Donald Trumps Wahlkampf wurde von dem ständigen Geraune begleitet, die Medien hätten die Wahl manipuliert. Ironischerweise kommen Manipulationsvorwürfe nun aus dem anderen Lager. Der Computerwissenschaftler J. Alex Halderman, Direktor des Center for Computer Security and Society an der University of Michigan, glaubt Beweise gefunden zu haben, dass die Wahlergebnisse in den umkämpften Swing States Wisconsin, Michigan und Pennsylvania manipuliert oder gehackt worden sein könnten. Wie das "New York Magazine" berichtet, fanden die Wissenschaftler Hinweise darauf, dass Clinton in Wahlbezirken, die sich auf elektronische Wahlmaschinen stützten, sieben Prozent weniger Stimmen erhielt als in Wahlkreisen, in denen optische Scanner und Stimmzettel aus Papier zum Einsatz kamen.

Auf Grundlage einer statistischen Analyse könnten Clinton so 30 000 Wählerstimmen verweigert worden sein. Die Demokratin verlor in den Swing State knapp mit 27 000 Stimmen. Bei dem Befund handelt es sich lediglich um statistische Auffälligkeiten; ein Beweis für Wahlmanipulation ist dies nicht. Laut "New York" drängten Halderman und der auf Wahlrecht spezialisierte Rechtsanwalt John Bonifaz Clintons Wahlkampfmanager John Podesta in einem Telefongespräch zu einer Anfechtung der Wahl. Die Frist für die Beantragung einer Neuauszählung in Wisconsin läuft am Freitag aus, in Pennsylvania am Montag und in Michigan am nächsten Mittwoch. Die drei Bundesstaaten stellen zusammen 36 Wahlmänner (Wisconsin 10, Pennsylvania 20, Michigan 6). Wenn diese kippen, könnte die Wahl doch noch zu Gunsten von Hillary Clinton ausgehen. Trump hat nominell 290 Wahlmänner im Electoral College auf seiner Seite, Clinton dagegen nur 232. Die Wahl in Michigan ging unentschieden aus. Brächen die Wahlmänner in Wisconsin und Pennsylvania weg, hätte Trump in dem Gremium keine Mehrheit mehr.

Wählten russische Hacker Trump?

Im Wahlkampf gab es immer wieder Spekulationen über mögliche Manipulationsversuche an elektronischen Wahlmaschinen. Sicherheitsforscher des Start-ups Cylanca demonstrierten, wie man eine Wahlmaschine des Typs Sequoia AVC Edge Mk1, die in 13 Bundesstaaten, darunter auch in Wisconsin, zum Einsatz kommt, mit einer Speicherkarte und ein paar Handgriffen manipulieren kann. Indem sie sich physisch Zugang zu der Maschine verschafften, konnten die Sicherheitsforscher Wahlergebnisse in den Zahlenreihen und sogar die Namen der Kandidaten ändern. Die Wahlmaschine, die wie eine Mischung aus antiquiertem Drucker und Faxgerät aussieht, spuckt das Ergebnis auf einer Art Kassenzettel aus.

In der Vergangenheit gab es immer wieder Kritik an den Wahlmaschinen. Sicherheitsforscher bemängelten die Anfälligkeit dieser Systeme; die Datenintegrität sei nicht gewährleistet. Dass sich die robusteste Demokratie mit leidlich intakten Institutionen auf ein solch fragiles elektronisches Abstimmungsverfahren stützt, erschien auch politischen Beobachtern fragwürdig. Und nach dem Hack auf den demokratischen Parteikonvent und dem Cyberangriff auf John Podesta erschien das Szenario einer Manipulation oder eines Hacks auf Wahlcomputer nicht ganz unwahrscheinlich. Russische Hacker waren bei der ukrainischen Präsidentschaftswahl 2014 in Computersysteme eingedrungen und konnten auf diese Weise das Wahlergebnis zu Gunsten des radikalen Nationalistenführers Dmytro Jarosch manipulieren.

Doch gibt es auch Beweise für eine Manipulation der Wahlmaschinen in Wisconsin? In einem Beitrag für das Portal "Medium" distanzierte sich Halderman von der Berichterstattung im Magazin "New York", das als Referenz für die meisten Artikel galt. Der Sicherheitsforscher hatte einen statistisch begründeten Anfangsverdacht, nämlich die sieben Prozent Abweichung zwischen Wahlbezirken mit papierbasierten und papierlosen Abstimmungsverfahren. Der Statistikguru Nate Silver, der 2012 das Ergebnis in allen US-Bundesstaaten korrekt vorhersagte und diesmal danebenlag, hat Zweifel an der Theorie. Auf Twitter führte er ad hoc eine Regressionsanalyse in Countys mit mehr als 50 000 Einwohnern durch.

