Viele Sportler nutzen Fitnesstracker, um ihr Training zu optimieren. Die Daten werden in der Cloud gespeichert, denn für eine lokale Speicherung und Auswertung sind die mobilen Geräte häufig nicht leistungsfähig genug. Eine wachsende Zahl an Apps bietet darüber hinaus an, Gesundheitsdaten von verschiedenen tragbaren Geräten zu sammeln, im Netz zu speichern und auszuwerten. Auch Mediziner setzen verstärkt darauf, Patientendaten online zu speichern, denn dort seien sie "sicher und stets verfügbar", wie angeblich ein Arzt sagt, der Piloten auf ihre Flugtauglichkeit hin untersucht und eine Cloud-Lösung von IBM nutzt.

"Stets verfügbar" sind sie dort unbestritten – nur eventuell auch für die Falschen. Denn "sicher" sind Daten in der Cloud zwar vor Hochwasser, doch ob die Verschlüsselung allen Angriffen trotzt, ist nicht absehbar. Manche Informatiker sagen, nur eines ist sicher: Daten lokal zu behalten. Aber die größte Gefahr sind nicht Hacker oder die NSA, sondern Nachlässigkeiten der Anbieter. Erst kürzlich hat Google versehentlich vertrauliche Inhaberdaten von 300 000 geschützten Domains veröffentlicht – ausgerechnet von Kunden, die explizit Anonymität gewünscht hatten. Der Konzern entschuldigte sich, das sei ein Versehen gewesen, ein technischer Fehler. Die Betroffenen haben davon herzlich wenig. Sie können ihre Daten wohl kaum wieder einfangen: Einmal im Netz, werden sie schnell vervielfältigt und hier und da gespeichert. Google rangiert am oberen Ende der Skala von Unternehmen, die auf dem Stand der Technik sind. Der Konzern kauft sich die besten Entwickler ein und sollte wissen, wie Informationen geschützt werden. Zumal das Geschäftsmodell in diesem Fall war, Kundendaten anonym zu halten. Angesichts solcher Beispiele kann man getrost davon ausgehen, dass Daten in der Cloud nicht sicher sind.

Nun ist es aber herrlich bequem, von überall auf die eigenen Fitnessdaten zugreifen zu können. Und außerdem: Was habe ich schon zu verbergen? Wer sich genauer damit beschäftigt, was Gesundheitsdaten über den Betroffenen aussagen, wer daran Interesse hat und welche Folgen das in Zukunft haben könnte, der merkt, dass es darum schon lange nicht mehr geht. Allein die Verhaltensdaten, die ein Smartphone heute aufzeichnet, wie Kommunikationsaktivitäten, Bewegungen und Aufenthaltsort, geben vieles über uns preis: wo wir wohnen, wo wir arbeiten, wer unsere Freunde sind, wann wir schlafen und wo – und auch, ob wir einen Seitensprung machen. Das hat der Taxidienst Uber allein aus den Fahrtdaten seiner Kunden errechnet und damit für Aufsehen gesorgt. Kombiniert mit Gesundheitsdaten ergibt sich, ob wir zu Depressionen neigen, wann wir vermutlich einen Herzinfarkt erleiden und ob wir eine stabile Persönlichkeit haben.

In Zukunft lassen sich aus den weltweit gesammelten Daten beeindruckende Vorhersagen treffen: mit welcher Wahrscheinlichkeit jemand ein aggressiver Autofahrer wird, noch bevor er den Führerschein hat, ob jemand ein schlechter Vater werden könnte, noch bevor er Kinder hat, oder ob ein Dialysepatient es "wert" ist, eine Spenderniere zu bekommen: Womöglich hat der Algorithmus berechnet, dass er ohnehin bald stirbt und ein anderer Kandidat aussichtsreicher ist. Und soll ein potenziell aggressiver Autofahrer überhaupt einen Führerschein machen? Schlechte Eltern ein Kind bekommen?

Wollen wir das? Während wir häufig nicht die Wahl haben, wer welche Daten über uns erhebt, können wir uns als Gesellschaft darüber einigen, welche Entscheidungen anhand dieser Informationen getroffen werden sollen – und welche nicht. Big Data hat zweifelsohne das Potenzial, unsere Lebensqualität zu steigern. Aber nur, wenn wir sicherstellen, dass das in unserem Sinne geschieht. Solange diese gesellschaftliche Diskussion nicht geführt ist, empfiehlt es sich nicht, freiwillig persönliche Daten in der Cloud zu speichern.