Weshalb führen wir Krieg, obwohl uns dies mehr schadet als nutzt? Wieso werden wir rot, wenn wir beim Lügen ertappt werden? Warum finden wir den einen attraktiv, den anderen aber überhaupt nicht – gehen aber selbst dann noch fremd, wenn der Traumpartner längst an unserer Seite weilt?

Kurz: Warum ist der Mensch nur so, wie er ist? Die Erklärungen wechseln sich seit Jahrhunderten ab, vor rund zwanzig Jahren fanden Biologen eine Antwort mit dem Anspruch der Wissenschaftlichkeit: Merkwürdig sind diese Verhaltensmuster nur, wenn man sie im Kontext unserer heutigen Lebenswelt betrachtet. Schaut man jedoch auf die Evolutionsgeschichte des Menschen, lassen sie sich entlarven als evolutionäre Anpassung an diejenige Umwelt, in der der Homo sapiens einst groß geworden ist.

Zu einem einflussreichen Ansatz wurde diese so genannte Evolutionspsychologie durch das 1992 erschienene Werk "The Adapted Mind" von Jerome Barkow, Leda Cosmides und John Tooby [1, 2]. Seither wurde sie vor allem von Cosmides und Tooby und ihren Mitarbeitern an der University of California in Santa Barbara vorangetrieben. Autoren wie David Buss oder Steven Pinker machten sie einer breiteren Öffentlichkeit bekannt; zahllose Ratgeberbücher fanden in ihr eine ansprechende und oftmals auch sehr großzügig einsetzbare Argumentationsgrundlage.

Ihr Grundgedanke ist dabei durchaus einleuchtend: In den letzten paar tausend Jahren, so die Evolutionspsychologen, habe sich unser Leben rapide verändert – viel zu schnell, als dass die Evolution schritthalten könnte. Und dass unser Gehirn und damit auch wesentliche Aspekte unseres Verhaltens einem biologischen Anpassungsprozess unterworfen waren, bezweifelt ohnehin kaum jemand.

Vier wankende Säulen

Doch um konkrete Aussagen machen zu können, muss die Evolutionspsychologie vier starke Grundthesen annehmen. Und genau an dieser Stelle wird es laut den Autoren eines aktuellen Positionspapiers kritisch: Der Evolutionspsychologie sei in den vergangenen Jahren das wissenschaftliche Fundament weggebrochen, meinen Johan Bolhuis, Gillian Brown, Robert Richardson und Kevin Laland von den Universitäten Utrecht, Cincinnati und St. Andrews [3].

Im Einzelnen lauten die vier Grundannahmen der Evolutionstheorie wie folgt:

  1. Die Evolutionspsychologie muss annehmen, dass es irgendwann in der Geschichte der Menschheit eine hinreichend stabile Umwelt gab. In dieser "Umwelt der evolutionären Angepasstheit" bildeten sich die fraglichen psychologischen Mechanismen des Menschen heraus, auf diese Umwelt sind sie bezogen.
  2. Evolutionäre Veränderungen dürfen nur langsam und graduell ablaufen – die Evolutionspsychologie vertritt also einen evolutionären Gradualismus.
  3. Um spezifische Verhaltensweisen wie die Aggression oder die Partnerwahl erklären zu können, muss unser Verhalten aus vielen Einzelprogrammen oder "Modulen" zusammengesetzt sein, die sich jeweils als Anpassung auf spezifische Anforderungen der Umwelt entwickelt haben – die Evolutionspsychologie nimmt also eine massive Modularität des menschlichen Geistes an.
  4. Und schließlich postuliert die Evolutionspsychologie eine universelle menschliche Natur: Unabhängig von Kultur und individueller Entwicklung würden wir vor allem durch ein universelles, artspezifisches Verhaltensprogramm gesteuert.

Genau diese elementaren Grundthesen sind nach Meinung der vier Forscher mit den Erkenntnissen benachbarter Wissenschaftszweige nur schwer vereinbar – etwa dort, wo sie Aussagen über die Evolution des Menschen treffen, wie die Thesen eins und zwei: Sind wir überhaupt an eine spezifische Umwelt angepasst? Und wenn ja, an welche?

