Molières Monsieur Jourdain ist ganz aus dem Häuschen, als er zum ersten Mal vom Begriff Prosa – als Abgrenzung zur Lyrik – erfährt: "Ich spreche Prosa! Meine Güte, ich spreche seit 40 Jahren Prosa, ohne es zu wissen".

Analog stellt sich heute die Frage: Leben wir im Anthropozän? Und ist das aufregend?

"… und die Wissenschaft kann ja heute nachweisen, dass wir in einem neuen Erdzeitalter leben …" Diesen oder ähnliche Sätze kann man in letzter Zeit öfters hören, gerade auch in Gesprächen mit Geistes- und Sozialwissenschaftlern. Die Idee vom Anthropozän ist dabei, zum vulgärwissenschaftlichen Topos zu werden wie einst die heisenbergsche Unschärferelation ("und die Wissenschaft kann heute nachweisen, dass jeder Beobachter ein System verändert …") oder der so genannte Schmetterlingseffekt ("und die Wissenschaft kann heute nachweisen, dass der Flügelschlag eines Schmetterlings in Australien einen Wirbelsturm in New York auslösen kann …").

Gábor Paál
© mit frdl. Gen. von Gábor Paál
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Was Unschärfe und Schmetterlinge betrifft, können Physiker und Meteorologen über solche Interpretationen nur schmunzeln. Beim Anthropozän dagegen scheinen sich die Geowissenschaftler, die es ausgerufen haben, über die popularisierende Überhöhung ihrer Idee sogar zu freuen. "Stört es Sie als Geowissenschaftler nicht, dass Ihnen die Definitionshoheit aus der Hand genommen wird?", fragte ich im SWR2 Forum Reinhold Leinfelder, Professor für Paläontologie und Geobiologie an der FU Berlin. Leinfelder ist Mitglied der Anthropocene Working Group in der Internationalen Stratigraphischen Kommission (ICS). "Ganz im Gegenteil", antwortete Leinfelder und freut sich, dass in der Anthropocene Working Group auch Sozial- und Geisteswissenschaftler mitarbeiten.

Wann wurde der Mensch geologisch?

Die Anthropocene Working Group ist derzeit bemüht, das Anthropozän klarer zu fassen. Was genau sind seine Charakteristika, und daraus abgeleitet: Wann hat es anfangen? Als Paul Crutzen den Begriff im Jahr 2000 erstmals in die Runde warf, ließ er es mit der Industriellen Revolution beginnen. Damals setzte die industrielle Nutzung fossiler Energieträger ein, seitdem steigt entsprechend die Treibhausgaskonzentration, die Ausbeutung mineralischer Ressourcen beschleunigte sich. Inzwischen aber neigt man in der Working Group offenbar dazu, das Anthropozän doch erst im 20. Jahrhundert beginnen zu lassen, etwa 1945, als durch die ersten nuklearen Explosionen Radionukleotide freigesetzt wurden. Ferner diskutiert die Working Group, ob das Anthropozän auf eine Stufe zu stellen ist mit Holozän und Pleistozän oder ob es nicht doch eine Untergruppe des Holozäns ist.

Manche plädieren allerdings für einen weit früheren Beginn des Anthropozäns, etwa am Ende der letzten Eiszeit, als der Mensch schon anfing, viele große Säugetiere auszurotten; oder am Beginn des Neolithikums mit Einsetzen der Landwirtschaft – zweifellos auch eine Revolution, die das Gesicht der Erde verändert hat. Diese letztgenannten Vorschläge hätten allerdings den kleinen Nebeneffekt, dass das Anthropozän das Holozän vereinnahmen würde. Darüber kann man durchaus nachdenken, denn dass das Holozän – anders als frühere Zwischeneiszeiten – zu einem eigenen Erdzeitalter gemacht wurde, begründet sich im Wesentlichen daraus, dass es aus anthropozentrischer Sicht die "Jetztzeit" ist. Angesichts der Möglichkeit, dass der Mensch das Eiszeitalter beendet hat, ergäbe die Zuordnung des Holozäns zum Anthropozän durchaus Sinn.

