"Wenn ihr davon sprecht, Autismus zu heilen, dann sprecht ihr von Eugenik", schrieb der autistische Blogger Tom Plastow, und er spricht mir damit aus der Seele. Vor zehn Jahren haben mir Mediziner mitgeteilt, dass ich selbst Autistin bin.

Immer mehr Berichte über Autismus erschienen in den letzten Jahren in den Medien. Das Bild von Autisten, das dort gezeichnet wird, schwankt zwischen dem hilflosen, nonverbalen Kind, das in der Ecke sitzt und in "Rain-Man"-Manier Zahnstocher zählt, bis hin zum etwas merkwürdigen Erwachsenen, den Pro 7, sofern männlich, vom Fleck weg für "Das Model und der Freak" engagieren würde. Tenor der meisten Artikel ist aber, dass man auch einfach versuchen kann, kein Mutant – entschuldigt – Autist mehr zu sein. Empfohlen wird, je nach Seriosität des Mediums, entweder eine intensive Verhaltenstherapie (möglichst früh, möglichst viel), Diäten, die die Symptome angeblich "signifikant verbessern können" oder teure Nahrungsergänzungsmittel, verbrämt als "biomedizinische Behandlung".

Mela Eckenfels
© mit frdl. Gen. von Mela Eckenfels
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 Bild vergrößernMela Eckenfels ist freie Journalistin und Autorin

Jahrzehntelang spielten die Ansichten und das Erleben von Autisten in der Forschung keine Rolle. Es zählte, was die Forscher aus ihren Beobachtungen schlossen. Da Autisten besonders durch ihr ungewöhnliches Verhalten auffallen, hat sich bei manchen Forschern und in der Berichterstattung das Bild festgesetzt: Sobald er "normal" wirkt, weil sich sein Verhalten verändert, ist der Autismus überwunden. In der Darstellung der Medien klingt das meist, als würde Autismus mit dem Älterwerden von selbst vergehen, und Verhaltenstherapien werden nicht selten gleich zur Heilungschance hochstilisiert. Folgerichtig zielen die meisten Therapien darauf ab, die auffälligen Eigenarten zu unterbinden, aber auch den Autisten selbstständiger und damit pflegeleichter zu machen. Die "ZEIT" betitelte ihren Werbeartikel für die dressurartige ABA-Therapie daher ganz passend "Bloß nicht zu nett sein". Sonst, so sind sich die meisten Berichte einig, die mit alarmistischen Formulierungen nicht zurückhaltend umgehen, droht den Kindern ein schreckliches Schicksal. Jeder versäumte Tag senkt angeblich die Chance, dass das Kind je das Sprechen erlernt oder selbstständig leben kann. Ohne Therapie, so wollen es einen die Befürworter glauben machen, fände auch in Zukunft keine Entwicklung statt.

Tatsächlich verhalten sich Autisten anders, weil ihr Kopf, ihre Sinne, ihr ganzes Sein anders funktioniert als das normaler Menschen. Ihr Reizfilter ist deutlich schwächer und der ständige Strom unsortierter Sinneseindrucke und Informationen kann sie verstummen lassen. Typisch autistische Verhaltensweisen wie Schaukeln, Wiegen, Flattern mit den Händen oder Summen, "selbststimulierendes Verhalten", sind für die Umwelt gewöhnungsbedürftig und oft nervtötend. Autisten helfen sie aber, die Umweltreize zu regulieren und die innere Anspannung durch Reizüberflutung abzubauen. Dieses "Stimming" genannte Verhalten zu unterdrücken, entfernt ein Werkzeug aus dem autistischen Erste-Hilfe-Kasten. So therapierte Autisten, die inzwischen erwachsen sind, empfanden das Training nicht selten als traumatisierend. So fasst es die Autistin Julia Bascom in ihrem Text "Quiet Hands" zusammen: "Als ich ein kleines Mädchen war, war ich autistisch. Und wenn du autistisch bist, ist es keine Misshandlung. Es ist Therapie."

Erschwerend kommt hinzu, dass diese Therapien entweder schlecht erforscht sind oder die Studien von Instituten durchgeführt werden, die selbst Therapien anbieten und ein Interesse an positiven Studienergebnissen haben. Ein strukturelles Problem der gesamten psychotherapeutischen Forschung.

So sehr die positiven Ergebnisse kleiner Stichproben hervorgehoben werden, trotz all der Gelder, die zum Beispiel Großbritannien und die USA in ethisch fragwürdige Therapien pumpen, die die Bedürfnisse von Eltern und Gesellschaft über die Bedürfnisse der Autisten stellen: Die Auswirkungen auf die langfristige Lebensqualität austistischer Menschen lesen sich ernüchternd. Es wäre dringend nötig, endlich die Frage zu stellen, ob es nicht mehr schadet als nutzt, Autisten jahrelang jede eigene, natürliche Entwicklung zu verweigern und sie mit pawlowsch anmutenden Methoden zu konditionieren.

Dabei haben Autisten gerade ohne normangleichende Therapien einiges zu bieten, wenn man ihnen den halben Weg entgegenkommt. Ihr gänzlich anders strukturiertes Denken führt zu anderen Herangehensweisen. Der Hang von Autisten zu Logik, ihre Fähigkeit, Muster, Details und Verbindungen zu erkennen, die anderen schlicht entgehen, sowie ihre Fähigkeit, sich bedingungslos über längere Zeit in ein Thema vergraben zu können, sind wertvoll, wenn es darum geht, verkrustete Denkstrukturen aufzubrechen und überraschende Lösungen zu finden.

In einer Zeit, in der Unternehmen sich zunehmend damit beschäftigen, kulturell diverse Teams zusammenzustellen, um bessere Lösungen zu entwickeln, ist die Geringschätzung von Neurodiversität geradezu paradox. Vielen erfolgreichen Forschern oder Computergenies werden autistische Züge nachgesagt. Hätte man sie 20 Stunden die Woche therapiert, um sie zu sozial angepassten Individuen zu formen, wäre die wissenschaftliche und technologische Entwicklung auch an dem Punkt, an dem sie heute ist? Autistisches Denken ist gut für die Gesellschaft. Es mit der Kompensation der Schwächen zu verschleudern, statt die Stärken von Autisten zu nutzen, ist Verschwendung. Autismus via Schnelltest wie das Down-Syndrom zu verhindern, wäre dumm. Autismus ist Neurodiversität. Nur aussuchen, ob die nützlichen oder die lästigen Bestandteile im einzelnen Autisten überwiegen, ist nicht möglich.

Wie einschränkend Autismus ist, hängt nicht zuletzt vom Umfeld des Autisten ab. Nämlich davon, ob das Umfeld alles tut, um den Autismus zu bekämpfen und zu verstecken, oder ob es den Autisten unterstützt und hilft, der bestmögliche Autist zu sein, der er sein kann.