Wenn Rita Kaufmann Wagners "Siegfried" mit den Opernsängern zur Probe komplett durchspielen muss, von Anfang bis Ende, ohne Pause, dann ist sie sechseinhalb Stunden lang hoch konzentriert. Die Konzertpianistin des Nürnberger Staatstheaters spielt die Noten des Orchesters zum Großteil aus dem Kopf und teilweise vom Blatt – und behält gleichzeitig den Dirigenten im Blick und die Aktivitäten der Sänger im Ohr. Ihre beiden Hände spielen in dieser Zeit parallel verschiedene Töne und Rhythmen, und ihr Gehirn beschäftigt sich zusätzlich mit anderen Tönen und Rhythmen – mit denen der Sänger. "Das geht nur, wenn ich ausgeschlafen bin", sagt die 40-jährige Konzertpianistin aus Regensburg.

Für Nichtmusiker ist das auch ausgeschlafen unvorstellbar: Wer schon einmal versucht hat, mit beiden Händen gleichzeitig verschiedene Dinge zu tun, kann sich das gut vorstellen. Und dann soll man noch auf die verschiedene Rhythmen und Einsätze achten und keinen der Akteure aus dem Blick verlieren: Wie geht das überhaupt? "Mein Lehrer in London hat immer gesagt: Klavier ist dann doch das Schwerste", erinnert sich Kaufmann.

Pianisten verfügen über erstaunliche motorische Fähigkeiten – und sind allein deshalb beliebte Forschungsobjekte. Neurowissenschaftler finden bei ihnen vergrößerte Areale unter anderem in den für koordinative Leistungen wichtigen Hirnbereichen. Zudem zeigen sie dickere Nervenstränge in einer Struktur, die die beiden Gehirnhälften miteinander verbindet, und entsprechend stärkere Verbindungen von Strukturen, die für die Koordination der Hände und das Erlernen von Bewegungsabläufen zuständig sind.

Pianisten verfügen über erstaunliche motorische Fähigkeiten – und sind allein deshalb beliebte Forschungsobjekte

Pianisten können gleichzeitige Reize verschiedener Sinne im Gehirn besser verarbeiten: In der Wissenschaft spricht man hier von einer verbesserten sensorischen Integration. Das ergab eine Studie zweier Forscherinnen des Max-Planck-Instituts für biologische Kybernetik in Tübingen 2011. Mittels funktioneller Magnetresonanztomografie (fMRT) beobachteten sie, wie Pianisten und Nichtmusiker auf winzige Unstimmigkeiten zwischen Tönen und Handbewegungen beim Klavierspiel reagierten. Die Musiker bewiesen dabei ein besonders feines Gespür dafür, wie Tastenbewegungen und Töne zusammenhängen, während Nichtmusikern nicht ganz synchrone Bewegungen weniger auffielen. Das MRT zeigte bei Musikern verstärkte Fehlersignale in einem Schaltkreis, der sich durch das eigene Spiel besonders ausbildet. Die Forscherinnen sehen das als wichtigen Hinweis darauf, wie das Gehirn plastisch auf sensomotorische Erfahrungen reagieren kann.

Aber nur, weil das Gehirn eines Musikers andere Ausprägungen aufweist, heißt das nicht, dass diese durch das Musizieren entstanden sind. Was ist hier Ursache, was Wirkung? Diese Frage lässt sich in allen Studien, die das Gehirn bereits aktiver Musiker untersuchen, nicht endgültig beantworten. Vielleicht hatten diese bereits auf Grund einer Veranlagung besser vernetzte Hirnstrukturen und sind deshalb Musiker geworden?

Dieses Problem begleitet die meisten Studien, die sich mit der Frage befassen, inwiefern uns Musizieren in anderen Bereichen ebenfalls Vorteile bringt. Macht es uns sozialer oder gar intelligenter, wie viele behaupten? Zusammenhänge zu beobachten, reicht auch hier nicht aus. Vielmehr wäre es denkbar, dass beispielsweise musizierende Kinder häufig aus bildungsnahen Elternhäusern stammen, entsprechend gefördert werden und schon deshalb oft besser in Sprach- oder Mathetests abschneiden.