Noch etwas spräche dafür: Natürlich ist es wissenschaftlich sinnvoll, Erdepochen zeitlich definieren. Aber seit wann kommt es dabei auf ein paar Jahre oder auch nur Jahrhunderte an? Merkmal des Anthropozäns ist die Vielzahl der globalen Spuren, die der Mensch in den Sedimenten hinterlässt. Je nachdem, welche Veränderungen man ins Auge fasst, kommt man nun mal zu unterschiedlichen "Startpunkten". Warum lässt man es damit nicht bewenden, zumal diese Punkte in einer geowissenschaftlichen Zeitskala sowieso praktisch eins sind? Wenn man das Anthropozän anerkennt, scheint es wenig sinnvoll, das Holozän als eigene Epoche aufrechtzuerhalten.

Eine politische Epoche

Wie auch immer, als zunächst fachinterne Debatte hat sie ihre Berechtigung. Problematisch wird es, wenn bei diesen Definitions- und Abgrenzungsfragen plötzlich Popularisierungsaspekte eine Rolle spielen. Das Anthropozän als Konzept kann helfen, eine Öffentlichkeit stärker für die Prozesse des globalen Wandels zu sensibilisieren, dafür, dass es ökologisch um weit mehr geht als "nur" um den Klimawandel.

Erodierte Uferböschung am Rio Pilcomayo
© Gábor Paál
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Die Landnutzung durch den Menschen verstärkt die Erosion.

Diese öffentliche Wirkung droht aber nun ihrerseits zunehmend Teil des fachlichen Konzepts zu werden. Sowohl das Deutsche Museum in München als auch das Haus der Kulturen der Welt in Berlin widmeten dem Anthropozän große Ausstellungen. Reinhold Leinfelder – der sowohl Gründungsdirektor im Berliner Haus der Zukunft ist als auch Affiliate Professor am vom Deutschen Museum mitbetriebenen Rachel Carson Center – war in beide Ausstellungsprojekte involviert. Das Rachel Carson Center wiederum lud kürzlich zu einer Konferenz "Religion in the Anthropocene" ein. Wie Teilnehmer berichten, erklärte der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche, Heinrich Bedford-Strohm, angesichts der Erkenntnis vom Anthropozän stünden die Kirchen vor einer besonderen globalen Verantwortung. Doch braucht man das Anthropozän wirklich, um sich (und das ist ja gemeint) für globale ökologische und Nachhaltigkeitsfragen zu engagieren? Das Anthropozänkonzept entfaltet in dieser Hinsicht eine ähnliche Wirkung wie einst die Gaiahypothese – auch sie war heuristisch sehr inspirierend. Ich fürchte nur, es ist eine trügerische Hoffnung, zu glauben, dass solche Ideen – und sei ihre Popularisierung noch so attraktiv – bei der Lösung der großen globalen Probleme einen nennenswerten Beitrag leisten.

Das Anthropozän franst aus

Der Anspruch der Anthropozänausstellungen in Berlin und München geht weit über die populäre Darstellung des wissenschaftlichen Anthropozänkonzepts hinaus. "Unsere Verantwortung für die Zukunft der Erde" lautet der Untertitel der Präsentation im Deutschen Museum. Hier wird schon im Titel das wissenschaftliche Konzept also mit einem moralischen Anspruch verknüpft. Und was hat zum Beispiel das Thema "Mensch-Maschine-Interaktion" – ein Kapitel dieser Ausstellung – noch mit der Idee des Anthropozäns zu tun? Die Berliner Ausstellung löste sich noch weiter von der Wissenschaft: "Das Anthropozän-Projekt. Kulturelle Grundlagenforschung mit den Mitteln der Kunst und der Wissenschaft".

Neben der zeitlichen Abgrenzung des Anthropozäns ist deshalb dringend auch eine thematische geboten. Sonst wird das Anthropozän zum Synonym für "das technische Zeitalter", "die Zivilisationsgeschichte" oder gar "die großen Probleme unserer Zeit" schlechthin.

