"Schau sie nicht direkt an, sonst werden sie misstrauisch", flüstert Rie Henriksen. Die Neurowissenschaftlerin meint damit ein Dutzend herumstreifende Hühner, nur ein paar Meter von ihr entfernt auf dem Parkplatz des Aussichtspunktes an den Opaekaa-Wasserfällen auf Kauai, einer der Inseln von Hawaii. Die Hühner haben allen Grund, Henriksen und dem Evolutionsgenetiker Dominic Wright zu misstrauen: Diese Forscher von der Universität Linköping in Schweden haben Tierfallen, Drohnen, Wärmebildkameras und ein mobiles molekularbiologisches Labor im Gepäck, um die Vögel zu beobachten und zu untersuchen. Und sie schreiten direkt zur Tat. Ein kohlrabenschwarzes Huhn mit grün irisierenden Federspitzen läuft einen Pfad entlang und pickt ständig auf den Boden; das ausgestreute Futter soll es bis zur Falle locken. Wright zieht an einer Schnur, die er sich zuvor um seinen großen Zeh geschlungen hat, und sofort breitet sich ein Netz über dem großen Vogel aus. Nach einem Moment der Stille bricht das gefangene Huhn in wildes, zorniges Gekreische aus.

Wie an vielen Orten auf Kauai wimmelt es auch an den Opaekaa-Wasserfällen nur so von verwilderten Hühnern – frei lebendem Vogelvieh, das mit dem Eier legenden und die Supermärkte mit Fleisch füllenden Huhn ebenso verwandt ist wie mit den älteren Arten, die vor Hunderten von Jahren nach Hawaii eingeführt wurden. Die modernen Hybriden leben in fast jedem Eckchen der Insel, von Felsspalten bis zu Parkplätzen der Fastfoodkette KFC. Die Tiere haben ihren Weg in das Leben und die Kultur der Gegend gefunden und werden von den Bewohnern irgendwie geliebt und gehasst zugleich; den Biologen bieten sie die Chance auf lange für unmöglich gehaltene Untersuchungen zur Frage, was beim Verwildern von Haushühnern geschieht.

Die Domestizierung hat die Tiere und ihr Genom so geformt, dass sie gut an die Umgebung des Menschen angepasst sind. Eigenschaften, die früher das Überleben in der Wildnis ermöglichten, sind nun dem Menschen nützlichen Merkmalen gewichen, wie Sanftmut und schnelles Wachstum. Die Dedomestizierung einer Art erscheint auf den ersten Blick als Umkehrung seiner Domestizierung. Bei genauerem Hinsehen wird aber klar, dass sich die verwilderten Hühner von Kauai ganz anders als ihre Vorfahren entwickelt haben: Einige ihrer Eigenschaften spiegeln zwar die vergangenen Arten wider, manche dagegen stammen von heutigen Rassen ab und haben sich erst im Zusammenleben mit dem Menschen herausgebildet. In dieser Hinsicht ähneln die Hühner anderen Tierpopulationen, wie den verwilderten Hunden, Schweinen und Schafen, die aus der Haustierhaltung entwichen sind und sich in der Wildnis vermehrt haben.

Wilder Hahn auf Kauai
© Dominic Wright, Linköping University
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Wilde Hühner sind auf der Insel Kauai, die zu Hawaii gehört, keine Seltenheit. Im Gegenteil: Viele Bewohner fühlen sich gestört von den Tieren, manche Farmer setzen gar ein Kopfgeld auf sie aus.

Entwicklungsbiologen wollen nun anhand der verwilderten Arten – den so genannten Pariaformen – herausfinden, wie sich Haustiere und ihr Genom unter dem natürlichen Selektionsdruck verändern. Dabei könnte sich auch zeigen, welchen Einfluss die verwilderten Formen auf die echten Wildformen haben und wie sich das vielleicht steuern ließe. Die Hühner aus Kauai werden damit zu wichtigen Testobjekten. "Die Bewohner der Insel haben eine etwas vertrackte Beziehung zu den Hühnern", sagt der Evolutionsbiologe Eben Gering von der Kellogg Biological Station der Michigan State University in Hickory Corners, der mit Henriksen und Wright nach Kauai gekommen war. "Manche Bewohner wollen, dass sie unbedingt verschwinden, andere bezeichnen sie als wichtigen Teil ihrer Kultur."

