Grabung
© Gareth Fuller/English Heritage
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Faustkeil
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Mammut
© Steve Cole/English Heritage
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Backenzahn
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Es schneit. Doch das dichte Fell schützt die Mammuts vor der grimmigen Kälte. Friedlich steht eine kleine Herde von acht Tieren an dem Teich und labt sich an dem kalten, aber erfrischenden Nass. Der Platz ist ihnen wohl vertraut, schließlich kommen sie alljährlich auf ihren langen Wanderungszügen hier vorbei. Auch ein Nashorn sowie einige Rentiere, die sich hinzugesellen, stillen ihren Durst.

Doch plötzlich fliegt ein Speer durch die Luft und trifft das nichtsahnende Leittier genau zwischen die Augen. Laut brüllt es seinen Schmerz heraus. Panik breitet sich aus. Doch die Mammuts haben keine Chance. Von überall stürzen sich mit Steinäxten bewaffnete Männer auf die Tiere und schlagen auf sie ein. Nur wenige können dem Gemetzel entkommen.

So ähnlich könnte sich eine Jagdszene im mittleren Paläolithikum ereignet haben. Doch stimmt dieses Bild überhaupt? Denn die Gelehrten streiten sich noch immer, ob die Neandertaler, die hier als eiszeitliche Großwildjäger auftraten, wirklich zu solchen koordinierten Aktionen in der Lage waren. "Sie finden immer wieder diese Darstellungen als Mammutjäger, aber es gibt überhaupt keinen Beweis dafür", meint der britische Archäologe David Miles vom English Heritage. Zwar bezweifelt niemand, dass Homo neanderthalensis fleischlicher Kost durchaus nicht abgeneigt war, er könnte sich jedoch auch als Aasfresser durchgeschlagen haben.

Doch ein Steinbruch bei der englischen Stadt Thetford könnte jetzt Licht in das Dunkel bringen. Denn hier stieß ein Arbeiter auf die Überreste eines Faustkeils, zusammen mit einem Tierknochen und einem Zahn, und zeigte seinen Fund dem Archäologen Bill Boismier vom Norfolk Archaeological Unit. "Ich musste mich erst mal setzen", erinnert sich Boismier an diese für ihn völlig überraschende Entdeckung.

Inzwischen wird der Steinbruch systematisch freigelegt. Die Archäologen stießen bisher auf mehr als 129 Artefakte, darunter etliche Feuersteinmesser sowie acht sorgfältig gearbeitete Steinäxte. Gleichzeitig förderten sie die sterblichen Überreste von drei, vielleicht vier Mammuts zutage, einschließlich ihrer zwei Meter langen Stoßzähne. Zähne von einem eiszeitlichen Nashorn sowie das Geweih eines Rentieres waren ebenfalls darunter.

Die Wissenschaftler datieren ihren Fund auf ein Alter von etwa 50 000 Jahren. Auch wenn die genaue Analyse noch aussteht, deuten die Spuren daraufhin, dass hier eine Gruppe von Neandertalern eine Mammutherde gezielt gejagt und dann ihre Beute an Ort und Stelle mit ihren Steinwerkzeugen zerlegt hat. Diese Aufgabe war sicherlich nur gemeinschaftlich lösbar und erforderte ein Mindestmaß an sozialer Kommunikation. Die Funde widerlegen damit das Bild von unserem Vetter aus der Eiszeit – der vor etwa 30 000 Jahren dem modernen Homo sapiens weichen musste – als primitives, dumpfes Wesen.