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Evolution: Lohnender Zinseszins

Frauen, so heißt es immer wieder, stehen auf starke, sexy Typen, gelten diese doch als Lieferanten besten Genmaterials für das einzig Interessante: den Nachwuchs. Dummerweise ist aber gerade die Paarung mit Prachtexemplaren häufig teuer, bieten sie doch selten mehr als ihr Erbgut und schon gar keine Hilfe in der Kinderfürsorge. Warum also hält sich das unter Tieren und auch Menschen durchaus verbreitete Modell?
Hausgrille
Liebe ist selten romantisch. Mag es auch Turteln und Balzen, Schauwettkämpfe und Liebesgaben geben, letztendlich dient alles nur dem allseits bekannten Zweck: seine Gene zu streuen und beste solche für den Nachwuchs einzuheimsen. Die Methoden sind dabei häufig wenig zimperlich – von der Vergewaltigung bis zum Gattenmord ist alles erlaubt, solange es nur den eigenen Interessen dient. Anlass genug für einen kritischen Blick hinter die rosa Wolke und eine genau kalkulierte Kosten-Nutzen-Analyse des Traummann-Modells.

Wieso Traummann? Weil sich dessen Erfolg, wohin man auch schaut, offenbar hartnäckig hält. Ein uraltes Rätsel für Evolutionsbiologen vor allem angesichts der ebenfalls auf Männerseite verbreiteten Mode, sich nach der Paarung seiner Vaterpflichten zu entziehen und eher weiteren Abenteuern zu frönen. Für die Mütter in spe sollte damit rein rechnerisch der Traum zum Albtraum werden, bezahlen sie doch ein intimes Stelldichein mit einem Siegertypen meist aus verschiedensten und vielfach ungeklärten Gründen mit einer eigenen kürzeren Lebenserwartung. Was also haben sie überhaupt davon?

Sie selbst direkt höchstpersönlich nichts, erklären Megan Head und ihre Kollegen. Aber – frau denkt ja an die Zukunft und misst Erfolg nicht nur an sich selbst, sondern auch und vielleicht sogar vor allem am Schicksal ihrer Kinder und Kindeskinder. Das ist polemisch? Na gut – beschränken wir es auf Grillen.

Denn an diesen erprobten die Wissenschaftler von der Universität von New South Wales in Sydney und der Australian National University ihre Kalkulationen. Für das erste Problem – was ist in Grillenaugen eigentlich attraktiv – wählten sie nicht irgendein beliebiges Merkmal, sondern lösten es mit einem klassischen Wettbewerb nach Grillenregeln: Findet ein Weibchen sein Gegenüber paarungswürdig, steigt es ihm nicht zu Kopf, sondern auf den Rücken – nur so klappt es mit der profanen Übergabe der Spermien.

In einer ersten Runde also maßen die Forscher, wie schnell eine Auswahl von Grillenmännchen erobert wurde, wobei sie die paarungswilligen Damen dann vor dem eigentlichen Akt allerdings schnell wieder vom erkorenen Rücken zerrten. Jene Männer, die in einer zweiten Runde wiederum zu den flink ausgewählten Kandidaten zählten, mussten offenbar über eine grillentypische Anziehungskraft verfügen. Andere hingegen, die im ersten Teil abblitzten und auch in der zweiten Phase lange weibchenlos blieben, waren damit wohl nach Grillenstandard unattraktiv.

Dann ging es ans ausgesuchte Kinderkriegen und die damit verbundenen Folgen, die allesamt fein säuberlich notiert und analysiert wurden. So stellte sich für die Mamas direkt zunächst heraus, dass sie den Traummann tatsächlich mit einer verkürzten Lebensspanne und auch einer geringeren Eierzahl bezahltem – ganz im Gegensatz zu den Weibchen mit den eben noch akzeptierten männlichen Notlösungen. Auf der Kostenseite der doch so begehrt Beglückten also ein deutliches Minus.

Weiterhin aber sammelten die Forscher auch Daten der folgenden Generationen. Und siehe da: Aus den weniger Eiern sprossen Töchter mit ihrerseits umfangreicheren Eigelegen und vor allem Söhne mit der Attraktivität der Väter und damit größerem Paarungserfolg, trotz einer interessanterweise ebenfalls verkürzten Lebensdauer. Der Traummann bescherte also eine erheblich zahlreichere Enkelschar und somit ein dickes Plus auf der – zugegeben indirekten – Nutzenseite.

Insgesamt, so meinen Head und ihre Kollegen, gleichen sich also Kosten und Nutzen wohl aus, wenn nicht sogar langfristig die Vorteile der teuren Paarung in Form des Zinseszins Enkel überwiegen. Ein Nutzen, der auch dem Vater zugute kommt – und das kostenlos. Bei Grillen, wohlgemerkt.

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