Rasante Entwicklung, schleichende Evolution

Erst zu Beginn des Eiszeitalters, des Pleistozäns, vor 2,6 Millionen Jahren waren unsere Vorfahren menschenähnlich genug, um zur Gattung Homo gerechnet zu werden. Vor etwa 150 000 Jahren tauchten die ersten Menschen auf, die sich anatomisch praktisch nicht von heutigen Menschen unterschieden.

Während fast der gesamten Zeitspanne bis heute lebten die Menschen als Jäger und Sammler auf der Kulturstufe der Altsteinzeit. Ihre Gruppen waren klein, ihr Werkzeuginventar entwickelte sich nur sehr langsam. Erst als vor 12 000 Jahren das Pleistozän endete, setzten die Umwälzungen der jungsteinzeitlichen Revolution dieser Lebensweise ein Ende: Allmählich verbreiteten sich Ackerbau, Städte und schließlich komplexe Staatengebilde.

Gemäß ihrer gradualistischen Auffassung einer Evolution im Schneckentempo muss die Evolutionspsychologie also annehmen, dass die "Umwelt der evolutionären Angepasstheit" allgemein dem Lebensraum der altsteinzeitlichen Jäger-und-Sammler-Gruppen entspricht; und das hieß ursprünglich sogar ganz speziell: die afrikanische Savanne.

Die Evolution nimmt Fahrt auf

In den 1980er Jahren seien solche Annahmen recht vernünftig gewesen, räumen die vier Kritiker ein, in den letzten Jahrzehnten hätten sich unsere Kenntnisse jedoch stark erweitert. Zum einen zeigten Studien der Tierevolution beispielsweise, dass sich Merkmale schon in wenigen Generationen erheblich verändern können. Und Untersuchungen am menschlichen Genom belegen tatsächlich erhebliche Änderungen in den letzten 50 000 Jahren – unter anderem in genau jenen verhaltensrelevanten Genen, die das Gehirn beeinflussen.

Zum anderen war auch die Umwelt unserer Vorfahren keineswegs so eindeutig und stabil, wie es die Evolutionspsychologie annahm. Aus Bohrkernen im Gletschereis oder dem Meeresboden und anderen Daten lässt sich das Klima des Pleistozäns mit seinen wiederholten und abrupten Schwankungen rekonstruieren. Die Mitteltemperatur konnte durchaus innerhalb von Jahrzehnten um mehrere Grad ab- und zunehmen. Zudem lebten unsere Vorfahren nicht nur in der Savanne, sondern breiteten sich in viele verschiedene Lebensräume aus. Was soll dann die Umwelt der evolutionären Angepasstheit eigentlich gewesen sein?

Gefahr des Zirkelschlusses

Auch Bolhuis und Kollegen erkennen an, dass die heutige Evolutionspsychologie nicht mehr eine einfache Umwelt annimmt, sondern eine "weniger spezifische, theoretische Landschaft, die auf einer abstrakten Komposition aller relevanten selektiven Umwelten der Vergangenheit basiert". Doch kann die Evolutionspsychologie diese "theoretische Landschaft" tatsächlich genau beschreiben, ohne sie durch einen Zirkelschluss erst aus daraus zu rekonstruieren, welche evolutionären Einflüsse man im heutigen Menschen gefunden zu haben glaubt?

Hinzu kommt, dass der Konflikt zwischen der altsteinzeitlichen und der modernen Lebensweise nicht sonderlich ausgeprägt zu sein scheint, merken Bolhuis und Kollegen an. Wären wir so schlecht an Nacheiszeit, Sesshaftigkeit und hohe Bevölkerungsdichte angepasst, dürfte die Weltbevölkerung in dieser Zeit kaum so stetig und vor allem so rasant angestiegen sein.

Es wird jedoch noch komplizierter: Die Menschheit hat in den letzten Jahrtausenden nicht nur auf die Umwelt reagiert, sondern diese durch Ackerbau und wachsende Siedlungen aktiv verändert. Theoretisch könnten wir uns also einerseits ökologische Nischen konstruiert haben, die auf unser zu Urzeiten erworbenes Verhalten zugeschnitten sind. Andererseits erfordert die sesshafte Lebensweise zweifellos Wahrnehmungs- und Denkleistungen, für die es in der Altsteinzeit keine Parallelen gab. So könnten sich die Kultur und die Gene also gegenseitig beeinflussen – es kommt zur "Gen-Kultur-Koevolution".