Kauai als fressfeindefreie Zone für polynesische Hühner

Vor etwa 1000 Jahren siedelten die ersten polynesischen Seefahrer auf den Inseln Hawaiis und brachten mit, was sie für den Anfang brauchten: Pflanzen zum Anbau ihrer Hauptnahrungsmittel, wie Taro, Süßkartoffel und Kokosnuss, sowie Haushunde, Schweine und natürlich die von ihnen verehrten Hühner. Das polynesische Federvieh hatte wahrscheinlich nur wenig Ähnlichkeit mit den Hühnern, die unserer heutigen Welt Unmengen Protein liefern. Laut archäologischen und genetischen Untersuchungen ähnelten sie eher dem roten Bankivahuhn (Gallus gallus), einem relativ kleinen und versteckt lebenden Vogel, der auch heute noch durch die Wälder Südostasiens streift und als Vorfahre unseres Haushuhns gilt. Als Kapitän James Cook im Jahr 1778 in Waimea im Süden der Insel Kauai landete, waren die polynesischen Hühner eigentlich schon verwildert und zogen frei zwischen den Dörfern der einheimischen Bevölkerung und den benachbarten Wäldern hin und her. Später brachten die Siedler aus Europa und Amerika Fressfeinde wie Mungos mit, die etliche Vogelarten der Inseln ausrotteten. So erging es auch den polynesischen Hühnern, die fast überall verschwunden waren, ausgenommen von Kauai und dem benachbarten Niihau, wo ihre Fressfeinde nie hinkamen.

Auf Kauai gediehen die Hühner bestens. Ihre genaue Zahl wurde zwar niemals bestimmt, aber laut vieler Bewohner haben sie sich nach den Hurrikans in den Jahren 1982 und 1992 deutlich vermehrt. Damals waren die modernen Hühner von den Höfen regelrecht in die Wälder geblasen worden und trafen dort auf die Nachkommen der polynesischen Hühner. Laut Gering könnte gerade die Durchmischung der zwei Populationen zur starken Ausbreitung geführt haben. Im Rahmen ihrer ersten Forschungsreise auf die Insel Kauai im Jahr 2013 fanden er und Wright bei vielen frei lebenden Hühnern zwischen dem eigentlich dunklen Gefieder noch weiße Federn, wie sie von heutigen Haushuhnrassen bekannt sind. Viele hatten auch gelbe Beine, obwohl diese beim Bankivahuhn eigentlich grau sind, und so mancher Hahnenschrei klang auffallend ähnlich zu dem lang gezogenen Kikeriki ihrer Bauernhofbrüder und so gar nicht nach den kurzen Rufen eines Bankivahuhns.

In DNA-Analysen von 23 Hühnern fanden die Forscher etliche Haushuhngene. Das Kerngenom der Vögel scheint inzwischen eine Mischung aus Genen der dem Bankivahuhn ähnlichen polynesischen Hühner und der Haushühner zu sein, während die mitochondrialen Marker auf europäische und pazifische Hausgeflügelrassen zurückzuführen sind. Laut Gering und Wright streift inzwischen eine echte Hybridpopulation von Federvieh durch Kauai, die eine Mischung von Merkmalen heutiger und früherer Vögel trägt. In bisher noch nicht veröffentlichten Untersuchungen haben die zwei Forscher das Genom der Tiere nach DNA-Abschnitten mit sehr geringer Variation zwischen den verschiedenen Populationen durchforstet. Solch eine Homogenität der Sequenzen deutet auf Gene hin, die in der Vergangenheit weitergegeben wurden, vielleicht weil sie einen besonderen Vorteil boten. Wenn Dedomestizierung, sprich Verwilderung, einfach nur eine rückwärts laufende Domestikation wäre, dann würde die Selektion wohl eher DNA-Sequenzen betreffen, die das Haushuhn vom Bankivahuhn unterscheiden. Wie die Ergebnisse der Wissenschaftler zeigen, sind die meisten der sich schnell wandelnden Gene der Kauai-Hühner aber gerade keine, die an der modernen Domestikation beteiligt sind.

