Er trägt einen traurigen Titel und hat es damit ins Guinness-Buch der Rekorde geschafft: Lonesome George, das letzte – bekannte – Männchen der Pinta-Riesenschildkröte der Galapagos-Insel Pinta gilt als die "seltenste Tierart" der Erde. Lange machte er vor allem auch durch seine sexuelle Abstinenz von sich reden, denn er verweigerte sich beharrlich jedem Weibchen, die ihm von nahe verwandten Arten beigesellt wurden – bis zu diesem Jahr, wie nun Meldungen aus Galapagos freudig verkünden.

Lonesome George
© Christof Schenck, Zoologische Gesellschaft Frankfurt (ZGF)
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Sollte sich Lonesome Georges Vaterschaft später per Gentest tatsächlich bestätigen, dürfen sich Naturschützer und Forscher freuen, würden doch ihre jahrzehntelangen Anstrengungen endlich Früchte tragen. Denn wie kaum ein anderes Tier steht George für die rücksichtslose Ausbeutung der Natur und den Kampf zumindest Reste der Artenvielfalt zu bewahren: Nur er hat offensichtlich das jahrhundertelange Gemetzel durch Walfänger und Freibeuter überlebt, die seine Artgenossen als lebenden Proviant auf ihre Schiffe schleppten und Geochelone abingdoni fast im Alleingang aufaßen. Erschwerend kam hinzu, dass Ziegen ihren Lebensraum verwüsteten und so den großen Reptilien die Nahrung nahmen. 1906 besiegelten Abgesandte der Californian Academy of Sciences vorläufig das Schicksal der sanften Riesen von Pinta, als sie die vermeintlich letzten drei Exemplare der Art für ihre wissenschaftliche Sammlung mitnahmen.

Der Letzte seiner Art

Anschließend kursierten nur noch Gerüchte durch Biologenkreise, dass Pinta-Riesenschildkröten überlebt haben könnten, doch handfeste Beweise blieben aus – bis der US-amerikanische Schneckenforscher Joseph Vagvolgyi 1971 während seiner Exkursion nach Pinta auf ein Männchen stieß: Lonesome George, wie er bald darauf getauft wurde. Nur wenige Monate später fingen Mitarbeiter der Charles-Darwin-Station den einsamen Siedler und brachten ihn nach Santa Cruz, eine der Hauptinseln von Galapagos. Dort in der auch von der Franfurter Zoologischen Gesellschaft unterstützten Charles-Darwin-Station sollte er eine neue Heimat finden und sich möglichst fortpflanzen.

Lange hatten Forscher und Naturschützer daher Hoffnung, auf Pinta vielleicht doch auch noch ein letztes Weibchen zu finden, die zu George gesellt, reichlich Nachwuchs produzieren würde – zum Wohle der hochgradig bedrohten Art. Jede Expedition nach Pinta brachte aber nur traurige Nachrichten und einige Skelette, jedoch nie ein weiteres Exemplar der Pinta-Riesenschildkröte: Der einsame Georg schien partnerlos zu bleiben. In all den Jahren ließ dieses Schicksal Lonesome George zu einer Ikone des Naturschutzes reifen und machte ihn zum Wappentier des Galapagos-Nationalparks. Seine Bekanntheit sollte die Menschen auf die Gefährdung des einzigartigen Naturparadieses im Pazifischen Ozean mit seinen fast zahmen Seelöwen und Tölpeln, den urigen Echsen und den wissenschaftlich wegweisenden Finken aufmerksam machen und damit wenigstens den anderen zehn – von ursprünglich 14 – Riesenschildkrötenspezies das Überleben ermöglichen.

Allen Gefahren trotzend

Galapagos-Schildkröten
© Daniel Lingenhöhl
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Lonesome George zu Ehren wurden Bücher verfasst und Filme gedreht, sein Leben füllte die Klatschspalten der Zeitungen und wissenschaftliche Journals, denn die Jahrzehnte seit seiner Entdeckung waren durchaus bewegt. So stand die Riesenschildkröte beispielsweise 1995 im Mittelpunkt eines Konflikts zwischen Fischern und der Nationalparkverwaltung: Nachdem staatliche Behörden die Jagd nach Seegurken – ein fragliches, aber gefragtes und damit teures Aphrodisiakum in Ostasien – mit Quoten einschränken wollten, stürmten aufgebrachte Seeleute die Darwin-Station, vertrieben das Personal und drohten, George zu lynchen, sollte ihren Forderungen nicht entsprochen werden. Dieser Vorfall endete glücklicherweise ebenso glimpflich wie die Katastrophe, die Georges Gehege traf: Ein Baum zerschmetterte seinen Unterstand, in dem er normalerweise immer ruhte. Ausgerechnet in dieser Nacht hatte es der zähe Recke jedoch vorgezogen, unter freiem Himmel zu nächtigen.

Angesichts dieses bewegten Lebens und der bedrohlichen Umwelt sollte es also nicht verwundern, dass George nur mäßiges Interesse an Sex und Fortpflanzung hatte. Mitte der 1980er Jahre gesellte man ihm beispielsweise zwei Weibchen der nahe verwandten Art Geochelone becki bei, die auf Pintas großer Nachbarinsel Isabela haust. Die beiden Compañeras sollten ihm nicht nur Gesellschaft leisten, sondern ihn möglichst auch stimulieren oder gar zur Paarung anregen, damit wenigstens ein Teil der Pinta-Riesenschildkröten in nachfolgenden Generationen fortlebe. Doch es passierte – nichts. Oder zumindest fast nichts, denn eine der beiden Gespielinnen lag eines Tages, auf den Rücken geworfen, ertrunken im gehegeeigenen Pool.

