Die Oscars waren kaum vergeben, schon verblüffte der Rektor der Universität Freiburg mit feinster Schauspielkunst. Der Preis für die dicksten Krokodilstränen wäre Hans-Joachim Schiewer sicher gewesen. Am 1. März haben fünf der sechs Kommissionsmitglieder, die die Dopingvergangenheit der Universität Freiburg untersuchen sollten, konsterniert ihren Rücktritt erklärt. Und Uni-Rektor Schiewer gab sich tief enttäuscht: "Ich bedaure außerordentlich, dass es nicht gelungen ist, vertragsgemäß und geschäftsordnungsgemäß zu einer konstruktiven, sachorientierten und vertraulichen Zusammenarbeit zurückzukehren."

Schiewer ist von Haus aus Germanist, insofern darf man ihm unterstellen, dass er Bedauern semantisch nicht mit Erleichterung verwechselt. Zweifel sind dennoch angebracht. Und wann freilich die Zusammenarbeit zwischen Kommission und der auftraggebenden Universität jemals konstruktiv und vertraulich gewesen sein soll, bleibt wohl ebenfalls ein Geheimnis des Freiburger Uni-Chefs. Denn fast von Beginn an knirschte es im Zusammenspiel zwischen dem internationalen Team aus engagierten Anti-Doping-Kämpfern und der Hochschule. Bisweilen machte es den paradoxen Eindruck, als müsse sich die Kommission vor der Universität für genau die Arbeit rechtfertigen, für deren Erledigung die Hochschule sie doch eigens bestellt hatte. Immer wieder klagte die Kommissionsvorsitzende Letizia Paoli über massive Behinderungen. Und wenn es ausnahmsweise mit der Uni nichts zu streiten gab, waren es kommissionsinterne Animositäten, die für Unruhe und Verzögerungen sorgten.

Dass die ganze Angelegenheit, nach immerhin fast neunjähriger Arbeit, nun allerdings in einer solchen Schlammschlacht endet, verwundert dennoch. Und es wirft ganz grundsätzliche Fragen auf, etwa wie autonom ein Gremium agieren und seine Untersuchungsergebnisse publizieren darf, das in seinem Namen den Titel "Unabhängige Gutachterkommission" trägt. Oder die nach den Motiven einer ehemaligen Exzellenzuniversität, die das Scheitern der Aufklärungsarbeit offensichtlich billigend in Kauf nimmt und damit einen immensen Reputationsschaden riskiert. Und letztlich auch die Frage, weshalb in eine solche Kommission zwar hervorragende Pharmakologen, Mediziner und Sporthistoriker berufen werden, ihnen aber kein Anwalt zur Seite gestellt wird.

Es ging niemals nur um Doping

Wer nachvollziehen will, weshalb es zu dieser Eskalation kommen konnte, der muss verstehen, dass es bei der Aufklärungsarbeit nicht allein um Doping ging. Dass vor allem unter der Ägide der skandalumwitterten Professoren Joseph Keul und Armin Klümper jahrzehntelang gedopt wurde, war schließlich lange bekannt. Angetreten war die Kommission im Jahr 2007 allerdings, um den wohl größten Sportbetrug der westdeutschen Geschichte mitsamt seinen Begleitumständen aufzuarbeiten. Die Aufgabe der Kommission beschränkte sich niemals darauf, nur zu untersuchen, mit welchen illegalen Mitteln Freiburger Ärzte den Radfahrern, Fußballern oder Leichtathleten zu Medaillen verholfen haben.

Und so ist es zumindest teilweise irreführend, wenn bis heute häufig verkürzend von "Dopingkommission" die Rede ist. Ihr vollständiger Titel lautete denn auch: "Unabhängige Gutachterkommission zur Evaluierung der Abteilung Rehabilitative und Präventive Sportmedizin des Universitätsklinikums Freiburg". Und der Ausschuss, der seit 2010 von der Italienerin Letizia Paoli geleitet wurde, die sich als Expertin für Mafia-Strukturen und organisierte Kriminalität einen Namen gemacht hatte, nahm seine Aufgabe gewissenhaft in Angriff. Gewissenhafter – und hier liegt möglicherweise ein Schlüssel zum Verständnis des nun eskalierten Konflikts –, als man es an Universität und Uniklinik gerne gesehen hätte.

Inkompatible Zielvorstellungen

Denn Paoli und ihre Mitstreiter interessierten sich ebenfalls für die strukturellen Hintergründe des systematischen Dopings: die Finanzierung des Sportbetrugs, Mitwisserschaft von Politik- und Sportprominenz, Vertuschungsversuche. Und ins Visier nahmen die Ermittler auch den wissenschaftlichen Output der Freiburger Sportmedizin. Auf dem Spiel stand also längst nicht nur die Entlarvung von zwei oder drei schwarzen Schafen. Es ging letztlich um die Reputation der ganzen Freiburger Universität und diejenige vieler hochrangiger Mediziner, die von dort aus ihre Karrieren starteten. Von den Hintermännern in Sportverbänden und Ministerien, die mit all ihrem Einfluss dieses verbrecherische System schützten, ganz zu schweigen.

