Abendritual
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Viele Menschen freuen sich nach einem stressigen Arbeitstag darauf, sich auf die Couch zu setzen und vor dem Fernseher ein wenig zu entspannen. Anstatt für Erholung zu sorgen, führt das aber oftmals eher zu Frust in Form von Versagens- und Schuldgefühlen, wie Forscher um Leonard Reinecke von der Johannes Gutenberg-Universität Mainz nun herausfanden. Die Wissenschaftler befragten insgesamt 471 Probanden, wie sie sich am Abend des vergangenen Arbeitstages gefühlt und welche Unterhaltungsmedien sie anschließend genutzt hatten. Dabei zeigte sich, dass gerade jene Studienteilnehmer, die besonders ausgelaugt und gestresst gewesen waren, häufig den Eindruck hatten, sie hätten der Versuchung des Fernsehens erlegen anstatt sich um wichtige Dinge zu kümmern.

Die daraus resultierenden Schuldgefühle sorgten schließlich dafür, dass der Erholungseffekt noch dem Fernsehprogramm wieder hinüber war. Paradoxerweise traf dieses Schicksal gerade diejenigen Menschen am härtesten, die eigentlich am dringendsten ein wenig Entspannung hätten gebrauchen können: Je erschöpfter sich die Probanden fühlten, desto größer war auch der Eindruck des Kontrollverlustes und des Versagens. Dieses Phänomen trat dabei nicht nur beim Fernsehen, sondern auch bei anderen Arten von Medienkonsum auf – also etwa bei Menschen, die nach der Arbeit gerne Computerspiele zockten. In der Vergangenheit hatten verschiedene Studien darauf hingedeutet, dass ein Abend vor dem Fernseher Menschen durchaus dabei helfen kann, zu entspannen und geistig abzuschalten. Die Ergebnisse von Reinecke und seinem Team zeigen nun, dass dieser Zusammenhang im echten Leben komplexer ist, etwa wenn das Erholungsprogramm mit weniger angenehmen Pflichten kollidiert.