianen und andere Schlinggewächse zum klassischen Bild von Regenwäldern. Tatsächlich stellen sie etwa ein Viertel aller Arten des Ökosystems, und ihre Bedeutung nahm in den letzten Jahrzehnten deutlich zu: In vielen Regionen breiten sie sich aus, und ihr Anteil an der vorhandenen Biomasse wächst. Das könnte jedoch die Rolle der Regenwälder als Kohlenstoffsenke schmälern und dafür sorgen, dass sich noch mehr Kohlendioxid in der Atmosphäre anreichert. Dies zeigt ein Experiment von Geertje van der Heijden von der University of Nottingham und ihren Kollegen auf der Insel Barro Colorado im Panamakanal, wo seit vielen Jahrzehnten Regenwälder erforscht werden. Bisherige Studien hatten angedeutet, dass Lianen die Baumsterblichkeit erhöhen und die Biomasseproduktion verringern, doch fanden diese Arbeiten nur in natürlich entstandenen Lichtungen statt, nicht unter streng festgelegten Versuchsbedingungen. Van der Heijden und ihr Team entfernten daher auf acht Flächen in einem 60 Jahre alten nachgewachsenen Wald alle Schlingpflanzen und verglichen dies mit weiteren acht Arealen, die unbeeinflusst blieben.

Schon nach drei Jahren hatten die Lianen auf den behandelten Flächen den Biomassezuwachs um 76 Prozent reduziert, weil Bäume schlechter wuchsen und häufiger abstarben: Die Gewächse nutzen Bäume als Stütze und können daher mehr in Blätter statt in tragendes Holz investieren. Das zeigt sich auch bei der Aufteilung der Biomasse: In lianenfreien Flächen war die Blattmenge um 14 Prozent kleiner, der Holzzuwachs dagegen um 65 Prozent größer. Wuchernde Schlingpflanzen verringern also nicht nur die Senkenwirkung der Wälder, sondern verschieben zusätzlich die Kohlenstoffbilanz von langfristiger Aufnahme im Holz zu kurzfristiger Einlagerung in den Blättern. Sollten sich diese Arten zukünftig weiter auf Kosten von Bäumen ausbreiten, so könnte sich die Kohlenstoffspeicherung in Regenwäldern in den nächsten Jahrzehnten um mehr als ein Drittel reduzieren – mit entsprechenden Folgen für das Klima, da mehr Kohlendioxid freigesetzt wird oder in der Atmosphäre verbleibt, kalkulieren die Forscher.

Die Gründe, warum sich die Schlingpflanzen ausbreiten, sind bislang unklar: Womöglich profitieren sie von den auch in den Tropen steigenden Temperaturen, häufigeren Dürren oder zunehmenden Störungen im Regenwald: Holzeinschlag oder Straßenbau lichten das Ökosystem aus, was schnellwüchsige Arten wie Lianen ausnutzen. Allerdings, und das betont der an der Studie beteiligte Biologe Stefan Schnitzer von der Marquette University, besetzen diese Pflanzen auch eine sehr wichtige Nische in unbeeinflussten Tropenwäldern: Sie liefern Früchte, Samen und Wege durch den Kronenraum für zahlreiche Tierarten.