Dank einiger Gene der polynesischen Hühner sind die Hybridhühner gut an ihr Habitat auf Kauai angepasst. So wurde beispielsweise dem modernen Haushuhn angezüchtet, nicht auf seinen Eiern zu sitzen und diese auszubrüten, weil sich so die Eier leichter einsammeln lassen. Draußen in der Wildnis bedeutet dieses Verhalten jedoch Gefahr für die noch nicht ausgebrüteten Küken. Ganz folgerichtig fanden Wright und Gering, dass die Brut-Genvarianten des Bankivahuhns bei den frei lebenden, verwilderten Hühnern wieder vorhanden sind. Außerdem scheinen so manche domestikationsrelevante Gene auch außerhalb des Hühnerstalls nützlich zu sein. So ist beispielsweise eine Genvariante bei den Kauai-Hühnern erhalten geblieben, die beim Haushuhn am schnellen Wachstum und an der Fortpflanzung beteiligt ist – und das obwohl eine adulte Pariaform im Durchschnitt nur etwa die Hälfte an Gewicht hat wie ein für die Fleischproduktion gezüchtetes Huhn im Alter von einem Monat.

Haushühner haben ein kleineres Gehirn als Bankivahühner

"So gesund wie dieses sehen sonst fast keine Hühner aus", sagt Wright über die Henne, die er und Henriksen an den Opaekaa-Wasserfällen fangen konnten. "Ihr Gefieder ist einfach perfekt." Die Forscher haben auf Kauai ein Haus gemietet und im Kellergeschoss behelfsmäßig ein Labor eingerichtet. Dort fotografieren sie nun das Huhn, nehmen ihm Blut ab und beenden dann sein Leben, um es zu sezieren. Wright beginnt mit dem etwa paranussgroßen Gehirn. Wie seine vorläufigen Daten zeigen, ist das Gehirn von Haushühnern relativ zur Körpergröße kleiner als bei Bankivahühnern, und es ist anders organisiert. Das Forschungsteam möchte die Gene identifizieren, die für die Unterschiede und das schlechtere Sehvermögen von Haushühnern verantwortlich sind.

Das Leben in der Wildnis hat auch bei der Fortpflanzung seine Spuren hinterlassen. Während Haushuhnrassen fast täglich Eier legen, werden bei saisonalem Brüten der verwilderten Pariaformen Mineralien eingespart, die sonst aus dem Schwammgewebe im Knochenzentrum stammen und für die Produktion der Eischale nötig sind. Das trägt letztlich zur Stärkung des Skeletts der Tiere bei. Als die Forscher den Oberschenkelknochen der gefangenen Henne untersuchten, stellen sie fest, dass ihre Eierstöcke keine Eifollikel trugen – ebenfalls ein Hinweis auf saisonales Brüten.

"Laut bisheriger Meinung sind Gene, die mit dem Leben auf der Farm oder im Haus assoziiert sind, nicht für das Leben in der Wildnis geeignet. Doch das stimmt anscheinend nicht immer"
Jonathan Losos

Der Dedomestikation wurde bisher wesentlich weniger Aufmerksamkeit geschenkt als der Domestikation, die schon im ersten Kapitel von Charles Darwins Buch "Über die Entstehung der Arten im Tier- und Pflanzenreich durch natürliche Züchtung" im Jahr 1859 beschrieben ist. Aber der Austausch von Haustier- und Wildformgenen ereignet sich schon seit Tausenden von Jahren und zwar auf der ganzen Welt.

Eine Population dedomestizierter Schafe lebt seit mehr als 4000 Jahren auf der zu den Äußeren Hebriden zählenden Insel St. Kilda an der Westküste von Schottland. Vor etwa 150 Jahren erwarb das dortige Schaf Genallele, die auch die Fellfarbe der heutigen Hausschafe bestimmen. Außerdem wurde im Jahr 2009 in "Science" eine Studie zu Wölfen aus dem Yellowstone National Park in Wyoming veröffentlicht. Die Tiere tragen eine Genvariante des Haushundes, die mit dunkler Fellfarbe assoziiert ist. Vieles spricht hier für positive Selektion, mit deren Hilfe sich die aus der arktischen Landschaft stammenden Wölfe an ihr Leben in Wäldern angepasst haben. "Laut bisheriger Meinung sind Gene, die mit dem Leben auf der Farm oder im Haus assoziiert sind, nicht für das Leben in der Wildnis geeignet. Doch das stimmt anscheinend nicht immer", erklärt der Evolutionsökologe Jonathan Losos von der Harvard University in Cambridge in Massachusetts.

