Hat der Fußballspieler seinem Gegner gerade absichtlich ein Bein gestellt? Oder war es ein Versehen, dass sein Fuß just in diesem Moment die Route des Konkurrenten kreuzte? Im Alltag gibt es leider keine Wiederholung der Szene am Fernsehbildschirm, die für mehr Klarheit sorgen könnte. Deswegen fragten sich Forscher um Indrajeet Patil von der International School for Advanced Studies in Triest: Was bringt Menschen dazu, moralische Fehltritte anderer milde oder streng zu bewerten – und welche Rolle spielt dabei die Absicht hinter den Handlungen? Um eine Antwort zu finden, nahmen sie die bei der moralischen Urteilsbildung ablaufenden neuronalen Prozesse von 42 Versuchspersonen genau unter die Lupe.

Während die Probanden im Hirnscanner lagen, bekamen sie 36 verschiedene Geschichten zu moralischen Dilemmata vorgelegt. Eine handelte zum Beispiel von Chiara, die in einem Tierheim arbeitet. Sie ist der Überzeugung, dass alle neu eingetroffenen Hunde bereits eine medizinische Untersuchung hinter sich haben – das stimmt aber nicht. Sie gibt einer Interessentin eines der Tiere mit nach Hause; die Frau wird gebissen und mit Tollwut infiziert. Anschließend bewerteten die Versuchspersonen, wie verwerflich das Verhalten der Protagonistin ist und wie viel Schuld sie am negativen Ausgang der Geschichte trägt. In den 36 unterschiedlichen Szenarien wurde variiert, ob die Charaktere wussten, dass sie moralisch nicht korrekt handelten, und ob das Ergebnis negativ oder neutral war.

Zunächst machten sich die Forscher auf die Suche nach jenen Hirnregionen, die aktiv sind, wenn sich Personen in andere hineinversetzen und versuchen, deren Gefühle und Gedankengänge nachzuvollziehen. In der Psychologie heißt diese Fähigkeit "Theory of Mind". Das Team um Patil wählte dafür eine in Experimenten bereits bewährte Aufgabe, bei der zwei Dreiecke auf einem Bildschirm verschiedene Verhaltensweisen simulieren, und konnte dadurch die Erkenntnisse anderer Hirnforscher reproduzieren: Bei der "Theory of Mind" ist ein ganzes Netzwerk aktiv. Die Regionen, die das Einfühlen in andere Menschen möglich machen, spannen sich vom präfrontalen Kortex über den Gyrus cinguli bis hin zu den Temporallappen.

Mehr graue Substanz, mehr Einfühlungsvermögen

Danach berechneten die Forscher mit Hilfe der voxelbasierten Morphometrie unter anderem, wie hoch das Volumen an weißer und grauer Substanz in den aktiven Regionen des Netzwerks war. Und hier fanden sie einen überraschenden Zusammenhang: Wer über mehr graue Substanz in einem gewissen Bereich – dem linken vorderen Sulcus temporalis superior, einer Furche des Temporallappens – verfügte, bewertete das unbeabsichtigte Auslösen von negativen Konsequenzen wie in der Beispielgeschichte besonders milde. Wer hingegen weniger graue Zellen in dieser Region aufwies, schrieb den Protagonisten eine größere Schuld am negativen Ausgang zu und wollte ihnen weniger schnell vergeben. Das war der einzige Faktor, der die Schwankungsbreite in den Urteilen der Probanden zu erklären vermochte.

Ganz unbekannt ist die Rolle des vorderen Sulcus temporalis superior in der Forschungsliteratur nicht: Studien haben gezeigt, dass er besonders dann aktiv wird, wenn es darum geht, warum ein anderer auf eine gewisse Art und Weise handelt. Der linke vordere Sulcus temporalis superior zeigt vermehrte Aktivität, wenn Menschen sich in Personen einfühlen, die – so wie Chiara – falsches Vorwissen über eine Situation haben. Außerdem wird die Region aktiv, wenn Menschen entscheiden sollen, ob jemandem vergeben werden soll. Ein größeres Volumen an grauer Substanz führt generell dazu, dass das Gehirn effizienter "rechnet". Den Studienautoren zufolge führt das im genannten Bereich dazu, dass die Probanden sich nicht nur auf den negativen Ausgang der Geschichte konzentrieren, sondern auch die positive Intention stärker bewerten. Wie sie jedoch betonen, liegt hier ein "Henne-Ei-Problem" vor: In ihrer Studie konnten sie nicht erforschen, ob zuerst die Hirnregion so stark ausgeprägt war (beispielsweise genetisch bedingt) oder ob sich diese im Verlauf des Lebens stärker entwickelt hat, weil die Probanden dazu erzogen wurden, unabsichtlich gemachte Fehler zu verzeihen.