Keine Chance für den "Mozart-Effekt"

Wie heiß dieses Thema diskutiert wird, mussten auch die Forscher um Samuel A. Mehr von der Harvard Graduate School of Education erfahren. Sie entzauberten 2013 den Mythos um den so genannten "Mozart-Effekt", der auf eine Studie von 1993 zurückging, in der Probanden allein durch das Anhören einer Mozartsonate in Intelligenztests besser abschnitten als zuvor. Diese Studie konnte seither nicht wiederholt werden – sie gilt als widerlegt.

Und auch die meisten anderen Studien zu der Frage, inwiefern Musik die kognitiven Fähigkeiten steigert, haben ein methodisches Problem: Sie belegen Korrelationen, keine Kausalitäten. Mehr und Kollegen fanden 2013 nur fünf Studien weltweit, die auf randomisierten Experimenten beruhen und damit seriös kausale Zusammenhänge belegen können. Nur eine von ihnen zeigte einen leicht positiven, statistisch aber nicht signifikanten Effekt des Musizierens auf andere Fähigkeiten. Auch Mehrs Experiment, in dem er Kinder zufällig in zwei Gruppen einteilte und eine von ihnen sechs Wochen lang zur musikalischen Früherziehung schickte, ergab keinen Effekt auf die kognitiven Fähigkeiten. Dass die Medien aber prompt titelten "Musik macht eure Kinder nicht intelligent", ärgerte Mehr: "Unsere Studie hat nicht ergeben, dass musikalische Erziehung keine kognitiven Vorteile bringt." Nur in diesem einen Fall von kurzzeitiger musikalischer Früherziehung habe sich kein Effekt gezeigt.

Früh übt sich
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… was ein Meister werden will: Wer jung anfängt und viele Stunden übt, hat die besten Chancen, ein erfolgreicher Musiker zu werden. Das zeigen auch wissenschaftliche Studien.

Das lag vielleicht an der fehlenden Intensität. Das zumindest lässt eine aktuelle Studie vermuten, welche die Psychologin Annemarie Seither-Preisler von der Universität Graz gemeinsam mit dem Neurologen Peter Schneider durchführte, dem Leiter der Forschungsgruppe Musik und Gehirn an der Neurologischen Klinik Heidelberg. Sie begleiten 145 Kinder in einer Längsschnittstudie seit 2009. Ein Teil der Probanden erhält gar keinen Instrumentalunterricht, eine andere Gruppe im Rahmen eines Schulprojekts eine Instrumentalstunde in der Woche, und eine dritte Gruppe spielt privat ein Instrument, was mit intensiverem Üben einhergeht. Schon nach 13 Monaten zeigten sich deutliche Effekte, allerdings vor allem bei jenen, die viel übten. "Eine Stunde pro Woche scheint zu wenig zu sein", sagt Seither-Preisler. So habe sich der auditive Kortex bei intensiv musizierenden Kindern schneller und besser entwickelt, auch bei Hörtests hatten sie die Nase vorn. Zudem arbeiteten die Hörareale der beiden Hirnhälften präziser und synchroner zusammen, und die musizierenden Kinder zeigten eine höhere auditive und visuelle Aufmerksamkeit – und, unabhängig von ihrem sozialen Hintergrund, auch eine bessere Lese-Rechtschreib-Kompetenz.

In einer weiteren Erhebung wollen die Forscher untersuchen, wie Kinder mit ADHS und Lese-Rechtschreib-Schwäche auf Musikunterricht reagieren. Denn bei ihnen, so beobachteten die Wissenschaftler, weist der linke Hörkortex eine Entwicklungsverzögerung auf. "Daher könnte gezieltes Musiktraining helfen, Legasthenie oder ADHS vorzubeugen", vermutet Seither-Preisler.

