Heute ist der Himmel über dem Ruhrgebiet längst wieder blau – und Smog nur noch eine seltene Erscheinungen an trüben Wintertagen. Doch in den 1970er und 1980er Jahren trübte Luftverschmutzung beständig die Atmosphäre über Teilen Europas, und in vielen Regionen Nordamerikas oder Ostasiens ist das heute noch der Fall: Über Peking beispielsweise ist der Himmel oft nicht zu sehen, weil der Schadstoffausstoß von Industrieanlagen, Heizungen oder Fahrzeugen die Luft mit Rußteilchen oder Schwefelverbindungen und Feinstaub sättigt. Doch der Smog schädigt nicht nur die Lungen und schlägt auf die Psyche, er verändert offenkundig auch die Abflussraten von wichtigen Flüssen – und lässt diese im Schnitt anschwellen.

Diesen unerwarteten Zusammenhang bringen Hydrologen um Nicola Gedney vom UK Met Office in Wallingford und ihre Kollegen nun auf: Dazu verglichen sie meteorologische Daten zur Luftverschmutzung und den Niederschlägen der vergangenen Jahrzehnte aus großen Teilen der nördlichen Hemisphäre mit den Abflussmengen verschiedener Flüsse wie Donau, Elbe, Rhone oder Hudson. Flüsse, deren Wasser stark zur Bewässerung entnommen wird, schlossen die Forscher aus. Diese Daten speisten sie zudem zusammen mit weiteren Einflussfaktoren wie Temperaturen, Kohlendioxidkonzentration und Vegetationsbedeckung, die alle die Verdunstung steuern, in ein Computermodell ein.

Unabhängig von den jährlichen, klimatisch bestimmten Abflussschwankungen zeigte sich darin ein langfristiger Trend: Je intensiver die Luft verschmutzt war, desto stärker schwollen auch die Flüsse an – in manchen europäischen Strömen wie Elbe, Donau oder Oder gingen die Pegel zwischenzeitlich nur wegen der Aerosolbelastung 10 bis 25 Prozent nach oben. Als ab den 1990er Jahren die Luft über dem alten Kontinent wieder sauberer wurde, fielen auch gleichermaßen die durchschnittlichen Wasserstände: Der Einfluss der Luftverschmutzung auf die Pegel nahm um ein Drittel ab.

Die Ruß- und Schwefelpartikel sorgten allerdings nicht direkt für diesen Effekt, sondern über Umwege: Sie schatteten die Erde ab und wirkten wie ein großer Sonnenschirm. Dadurch verringerte sich die Verdunstung von Wasser aus dem Boden, das stattdessen über Grundwasserleiter und Fließgewässer erneut dem Meer zugeführt wurde. In den 1970er Jahren beispielsweise erreichte 0,5 Prozent weniger Sonneneinstrahlung die Erdoberfläche in Europa, so Gedney.

Ob der Zusammenhang allerdings hieb- und stichfest ist, muss angezweifelt werden. Denn Luftverschmutzung kann auch die atmosphärische Zirkulation behindern und dafür sorgen, dass weniger Niederschläge eine Region erreichen – etwa weil mangels Aufheizung die Konvektion schwächer ausfällt oder Monsunströmungen behindert werden. Zweifel am eingesetzten Modell äußerte zudem Martin Wild von der ETH Zürich gegenüber "Nature": Gedney und Co nutzten Niederschlagsmengen als historische Eingangsgröße in ihrem Modell und nicht als eines der zu ermittelnden Resultate. Dabei gebe es starke Wechselwirkungen zwischen Verdunstung und Regen. Geht die Evaporation zurück, nimmt auch der Niederschlag ab. Ob Flüsse nun anschwellen oder doch eher austrocknen, weil die Luft trüb ist, könnten bald Daten aus China zeigen – wegen der häufigeren Smogwetterlagen sollte sich hier bald ein Zusammenhang erkennen lassen.