Soay-Schafe
© Arpat Ozgul, University of Edinburgh
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 Bild vergrößernSoayschafe des St. Kilda Archipels
Seitdem die Menschen die abgeschiedene Inselgruppe im Nordatlantik 1930 verlassen haben, blieben die zähen einstigen Hausschafe auf sich allein gestellt im St. Kilda Archipel zurück. Isoliert vom Rest der Welt dient die verwilderte, uralte Schafrasse seit 1950 als genetisches und populationsbiologisches Forschungsobjekt.

Nun entdeckten Tim Coulson und seine Kollegen vom Imperial College London, dass die Soayschafe (Ovis aries) auf der Hauptinsel Hirta in den letzten 25 Jahren schrumpften. Ihre Körpergröße habe stetig abgenommen, und auch die Lämmer wuchsen nicht mehr so schnell. Das widerspricht aber klassischen Theorien, nach denen die evolutive Fitness der Schafe – also die Wahrscheinlichkeit zu überleben und sich fortzupflanzen – mit der Körpergröße ansteigen sollte.

Schuld an der schrumpfenden Durchschnittsgröße, meinen die Forscher, sei die globale Erderwärmung, wodurch die Winter auf den Inseln milder geworden sind und somit auch die Überlebensbedingungen weniger herausfordernd. Die kleinen, langsam wachsenden Lämmer überlebten leichter durch das mildere Klima, vor allem weil das Gras als Nahrungsquelle mehr Monate im Jahr zur Verfügung stünde als früher.

Außerdem haben die Wissenschaftler den so genannten "young mum effect" in der Population beobachtet. Das zunehmend jugendliche Alter der Mütter wirkt sich negativ auf die Größe der Lämmer aus: Jüngere Tiere sind körperlich noch nicht in der Lage, Lämmer zu gebären, die so groß sind, wie sie selbst bei der Geburt waren.

Mit ihrer verringerten Körpergröße reagierten die Soayschafe auf die veränderten Umweltbedingungen der vergangenen 25 Jahre, erklärt Coulson. Damit hätten ökologische Einflüsse die Entwicklung der Population stärker geprägt als klassische Selektionsprozesse. (lw)


Ozgul, A. et al.: The Dynamics of Phenotypic Change and the Shrinking Sheep of St. Kilda. In: Science 10.1126/science.1173668, 2009.

Und wie die verwilderten Hühner in Kauai, so haben sich auch andere Tiere, wie Dingos in Australien oder die Stadttauben, fast nirgends zurück zur Art ihrer wild lebenden Vorfahren entwickelt – selbst wenn einige Merkmale dies vermuten lassen. So besitzen nicht nur Hühner, sondern auch andere Haustiere ein kleineres Gehirn als ihre wild lebenden Verwandten, jeweils relativ zur Körpergröße gesehen. Der deutlichste Unterschied zeigt sich in Gehirnregionen, die am Sehen, Hören oder Riechen beteiligt sind. Vielleicht sind sie genau deshalb bei Haustieren kleiner, weil der Mensch die Tiere unterwürfig und ihrer Umgebung gegenüber weniger argwöhnisch habe wollte. Wild lebende Pariaformen von Schweinen in Sardinien besitzen nämlich wieder ein größeres Gehirn und viele Neuronen zum Riechen. Allerdings fehlt auch ihren Neuronen ein Molekül, das bei den nah verwandten Wildschweinen mit einem ausgezeichneten Geruchssinn in Zusammenhang gebracht wird.

Auch verwilderten Haushunden, Katzen und Schweinen fehlt oft der Spürsinn ihrer Wildformen, und sie brauchen ihre Nische beim Menschen zum Überleben, sagt die Archäologin Melinda Zeder vom Smithsonian National Museum of Natural History in Washington, D.C. In einem Rudel verwilderter Haushunde wird beispielsweise keine vergleichbar komplexe Hierarchie aufgebaut, die Wölfe zu so gefürchteten Jägern macht. "Sie haben keinen Anführer wie ein Wolfsrudel, sondern sind einfach nur eine Gruppe von Freunden", sagt der Evolutionsgenetiker Geger Larson von der University of Oxford in England, der als Teil des Forschungsteams die Abstammung der verwilderten Schweine von Kauai erforscht.