Soziales Feingefühl

Auch die Behauptung, Musizieren mache Kinder sozialer, lässt sich auf die Wirkung von Musik auf das Gehirn zurückführen: Die US-amerikanische Neurobiologin Nina Kraus und ihre Kolleginnen haben belegt, dass durch eine präzisere zeitliche Verarbeitung im Hirnstamm auch die Sprachmelodie besser abgebildet wird – jener Faktor von Sprache, der Gefühle transportiert. In Kraus' Studien zeigt sich, dass musizierende Kinder und Erwachsene Feinheiten in der Sprachmelodie exakter wahrnehmen und damit Emotionen besser erkennen können, was mit Vorteilen im sozialen Umgang einhergehen sollte.

Und es gibt noch eine viel naheliegendere Annahme, warum Musik sozial macht: Sie führt Menschen zusammen. "Wenn Menschen Musik machen, kommen sie in Kontakt mit anderen", sagt Stefan Kölsch vom Leipziger Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften. "Eine gelungene musikalische Aufführung erfordert außerdem Kooperation", so Kölsch: Das stärke das Vertrauen und sei eine Quelle der Freude. Gemeinsam zu musizieren, fördere außerdem die "Ko-Pathie", eine gruppenübergreifende Form der Empathie, in der sich die Emotionen einer Gruppe angleichen. Das führe zu einem Gefühl der Zusammengehörigkeit, reduziere Konflikte und verstärke das Wohlbefinden der Einzelnen. Zudem hätten viele Studien einen neurologischen und kognitiven Zusammenhang zwischen Sprache und Musik nachgewiesen. "Für Kinder scheint die musikalische Kommunikation beim gemeinsamen Singen mit den Eltern wichtig zu sein für die soziale, emotionale und kognitive Entwicklung."

Wer in seinem Fach exzellent werden will, muss 10 000 Stunden üben

Besonders spannend ist auch folgendes Ergebnis der Studie von Seither-Preisler und Schneider: Schneider hatte bereits 2002 die Gehirne erwachsener Musiker untersucht und eine vergrößerte heschlsche Querwindung gefunden. "Bislang wusste man aber nicht, ob das ein Begabungs- oder ein Trainingseffekt ist", so Seither-Preisler. In ihrer aktuellen Untersuchung konnten die Forscher nun genau verfolgen, wie die Größe dieser Struktur die Übe-Motivation der Kinder vorhersagte: Schon bei der ersten Messung stellten sie Unterschiede im Volumen fest. Kinder, bei denen diese Struktur größer war, entwickelten sich im Lauf der Zeit zu motivierteren Musikern. "Die Kausalität ist also andersherum als gedacht", so die Psychologin: "Wir sehen hier eher einen Einfluss der Begabung." Oder mutiger gesagt: Man kann musikalische Begabung offenbar messen.

Inwiefern Veranlagung den Erfolg eines Musikers beeinflusst und welchen Effekt fleißiges Üben hat, wird seit Jahren in der Forschung diskutiert. In der Tat scheint es einen großen Einfluss auf den späteren Erfolg als Musiker zu haben, in welchem Alter man mit dem Üben beginnt – und insbesondere, wie viele Stunden täglich geübt wird. Frühes Üben erhält die dafür benötigten Nervenbahnen, im Gehirn wird ihre Leitfähigkeit verbessert. Ungenutzte Nervenbahnen können bis zum Erwachsenenalter unwiederbringlich verschwinden, entsprechende Hirnregionen werden dünner. So ergab eine Studie des schwedischen Karolinska-Instituts 2005, dass die entsprechenden Nervenstränge von Pianisten umso dicker waren, je mehr sie bis zu einem Alter von elf Jahren geübt hatten. Insbesondere die Bahnen einer Region, die mit der willentlichen Bewegung einzelner Finger assoziiert wird, waren ausgeprägter als bei Pianisten, die in der Kindheit weniger oft geprobt hatten. Aber auch ob ein Pianist im Jugendalter zwischen 12 und 16 Jahren noch viel übte, veränderte die Nervenbahnen – allerdings in geringerem Umfang. Mit 17 Jahren müssen Musiker immerhin vier Stunden am Tag üben, um Nervenbahnen zu verändern, die verschiedene Teile des Hirns miteinander vernetzen. Früh anzufangen lohnt sich also!