Welche dieser Deutungen zutrifft und in welchem Ausmaß, wissen weder die Befürworter noch die Gegner der Evolutionspsychologie genau. Dem Anthropologen Jason Antrosio vom Hartwick College in Oneonta zufolge impliziert die Fähigkeit zur Nischenkonstruktion keineswegs, dass der Mensch einfach seine Jäger-Sammler-Lebensweise fortführen muss [4]. Die durch die menschliche Aktivität neu konstruierten ökologischen Nischen könnten viele Formen annehmen, und damit sei dieses Konzept weiterhin nützlich, um zu einer dynamischeren Vorstellung der Evolution beizutragen.

Gehirn und Geist

Die anderen beiden Grundthesen der Evolutionspsychologie – die Modularität des Gehirns und die Universalität menschlichen Verhaltens – betreffen den menschlichen Geist selbst. Kulturelle und individuelle Verhaltensunterschiede gehen der reinen Lehre der Evolutionspsychologie zufolge nur darauf zurück, dass diese universellen Verhaltensprogramme je nach Kontext unterschiedlich ausgeprägt sind.

Hunderte oder tausende individuelle Mechanismen oder "Module" sollen dabei jeweils auf eine spezifische Aufgabe spezialisiert sein; sei dies die Partnerwahl, sei es die Erkennung von Unehrlichkeit oder die Auseinandersetzung mit dem Nachbarn. Erst diese Annahme hat es der Evolutionspsychologie überhaupt ermöglicht zu behaupten, dass Verhaltensweisen evolutionär bedingt sind. Gäbe es nämlich stattdessen generalisierte Strategien, die bei vielen Aufgaben gleichzeitig zum Zuge kommen, würden die jeweiligen Verhaltensweisen alle zusammenhängen. Sie könnten dann nicht mehr unabhängig voneinander im freien Spiel der evolutionären Kräfte entstanden sein.

Wie ist es also um die These der Universalität und der massiven Modularität bestellt? Der Universalität würden interkulturelle Studien widersprechen, meinen Bolhuis und Kollegen. Selbst so fundamentale Aspekte wie die visuelle Wahrnehmung, Kooperationsverhalten, Schlussfolgern, moralische Entscheidungen oder Selbstkonzepte variieren erheblich zwischen Menschen aus verschiedenen Kulturen [5].

"Zum Glück bringen diese Entwicklungen nicht nur Probleme mit sich, sondern zeigen auch mögliche Lösungen auf." (Bolhuis et al.)

Das wundert eigentlich nicht, denn das menschliche Genom reicht überhaupt nicht aus, um jedes Detail im Gehirn und somit das Verhalten unverrückbar festzulegen. Gene beeinflussen eher bestimmte biochemische Pfade, die sich dann simultan auf verschiedene Gehirnregionen und Leistungen auswirken. Spätestens bei der Kindesentwicklung spielen dann Erfahrungen und andere individuelle Faktoren eine entscheidende Rolle. Und selbst beim erwachsenen Menschen bleibt das Hirn noch plastisch genug, um seine Funktion in Abhängigkeit von externen Einflüssen deutlich zu verändern.

Module nicht auffindbar

Auch die Annahme einer massiven Modularität sei zweifelhaft, referieren die vier Kritiker. Zwar gibt es spezialisierte Module vor allem im Bereich der Wahrnehmung, etwa für die Gesichtserkennung. Viele übergreifende kognitive Funktionen wie Lernen, Gedächtnis oder die zentrale Planung und Entscheidungsfindung scheinen aber eher anhand generalisierter Mechanismen zu funktionieren, die in den verschiedensten Situationen flexibel eingesetzt werden – und gerade diese Funktionen sind es, die beim Menschen stärker ausgeprägt sind als bei anderen Tieren und unser Verhalten wesentlich bestimmen. Die massiv modularen, arttypischen Verhaltensprogramme der Evolutionspsychologie sind also in der modernen Hirnforschung nicht recht erkennbar.