In weniger als einer Stunde haben Wright und Henriksen die Henne seziert und Proben von Gehirn, Knochen, Leber und anderen Geweben für Analysen zur Genexpression genommen. Anhand der in den verschiedenen Geweben exprimierten RNA wollen sie nun eine Liste von Genen aufstellen, welche für die Unterschiede zwischen den Pariaformen der Hühner, den Haushühnern und den Bankivahühnern verantwortlich sein könnten. Um noch mehr Gewebeproben in ihre Untersuchungen einschließen zu können, nehmen die Forscher auch gerne die Einladung der nahe gelegenen Farm an und sammeln weitere Hühner ein.

Fünf Dollar für jedes abgeschossene Huhn

"Sie sind eine Geißel. Sie sind Ungeziefer. Sie kosten uns jedes Jahr Abertausende von Dollar", schimpft der Eigentümer des Hofes (der nicht genannt werden möchte). Die Hühner schaben an den neu gepflanzten Bäumen der Obstplantagen und legen die Wurzeln frei, so dass die Obstbäume absterben, bevor sie überhaupt wachsen können. In einer verbeulten Luxuslimousine fährt der Farmer durch die Felder und kontrolliert alles; dabei hat er ein großkalibriges Luftgewehr und einen Lohnarbeiter, der mit fünf Dollar für jedes abgeschossene Huhn belohnt wird. Alle paar Monate lädt er dann noch Jäger auf sein Land ein, die mit Nachtsichtbrillen die Vögel an ihren Schlafplätzen aufspüren.

Nur wenige in Kauai sind gleich so radikal, und viele zucken einfach nur mit den Achseln, wenn man sie nach den Hühnern fragt. Die vielen Touristen beobachten sie anfangs sehr interessiert – wenn sie dann erst ein paar Mal um drei Uhr morgens durch ihr Krähen geweckt wurden, fühlen sie sich doch etwas von ihnen genervt. Aber vermarkten lässt sich alles mit Hühnern sehr gut: Bedruckte Postkarten, Küchenbretter und T-Shirts gibt es überall zu kaufen; und es lief fast zwei Jahrzehnte lang auch eine Kindersendung im Fernsehen mit einem Typen namens Russel the Rooster.

"Auch wenn es die Bankivahühner hier noch nicht gab, bevor die Polynesier die Insel besiedelten, so sind sie doch schon länger Teil des Ökosystems als die heutigen Haushühner"
Eben Gering

Als Nachkommen der von den Polynesiern eingeschleppten Vögel stehen die verwilderten Hühner in Kauai zoologisch gesehen irgendwo zwischen der einheimischen Fauna und den so gefürchteten invasiven Arten, die Inseln wie Hawaii schwer zu schaffen machen. "Das ist alles viel komplizierter und nicht nur eine dedomestizierte Art", sagt Gering. "Auch wenn es die Bankivahühner hier noch nicht gab, bevor die Polynesier die Insel besiedelten, so sind sie doch schon länger Teil des Ökosystems als die heutigen Haushühner." In den Naturschutzgebieten genießen sie als "wilde Hühner" halboffiziellen Schutz. Wenn sie aber in Anbauflächen oder Privatanwesen wandern, gelten sie als "frei herumfliegende Haushühner" ohne jegliche Protektion. "Die Einwohner können sie einfangen (sobald sie auf ihrem Grundstück sind) und in den Kochtopf stecken", heißt es auf einer offiziellen Webseite des Staates Hawaii.

Freilebende Hühner
© Emily Willoughby; Callaway, E.: When chickens go wild. In: Nature 529, S. 270-273, 2016; dt. Bearbeitung: Spektrum der Wissenschaft
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 Bild vergrößernFrei lebende Hühner

Derzeit mangelt es auf Kauai wahrlich nicht an Pariaformen; sollten aber doch einmal Mungos auf die Insel kommen oder sich die politischen Gegebenheiten ändern, könnten sie in Gefahr sein. Oahu ist die am dichtesten bevölkerte Insel Hawaiis und startete unlängst schon eine umstrittene Kampagne zum Keulen der Tiere mit unklarer Herkunft. Laut Gering sind die aber schon allein wegen ihres langen Daseins und der kulturell einzigartigen Position erhaltenswert: "Bevor wir über ihren Verbleib und den Umgang mit ihnen entscheiden, sollten wir mehr über die Folgen wissen." Die Forscher interessiert alles, von den Kleintieren und Pflanzen, die sie fressen, bis hin zu ihrem Einfluss auf die Landschaft – all diese Informationen hofft Gering bei zukünftigen Forschungsreisen auf der Insel sammeln zu können.