Übung macht den Meister

Dass Übung insgesamt der entscheidende Faktor für das Können eines Musikers ist, schien bereits eine berühmt gewordene Studie des Psychologen K. Anders Ericsson von der Florida State University aus dem Jahr 1993 zu belegen. Er befragte 20-jährige Violinschüler einer Musikakademie, die alle bereits mit fünf Jahren mit dem Geigenspiel begonnen hatten, wie viele Stunden sie in ihrem Leben wohl zusammengerechnet geübt hätten. Parallel dazu bat er die Fakultät um Auskunft, wie gut die Spieler waren. Die besten Spieler hatten mit 20 Jahren mehr als 10 000 Übungsstunden angehäuft, jene Spieler, die lediglich "gut" abschnitten, knapp unter 8000 Stunden. Die am wenigsten begabten Schüler hatten nicht einmal 5000 Stunden auf dem Probenkonto. Ericssons Schlussfolgerung: Übung macht den Meister. Intelligenz hingegen sei zweitrangig. Wer in seinem Fach exzellent werden wolle, müsse eben 10 000 Stunden proben.

"Tut uns leid, ihr Streber: Talent zählt!", titelten dagegen die Psychologen David Hambrick und Elizabeth Meinz von der Michigan State University nach ihrer Studie 2010, die ergab, dass ein starkes Arbeitsgedächtnis bei Pianisten entscheidend für die Fähigkeit ist, vom Blatt zu spielen. Ebenso wie die Intelligenz lässt sich auch unser Arbeitsgedächtnis nur teilweise beeinflussen.

Ein kleines bisschen versöhnlicher sind die Ergebnisse einer weiteren Studie, die Hambrick 2014 zusammen mit Elliot Tucker-Drob von der University of Texas veröffentlichte. Die Forscher untersuchten die Bedeutung von Talent und Übung anhand der Daten von 850 Zwillingspaaren, die nach ihrem musikalischen Erfolg und ihren Übungsstunden gefragt worden waren. In der Tat spiele die Veranlagung eine große Rolle, so die Erkenntnis der Forscher, die aber exponentiell mit dem Üben steige. Wer also ein perfekter Musiker werden wolle, brauche neben Veranlagung eine hohe Bereitschaft zu üben.

Auch Konzertpianistin Rita Kaufmann hält die Gabe, gut vom Blatt zu spielen, für weitgehend angeboren. "Das kann man nicht trainieren", so ihre Beobachtung aus der Praxis. Ihr sei das stets leicht gefallen, insgesamt habe sie eine gute Auffassungsgabe. Aber es scheint noch andere Faktoren zu geben, die jemanden zu einem guten Musiker machen: Alfred Brendel, einer der größten lebenden Pianisten, spiele beispielsweise nur sehr mäßig vom Blatt. Vielleicht müsse er länger üben, um Stücke auswendig zu lernen. "Aber das ist unabhängig von der Kunst."

Samuel Mehr, Entzauberer des Mozart-Effekts und neben seiner Tätigkeit als Forscher selbst Musiker, rät, nicht zu sehr auf potenzielle Transferleistungen der Musik zu schielen, sondern sie als Wert an sich anzuerkennen: "Jede einzelne Kultur auf der Welt macht Musik, es hat etwas mit dem Menschsein zu tun. Wir unterrichten Shakespeare in der Schule ja auch nicht deshalb, damit unsere Kinder bessere Abschlussprüfungen machen, sondern weil wir glauben, dass Shakespeare wichtig ist."