Offiziell gaben sich alle Beteiligten entschlossen. Es gelte nun endlich reinen Tisch zu machen. Baden-Württembergs Wissenschaftsministerin Theresia Bauer formulierte wiederholt den "Wunsch nach maximaler Aufklärung". Und Freiburgs Unirektor Schiewer und Kommissionsvorsitzende Paoli nickten zustimmend. Insgeheim aber hatte man doch ziemlich inkompatible Vorstellungen darüber, wie weit diese Aufklärung denn nun wirklich reichen sollte.

Zermürbende Untersuchungen und Indizien für weit reichenden Forschungsskandal

Und so erklärt es sich, dass die Kommissionsarbeit zäh und schwierig verlief. Weder die Universität noch die Staatsanwaltschaft Freiburg und genauso wenig die Ministerien in Stuttgart waren eine wirkliche Unterstützung. Im Gegenteil. Stattdessen gab man sich jahrelang ahnungslos über den Verbleib wichtiger Unterlagen. Eine Rektoratsmitarbeiterin versteckte Dokumente gleich kistenweise in ihrer Privatgarage, und erst im Sommer 2015 tauchte im Kultusministerium ein ganzer Regalmeter brisanter Akten auf, deren Existenz zuvor verschwiegen worden war.

Im Herbst 2015 fand die Kommission dann auch noch Indizien für einen handfesten Forschungsskandal. Zahlreiche hochkarätige Fachpublikationen basieren – so die Ermittler – möglicherweise auf dreisten Datenfälschungen, Plagiate fand man ebenfalls in rauen Mengen. Letizia Paoli stellte fest: "Dies ist eine neue Dimension wissenschaftlichen Fehlverhaltens mit möglicherweise gravierenden Folgen für das Fach Sportmedizin und den gesamten betroffenen Wissenschaftsbetrieb." In einem 16-seitigen Kurzbericht wurden Universität und das Stuttgarter Wissenschaftsministerium über diese Entdeckung informiert; kurz darauf wurde Paoli jedoch gemaßregelt. Weil sie diesen Sachverhalt – ohne sich zuvor die Zustimmung abzuholen – auch öffentlich gemacht hatte.

Seitdem war das Tischtuch zwischen Kommission und Hochschule endgültig zerschnitten. Im Februar hatten sich die Wissenschaftler in einem Schreiben an Rektor Hans-Joachim Schiewer gewandt. Darin forderten sie eine Garantieerklärung bezüglich ihrer Unabhängigkeit und auch das Recht, sich ohne vorherige Abstimmung mit der Universität öffentlich äußern zu dürfen. Das gegenseitige Misstrauen war offensichtlich grenzenlos. Auf diese Machtprobe ging Schiewer freilich nicht mehr ein. Der Rücktritt der fünf Kommissionsmitglieder war die folgerichtige Konsequenz.

"Es ist für uns eine schwierige Entscheidung, und wir bedauern sehr, die Arbeit so kurz vor ihrem Abschluss abbrechen zu müssen. Aber wir können im Sinne einer wahrhaftigen Aufklärung keine Kompromisse eingehen", teilte der stellvertretende Kommissionsvorsitzende Hellmuth Mahler mit. Rektor Schiewer konterte kurz darauf mit scharfen, sehr persönlichen Vorwürfen. Der Rücktritt sei "unbegründet und unverständlich".

Ein Scherbenhaufen statt Aufklärung

Was den letzten Akt dieses wenig erbaulichen Schauspiels angeht, so hat sich keiner der beteiligten Akteure mit Ruhm bekleckert. Die Kommission unter ihrer Vorsitzenden Paoli nicht und die Universität erst recht nicht. Auch das Expertengremium muss sich kritische Fragen gefallen lassen. Weshalb war es nicht möglich, die teilweise seit Jahren vorliegenden Teilgutachten gemeinsam zu verabschieden? Weshalb hat man zur Wahrung der eigenen Interessen keinen versierten Anwalt hinzugezogen? Und wo sind die lange überfälligen Gutachten, auf die auch die Öffentlichkeit wartet? Immerhin sind für die Kommissionsarbeit der letzten Jahre Gesamtkosten von zwischenzeitlich über einer Million Euro aufgelaufen.

Der Kommission muss man zugutehalten, dass zuletzt die Nerven blank lagen. Dennoch ist es bedauerlich, dass die Experten so kurz vor Abschluss ihrer Arbeit die Brocken einfach hingeworfen haben. Ja, es ist sogar unverständlich: Wollten sie am Ende den Rektor der Universität Freiburg mittels eines Ultimatums dazu drängen, ihnen die Veröffentlichung vertraulicher Ermittlungsergebnisse zu gestatten? Oder hatten die Mitglieder tatsächlich erwartet, dass ihnen die Universität quasi einen Persilschein ausstellen würde? Es steht zu befürchten, dass auch hierauf die Antworten ausbleiben werden.