Es gibt alternative Erklärungen

Ergebnis: Clinton verbesserte sich in dieser Berechnung nur in Wahlkreisen mit Papierstimmzetteln. Der Effekt verschwindet komplett, wenn man die Variablen Rasse und Bildungsniveau kontrolliert. Die Wahl kann natürlich trotzdem manipuliert sein, aber Silver fand zumindest in den ihm verfügbaren Daten keinen Hinweis darauf. Um eine Wahlmanipulation nachweisen zu können, müsste man die Stimmzettel nochmals auszählen. Das Problem ist, dass dies in Wahlbezirken, die auf ein papierloses Wahlsystem rekurrieren, nicht möglich ist – dazu bedürfte es einer computerforensischen Analyse. Halderman schreibt, dass vor jeder Wahl die Wahlhelfer die Daten auf einen zweiten Behördenrechner kopieren. Es müsste also ein Backup geben.

Doch theoretisch könnte die Diskrepanz der Wahlergebnisse auch auf die Sozialstruktur in den einzelnen Wahlbezirken zurückzuführen sein. Die Wahlkreise in Wisconsin, in denen mit Wahlcomputern gewählt wurde und wo Clinton signifikant weniger Stimmen erhielt, sind eher ländlich geprägt. Das Wahlsystem muss also nicht die einzige erklärende Variable für die Varianz der Wahlergebnisse sein. Es könnten genauso andere Faktoren wie Einkommen, Bildung oder Religion eine Rolle gespielt haben. Clinton hat vor allem in Ballungsgebieten besser abgeschnitten. Der ländliche Raum, das berühmte Flyover-Country, war Trump-Land.

Ben Johnson, Mitgründer und Chefstratege der Cybersicherheitsfirma Carbon Black, die in einer Studie herausgefunden hat, dass 15 Millionen Wähler wegen Sicherheitsbedenken der Wahl ferngeblieben sein könnten – auch das ein interessanter Aspekt –, sagt im Gespräch mit "Spektrum.de": "Wir werden nie wissen, ob etwas mit den Wahlmaschinen in Wisconsin, Michigan und Pennsylvania passiert ist. Eine erneute Auszählung der Stimmzettel könnte potenzielle Diskrepanzen identifizieren, aber es scheint unwahrscheinlich, dass das noch geschieht." Die Wahlmaschinen seien häufig zu alt, um computerforensische Verfahren durchzuführen. Darüber hinaus würden die meisten Angreifer, zumindest die versierteren unter ihnen, ihre Spuren verwischen. "Wenn es also Manipulationen gab, wird es keine Hinweise mehr für eine 'smoking cyber gun' geben", so Johnson. "Korrelation bedeutet nicht Kausalität, aber die eine zusätzliche Variable ist, dass wir gesehen haben, wie russische Hacker versucht haben, mehrfach Einfluss auf den Wahlausgang zu nehmen. Wir sollten diese Eventualität nicht außer Betracht lassen, obwohl es sich vielleicht nur um statistische Anomalien handelt."

Extrem verwundbare Wahlcomputer

Der Sicherheitsforscher weist darauf hin, dass Wahlmaschinen extrem verwundbar seien. "Die Maschinen, die wir analysiert haben, müssten, wenn es Reklamationen gäbe, aus dem Verkehr gezogen werden. Es ist Zeit, dass wir dieses System von Grund auf neu entwerfen, mit der Sicherheit im Hinterkopf, unabhängigen Beraterpanels, die im Prozess involviert sind, sowie einer Non-Profit-Organisation, die mit der Produktion und Lieferung dieser Maschinen betraut ist", fordert Johnson. "Es steht zu viel auf dem Spiel, um mit einer solch schlechten Hard- und Software Risiken einzugehen. Unsere Handys, Heimcomputer und selbst unsere Autos (die auch schon gehackt wurden), sind sicherer als diese Systeme", sagt der Cybersicherheitsexperte.

An der Resilienz der Wahlmaschinen hängt die Glaubwürdigkeit der Demokratie. Für die Transparenz ist es zentral, dass Wahlergebnisse eingesehen und überprüft werden können. Der renommierte Sicherheitsforscher Bruce Schneier schreibt in einem Gastkommentar für die "Washington Post": "Wahlen dienen zwei Zwecken. Zum einen und offensichtlichsten sind sie dafür da, einen Wahlsieger zu bestimmen. Aber zweitens und genauso wichtig dienen sie dazu, den Verlierer und seine Anhänger zu überzeugen, dass sie verloren haben." Wenn das Wahlsystem den zweiten Zweck nicht erfülle, würde die Legitimation demokratischer Prozesse in Frage gestellt.

"Die Clinton-Unterstützer haben ein Recht zu erfahren, ob diese offenkundige statistische Anomalie das Resultat eines Hacks auf unser Wahlsystem oder eine falsche Korrelation war", meint Schneier. Es ist schon erstaunlich, dass von solchen statistischen Fragen die Integrität einer Demokratie abhängt. Wenn die Unregelmäßigkeiten nicht aufgeklärt werden können, schwebt über dem Wahlausgang ein ewiger Verdacht, der viel schlimmer sein könnte als die Wahl eines Populisten. Misstrauen ist das alles zersetzende Gift der Demokratie.