Auch von philosophischer Seite gibt es eine "Kritik des Anthropozäns". Jürgen Manemann hegt in seinem gleichnamigen Buch von 2014 den Verdacht, dass das Anthropozän eben kein wertneutrales, rein deskriptives Konzept sei, sondern Ausdruck eines Weltbilds. Seine Hauptargumente in Kürze:
– Die Kernbotschaft, die Menschheit verändert das Erdsystem, schere alle Menschen über einen Kamm. Das Anthropozän als "Menschen"-Zeitalter unterschlägt, dass die Menschen in den westlichen Industrienationen für die Entwicklung wesentlich stärker verantwortlich sind als Menschen in armen Ländern.
– Das Anthropozän verkörpere eine Machbarkeitsideologie: Der Mensch hat die Welt in diesen Zustand gebracht, und nur der Mensch kann sie mit seinen Mitteln wieder reparieren.
– Hinter dem Anthropozän stecke eine anthropozentrische Sichtweise.

Ich teile all diese Kritikpunkte nicht. Wenn man mit "Anthropozänikern" diskutiert, kann man die ihnen von Manemann unterstellte Haltung auch nicht wiederfinden. Und doch tragen sie an dem Missverständnis auch eine gewisse Mitschuld, wenn sie ihren Begriff von anderen Disziplinen allzu leicht vereinnahmen lassen – vielleicht aus Freude darüber, dass eine geologische Idee es in die breite Öffentlichkeit geschafft hat.

Nichts gegen Popularisierung. Museen haben – wie Journalisten auch – das Recht und die Pflicht, sich frei zu machen von den akademischen Schubladen und ihre eigenen Fragen an die Welt zu stellen. Auch Grenzgänge zwischen Wissenschaft und Kunst können sehr inspirierend sein. Für Appelle an das ökologische Verantwortungsbewusstsein habe ich ebenfalls große Sympathie.

Eine Geoethik für die Zukunft der Erde

Aber das alles sollte nicht Teil eines wissenschaftlichen Konzepts sein. Der Begriff "Anthropozän" ist ja verführerisch: Er kommt so wissenschaftlich daher, als vorerst letztes Glied einer Reihe der anderen -zäne. So war er ja ursprünglich auch gemeint. Es ist in Ordnung, wenn Museen, Künstler und Umweltaktivisten die Idee in ihrem Sinn weiterentwickeln. Aber es muss klar bleiben, wo die Wissenschaft aufhört und wo die Deutungen durch Kunst, Philosophie, Politik und Ethik beginnen.

Das Anthropozän gebietet keine "Verantwortung für die Zukunft der Erde". Diese Verantwortung ist eine Verantwortung des Menschen für künftige Generationen. Ich habe dafür vor einiger Zeit die Konzeption einer Geoethik vorgeschlagen. Der Begriff wird in letzter Zeit häufiger und uneinheitlich verwendet. Im Wesentlichen gibt es derzeit zwei Ansätze, diesen Begriff zu verstehen. Der eine ist: Geoethik als Ethik von Geowissenschaftlern. Diese Richtung verfolgt auch die International Association for Promoting Geoethics. Eine andere Fachgesellschaft, die International Association for Geoethics, verfolgt schon ein etwas breiteres Verständnis. Und David Mogk von der Montana State University beschreibt in der Sendung "Was soll ich tun – global gesehen? Die Ethik in den Geowissenschaften" Geoethik auch als diejenige Ethik, die die Erkenntnis vom Anthropozän impliziert:

"Der Grund, warum wir eine globale Ethik brauchen, ist das Erdzeitalter, in dem wir uns befinden. Wir nennen es das Anthropozän, ein Zeitalter, in dem die Menschheit zur geologischen Kraft geworden ist. Wir können die Bewohnbarkeit der Erde maßgeblich beeinflussen, und es ist kaum vorstellbar, in welcher Weise wir ihre Oberfläche in Zukunft noch verändern werden."

Aus meiner Sicht würden sich die beiden Konzepte gut ergänzen. Das Anthropozän als ein wissenschaftliches, die Geoethik als das korrespondierende ethische Konzept. Nur vermischen sollte man sie nicht.