Ist damit die Evolutionspsychologie ein für allemal erledigt? "Zum Glück", schreiben Bolhuis und Kollegen, "bringen diese Entwicklungen nicht nur Probleme mit sich, sondern zeigen auch mögliche Lösungen auf." Dazu müsse die Evolutionspsychologie allerdings ihre Methodik grundlegend ändern und erweitern. Bisher gehen Evolutionspsychologen meist so vor, dass sie Hypothesen darüber aufstellen, welches Verhalten in einer urzeitlichen Umwelt sinnvoll gewesen sein dürfte, und bestätigen dies dann durch psychologische Tests an heutigen Menschen. Dieser Ansatz erscheint zunächst ganz sinnvoll, doch bei näherem Hinsehen genügt er nicht.

Die Evolution des Bodybuilding

Die Probleme werden an einem Beispiel deutlich. Menschen dürften eher zur Wut neigen und Aggressionen befürworten, wenn sie in einer guten "sozialen Verhandlungsposition" sind, in der sie ihre Interessen durchsetzen können. In der Steinzeit, so die Hypothese, waren dies körperlich kräftige Männer sowie attraktive Frauen.

Tatsächlich fanden Tooby und Cosmides und ihr Kollege Aaron Sell dies dann auch in einer 2009 veröffentlichten Arbeit bestätigt [6]: Kräftige Männer und attraktive Frauen wurden eher wütend, und kräftige Männer bevorzugen auch in der Politik Aggressionen. "Die Tatsache, dass kräftigere Männer eher militärische Macht zur Lösung internationaler Konflikte befürworteten, belegt, dass die innere Logik des Wutprogramms die angestammten Erfolgscharakteristiken einer kleinräumigen Welt widerspiegeln und nicht die rationale Beurteilung der Erfolgschancen unter großen Populationen", folgern die Evolutionspsychologen.

Aber, wenden nun Bolhuis und Kollegen ein, sie untersuchten dabei nur kalifornische Studenten sowie Besucher von Fitnessstudios. Vielleicht wird aber in der kalifornischen Mittelschicht Aggressivität bei attraktiven, bodygebuildeten Personen eher geduldet oder sogar als Durchsetzungsfähigkeit anerkannt? Dann sagt das Ergebnis nichts über die Steinzeit, vielmehr könnte das beobachtete Verhaltensmuster individuell in der heutigen Situation erlernt sein.

Auch Ursache und Wirkung könnten schlicht und ergreifend vertauscht sein: Neigen vielleicht aggressivere Männer eher dazu, ihre Körperkraft zu trainieren? Spielen andere Faktoren wie die Intelligenz dabei eine Rolle? Ist es in anderen Kulturen vielleicht ganz anders?

Blick zu den Nachbardisziplinen

Diese und ähnlich aufgebaute Studien lassen zu viele Alternativmöglichkeiten offen, um als Beleg für ein mögliches Steinzeiterbe wirklich zu überzeugen, finde Bolhuis und Kollegen. Sie fordern daher in ihrer Bestandsaufnahme, dass eine zukünftige Evolutionspsychologie viel stärker in benachbarte Disziplinen wie die Genetik und die Neurowissenschaften integriert werden muss. Zudem muss sie dabei gezielt zwischen verschiedenen evolutionären und nicht evolutionären Erklärungen unterscheiden können.

Dazu, so die Kritiker, sollte sie sich an den vier klassischen Grundfragen des Verhaltensforschers Nikolaas Tinbergen orientieren: Ebenso wie die Frage nach dem evolutionären Anpassungswert muss auch die historisch-evolutionäre "Stammesentwicklung" (Phylogenese) eines Verhaltens sowie seine Entwicklung im Individuum (Ontogenese) und die Ursache-Wirkung-Beziehungen, also die zugrunde liegenden Mechanismen im Gehirn, geklärt werden. Dazu gibt es bereits etablierte Methoden, die gerade in den letzten Jahrzehnten in der Biologie oder der Hirnforschung fortentwickelt wurden.

Strenge Anforderungen

Geht es nach den Kritikern um Bolhuis soll eine moderne Evolutionspsychologie also die evolutionäre Entwicklung eines Verhaltensmerkmals genau so untersuchen wie die Biologie die Evolution körperlicher Merkmale. Dazu gehört es etwa, Populationsmodelle aufzustellen, mit denen man die Wirkung bestimmter Umweltfaktoren auf Merkmale in der Population simulieren kann. Verhaltensvariationen könne man mit statistischen Methoden auswerten und daraus auf ihren "Stammbaum" schließen, ähnlich wie es zur Klärung der evolutionären Verwandtschaft von Tier- oder Pflanzenarten gemacht wird.