Kauais Hühner sind natürlich nicht die einzigen Lebewesen auf der Welt, die zwischen einheimisch und fremd stehen. Als die in der mongolischen Steppe lebenden Przewalski-Pferde erstmals im späten 19. Jahrhundert beschrieben wurden, galten sie als die letzten wild lebenden, nicht domestizierten Pferde. Im vergangenen Jahr zeigten aber Genomanalysen, dass die etwa 2100 noch lebenden Pferde große Anteile von Hauspferd-DNA tragen. Außerdem gibt es klare Hinweise auf Inzucht, wahrscheinlich auf Grund eines Zuchtprogramms in den 1940er Jahren.

"Die verwilderten Haustiere zwingen uns quasi dazu, die allzu klare, allzu einfache und völlig falsche Zweiteilung in Wildtier und Haustier zu überdenken"
Geger Larson

So manche Naturschützer betrachten Haustiergene als schädlich und meinen, sie würden das Genom der in Südostasien heimischen Wildtiere wie Wölfe, Kojoten und eben der Bankivahühner nur verwässern. Manche behaupten sogar, es gäbe gar keine reinrassigen Bankivahühner mehr. "Die verwilderten Haustiere zwingen uns quasi dazu, die allzu klare, allzu einfache und völlig falsche Zweiteilung in Wildtier und Haustier zu überdenken", sagt Larson. Und die Überlebensfähigkeit angeblicher Wildtiere in einer zunehmend durch den Menschen veränderten Welt könnte genau auf die mitgetragenen Haustiergene zurückzuführen sein. Wie könnten sie es besser schaffen, in der von uns geprägten Umwelt zu überleben, als durch Merkmale der von uns geformten Lebewesen?

Warum sollten die Tiere ihre Nische verlassen?

"Kikeriki" schallt es an dem sonnigen Herbstmorgen aus dem dichten Wald im Kokee State Park, einem ausgesprochen schönen Naturschutzgebiet an der Westküste Kauais. "Kikeriki" schallt es von einem Kilometer entfernt zurück. Obwohl die Hühner schon eine feste Institution in dieser vielfältigen und abgelegenen Landschaft sind, halten sich die meisten von ihnen doch in einem bestimmten Gebiet in der Nähe der Park- und Picknickplätze auf, wo sie leicht an das von Menschen ausgelegte Futter gelangen. Die Hühner im Park sind die unverschämtesten und bequemsten auf ganz Kauai. Das macht es sogar schwierig, auf der zentral gelegenen Wiese des Kokee State Park ganz in Ruhe etwas zu essen, ohne gleich die Aufmerksamkeit ganzer Scharen der Vögel auf sich zu ziehen. "Wenn man sie zu jagen versucht, verschwinden sie in einer 300 Meter tiefen Schlucht, die so dicht bewachsen ist, dass man ihnen nicht folgen kann", weiß Gering. "Hofhühner könnten das sicherlich nicht."

Eine Webseite über den Park rät Besuchern vom Füttern der Tiere ab, in der Hoffnung, so ihre Zahl und Abhängigkeit vom Menschen zu mindern. Das Interesse am echten "Auswildern" der Hühner ist vielleicht auch vom Versuch getrieben, ihre Zahl durch andere Methoden als das Keulen zu senken. Vielleicht ist es nur eine Frage der Zeit, bis sie ihre Abhängigkeit vom Menschen abgelegt haben – oder es wird niemals dazu kommen. "Die von Pariaformen genutzten Nischen sind vom Menschen auf eine Art geprägt, die es zur Zeit ihrer Vorfahren nicht gab", erklärt Zeder. "Warum sollten wir erwarten, dass sie diese Nischen verlassen und zu echten Wildformen werden?"

Eine Möglichkeit könnte es laut Wright aber doch geben: Wären die Hühner im Kokee State Park lange genug auf sich gestellt, würden sie vielleicht keine Kopien ihrer Vorfahren, der Bankivahühner, mehr sein und sich in eine ganz andere Art entwickeln, die einfach Wildform zu nennen wäre. Was auch immer wild ist.