Das Desinteresse an geschlechtlichen Dingen brachte George wenig später unter Verdacht, impotent zu sein, was die Schweizer Zoologin Sveva Grigioni 1993 veranlasste, selbst Hand anzulegen: Sie tauchte ihre Hände in Vaginalsekrete weiblicher Riesenschildkröten und stimulierte damit anschließend Georges Phallus per Streicheleinheiten. Nach mehreren Monaten Übung gelang es ihr, der Schildkröte eine Erektion zu entlocken. Im Gegensatz zu anderen Männchen, die mit dieser Methode bearbeitet wurden und innerhalb kürzester Zeit ejakulierten, kam George jedoch nie zum Orgasmus, und Grigioni konnten keine Spermien von ihm sammeln. Immerhin schaffte sie es mit dieser zwischenartlichen Romanze als "Lonesome Georges Freundin" in internationale Gazetten.

Sexuell desinteressiert

Dieser Fehlschlag führte zur These, George wüsste einfach nicht, wie er reagieren sollte, da er ja womöglich noch nie ein weibliches Wesen oder gar eine Kopulation seiner Art erblickt haben könnte. Es kursierten Vorschläge, ihm Filme sich paarender Riesenschildkröten anderer Eilande von Galapagos vorzuführen, um ihm eine Art Handlungsanleitung zu geben. Wenig später musste er dann jüngeren Männchen beim Kopulieren zusehen. Doch ohne passendes Weibchen nützte dies ohnehin nichts.

Neben all den Versuchen in der Station ging daher auch die Suche nach passenden Verwandten aus der Wildnis kontinuierlich weiter. Sie konzentrierte sich vor allem auf die Riesenschildkröten Isabellas, die genetisch die größte Ähnlichkeit mit jenen von Pinta haben. Im Mai 2007 schien diese Suche zumindest von einem Teilerfolg gekrönt zu werden: Genetische Untersuchungen von knapp 90 Geochelone becki ergaben einen halben Treffer, so Adalgisa Caccone und Jeffrey Powell von der Yale University. Die beiden Biologen hatten einen Hybriden der ersten Generation zwischen einem Vertreter Isabelas und einem Pintas ausfindig gemacht – Georges bislang nächster lebender Verwandter.

Schildkrötenpanzer
© Daniel Lingenhöhl
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Möglicherweise hatten Seefahrer Pinta-Riesenschildkröten nach Isabella verschleppt oder vor der Küste über Bord geworfen, um ihr Schiff in schwerer See zu erleichtern. Vielleicht rissen auch Wellen am Strand Algen fressende Exemplare mit sich, und Strömungen trieben sie nach Pinta – der Panzer verleiht den robusten Tiere genügend Auftrieb, dass sie die relativ kurze Reise übers Meer zwischen beiden Inseln überstehen könnten, wie anekdotische Berichte andeuten. Auf Isabella angekommen, verpaarte er oder sie sich mit einem lokalen Bewohner und brachte damit das Erbgut von Geochelone abingdoni ein.

Folgt ein Happy-End?

Galapagos-Riesenschildkröten können bis zu 200 Jahre alt werden, sodass vielleicht der Erzeuger des Mischlings noch lebt. Und vielleicht hausen auf Isabella auch noch weitere Pinta-Flüchtlinge. Dies nachzuweisen dürfte allerdings schwierig werden, denn insgesamt umfasst der Bestand der potenziell in Frage kommenden Reptilien rund 2000 Exemplare, die sich in unwirtlichem und kaum zugänglichem Terrain fortbewegen. Sie alle müssten getestet und Pinta-Abkömmlinge eingefangen werden, damit man diese George zuführen könnte: eine sehr kostspielige und aufwändige Aktion, für die es noch Sponsoren bedarf.

Seitdem war Lonesome George offensichtlich ebenfalls nicht untätig. 36 Jahre lang reizte ihn das andere Geschlecht nicht. Und nun überraschte er seine Wärter durch eine Kopulation mit einem der ihm seit Jahren beigesellten Weibchen. Mehr noch: In seinem Gehege entdeckten die Stations-Arbeiter ein Gelege, aus dem sie drei Eier entnahmen und in einen Brutkasten verbrachten. In vier Monaten könnte der Nachwuchs schlüpfen, und dann wird auch klar, ob George sie tatsächlich gezeugt hat – mit einem geschätzten Alter von 60 bis 90 Jahren befindet er sich zumindest in der besten Mannesphase von Riesenschildkröten. Im Gehege selbst musste er jedenfalls keine Nebenbuhler fürchten, doch hatten das Weibchen vielleicht Spermien aus einer vorherigen Paarung zwischengespeichert.

Sollte es sich um den ersten Nachwuchs einer Geochelone abingdoni seit George selbst handeln, so ist die Art damit leider noch nicht gerettet. Denn die Jungtiere sind wie das eine Exemplar von Isabella Mischlinge und nicht 100 Prozent Pinta-Riesenschildkröten. Über die nächsten Jahrzehnte oder gar Jahrhunderte müssten diese Hybride mit Georges Samen weiter zurückgezüchtet werden, um echte Artgenossen zu zeugen. Oder aber es findet sich noch ein verschollenes Weibchen im Galapagos-Archipel. Der gar nicht mehr so misanthrope George jedenfalls hätte dann bewiesen, dass er Willens und in der Lage ist, seinesgleichen zu bewahren. Und seine extravagante Geschichte ist um ein weiteres Kapitel reicher.