Der Anthropologe John Hawks von der Universität Wisconsin-Madison kann allerdings mit diesen Vorschlägen wenig anfangen [7]. Sie klängen zwar großartig, enthielten aber keine wirklich konkreten Ideen, welches Verhalten man damit auf welche Weise erklären können soll. Letztlich, so meint Hawks, bedeuten diese Vorschläge nur wieder, dass Evolutionspsychologen Szenarien entwickeln und testen sollen, die auf einer angenommenen Umwelt der Vergangenheit beruhen; doch diesen Anspruch haben Evolutionspsychologen ohnehin bereits.

In einem anderen Punkt besteht mehr Einigkeit unter den Kritikern: Auch moderne neurowissenschaftliche Methoden wie bildgebende Verfahren sollten in eine zukünftige Evolutionspsychologie einfließen, um die im Gehirn wirkenden Mechanismen und die Rolle individueller Faktoren in der Kindheitsentwicklung zu berücksichtigen. Doch leider, so Bolhuis und Kollegen, "untersuchen Evolutionspsychologen selten, ob ihre Hypothesen über evolutionär entstandene psychologische Mechanismen durch das untermauert wird, was wir über die Funktion des Gehirns wissen." Hier stimmt auch Hawks zu: Diese Vorschläge seien zwar ebenfalls "nicht spezifisch, aber ziemlich wahr", und seines Wissens habe "kein Evolutionspsychologe jemals einen spezifischen neuronalen Mechanismus identifiziert, der ihren behaupteten 'kognitiven Modulen' zugrunde liegt."

Chancenlose Evolutionspsychologie?

Bolhuis und Kollegen gaben ihrem Artikel den Titel "Darwin im Geist: Neue Chancen für die Evolutionspsychologie". Doch hat die Evolutionspsychologie überhaupt eine Chance, diese Anforderungen zu erfüllen? Für Hawks ändert der Artikel wenig: Zwar sei die Evolutionspsychologie einerseits oft plausibel und ihre Grundthesen nicht so strikt zu sehen, vielen ihrer Erklärungen mangele es aber letztlich an Überzeugungskraft. Andererseits scheinen ihm die vorgeschlagenen "Lösungen" nicht konkret genug, um den Weg zu einer zukünftigen Evolutionspsychologie zu weisen.

Wenn aber die Grundthesen nicht mehr mit unserem heutigen Wissen im Einklang stehen, bleibt von der Evolutionspsychologie kaum etwas übrig. Natürlich muss auch die Evolution unseres Verhaltens multidisziplinär erforscht werden, und die Ansätze, die die Autoren vorschlagen, können sinnvolle Anstöße geben.

Doch die Evolutionspsychologie ist gerade deshalb so interessant und populär, weil sie die Steinzeit als Startpunkt voraussetzt und unser Verhalten so mit einem universellen Ansatz zu erklären versucht. Dazu sind die Grundthesen essenziell – wenn sie nicht länger haltbar sind, dürfte wohl ein Großteil unseres Verhaltens eben nicht eine vererbte, evolutionäre Anpassung an die Steinzeit sein, sondern zu einem großem Teil von kulturellen und individuellen Entwicklungsfaktoren beeinflusst werden.

Was dann noch an Aussagen über die Evolution des Verhaltens möglich ist, wäre keine eigenständige Evolutionspsychologie mehr, sondern wird einfach in die Nachbarfelder der Genetik, Psychologie und Hirnforschung integriert, meint daher Jason Antrosio. Der Artikel enthalte daher tatsächlich "neue Chancen" – allerdings nicht für die Evolutionspsychologie, sondern für die Anthropologie.

Denn insgesamt stimmt Antrosio dem Blogger Razib Khan zu: Der Artikel sei das "Ende der Evolutionspsychologie". "Der letzte macht das Licht aus", schreibt Khan [8]. Und das hätten im Fall der Evolutionspsychologie Bolhuis und Kollegen soeben erledigt.