Purer Hohn: Uni Freiburg lässt sich von ehemaligem Klümper-Anwalt beraten

In diesem letzten Punkt ist die ablehnende Haltung von Freiburgs Rektor Schiewer ausnahmsweise nachvollziehbar. An den Beteuerungen, dass "die fachliche Unabhängigkeit der Kommission zu keinem Zeitpunkt eingeschränkt" wurde, darf man jedoch Zweifel haben, wie ein aktueller Vorfall zeigt, der erst nach Rücktritt der Kommission bekannt wurde. Der Sporthistoriker Andreas Singler war von 2012 bis 2015 Kommissionsmitglied. Er hat unter anderem umfangreiche, mehrere hundert Seiten starke Gutachten zu den Sportmedizinern Reindell, Keul und auch Klümper erarbeitet. Nachdem Singler letztes Frühjahr im Streit aus der Kommission ausgeschieden war, hat er seine Texte direkt an die Universität weitergereicht. Im Februar 2016 wurde ihm das Ergebnis der juristischen Überprüfung mitgeteilt. Singler fiel aus allen Wolken. Der Rechtsberater der Universität hatte zahlreiche gravierende Änderungswünsche und empfahl der Universität, das Gutachten nicht in der Form zu veröffentlichen. Manche der Einwände kamen Singler mehr als seltsam vor.

Klarer wurde ihm der Sachverhalt, als er entdeckte, wer von der Uni mit der Überprüfung beauftragt war: Wolfgang Schmid. Ein Freiburger Anwalt, der mehrfach Professor Klümper vor Gericht vertreten hat. Andreas Singler ist stinksauer und erklärt: "Ich empfinde dies als einen Skandal, der dringend aufklärungsbedürftig ist." Die Sache macht tatsächlich sprachlos. Wie kann ein Anwalt zur Überprüfung eines Gutachtens herangezogen werden, das genau die Machenschaften seines früheren Mandanten zum Gegenstand hat?

Wäre der Gedanke nicht abwegig, so könnte man fast glauben, der Klümper-Anwalt wäre der Universität von der misstrauischen Kommission untergejubelt worden. Um so den Beweis zu liefern, dass ihre Zensurbefürchtungen durchaus begründet sind. Es wird sich allerdings wohl nicht klären lassen, ob für diese unglaubliche Fehlleistung nun Dummheit oder böser Wille verantwortlich ist. Diese Episode illustriert aber, wie wenig Fingerspitzengefühl in Freiburgs Rektorat vorhanden ist. Dort scheint man weder begriffen zu haben, wie sehr die ganze Universität durch diese Affäre beschädigt wird, noch, dass eine solche Kommission keine Alibiveranstaltung ist. Sie funktioniert eben nicht nach dem Prinzip "Wünsch dir was". Wer eine "unabhängige Kommission" bestellt, der sollte auch mit den Ergebnissen leben können.

Aufklärung am Ende?

Wie geht es nun weiter? Die Kommissionsmitglieder haben angekündigt, ihren fast vollendeten Bericht auf alle Fälle zu veröffentlichen. Gegebenenfalls im Alleingang. Die Universität Freiburg hat in den letzten Tagen mehrfach beteuert, die Publikation keinesfalls verhindern, sondern unterstützen zu wollen. Und sie hat Pläne für eine "Forschungsstelle Doping und Sportmedizin" präsentiert, die noch im März ihre Arbeit aufnehmen soll.

Diese Idee schwankt freilich zwischen grotesk und komisch. Denn wie das traurige Beispiel der Kommission zeigt, tut sich selbst eine Riege internationaler Experten schwer, wenn es gilt, den Nebelkerzen und Sabotageakten aus Universität, Klinikum und baden-württembergischer Ministerialbürokratie zu trotzen. Und da sollen künftig unmittelbare Universitätsangestellte die Fehlleistungen früherer und eventuell sogar aktueller Kollegen untersuchen? Welcher Wissenschaftler, dem wirklich an vorbehaltloser Aufklärung gelegen ist, sollte sich das ernsthaft antun wollen? Wer sich auf diesen Posten bewirbt, muss wohl mindestens ein Rückgrat aus Titan mitbringen. Und am besten, er trinkt Frustrationstoleranz aus großen Eimern.

Von Unabhängigkeit ist in Titel und Aufgabenbeschreibung der Forschungsstelle freilich erst gar nicht mehr die Rede. Das ist – das unwürdige Schauspiel lässt einen doch sarkastisch werden – wenigstens ein Schritt hin zu mehr Ehrlichkeit.