Bereits am 19. April hat die EU-Kommission eine neue große Forschungsoffensive zum Cloud Computing angekündigt. Zu ihr gehört auch ein Flaggschiffprojekt, das sich – nach den ersten beiden Initiativen, die 2013 parallel in See stachen, um den Werkstoff Graphen und das menschliche Gehirn zu erkunden – mit der Erforschung der Quantentechnologien befassen soll. Es wird, wie die beiden Vorgänger, eine Milliarde Euro mit an Bord haben. Ein wesentlicher Unterschied zu den anderen Flaggschiffen lässt sich aber bereits bei der Bekanntgabe des Großprojekts erkennen: Statt das Quantenflaggschiff mit enormem medialem Getöse aus der Taufe zu heben, wie das vor allem beim Human Brain Project (HBP) der Fall gewesen war, übt man sich in sachlicher, mithin gar zurückhaltender Kommunikation. Erst ein Bericht auf der Website von "Nature", zwei Tage nach der Bekanntgabe der Initiative, machte das neue Flaggschiff einer breiteren Öffentlichkeit bekannt.

Dieses Understatement ist vermutlich auch dem Debakel geschuldet, das das einst prestigeträchtige Human Brain Project erlitten hat. Von Beginn an gleichermaßen umstritten wie von der Presse umlagert, war es – nach der Androhung von Meuterei durch die Neuroforschergemeinde in einem offenen Brief an die EU-Kommission – leck geschlagen. Um es vor dem endgültigen Kentern zu bewahren, musste ein Mediator schlichten und der Kapitän, der Hirnforscher Henry Makram von der École polytechnique fédérale de Lausanne, sich zurückziehen. Mit einer grundsätzlichen Umstrukturierung der Führungsmannschaft und einer Neuausrichtung des Kurses konnte ein Schiffbruch vorerst abgewendet werden.

Wer schweigt, bleibt Philosoph

Teil dieser Seenotrettung war auch die explizit vom Mediationskomitee und von Gutachtern der EU-Kommission geforderte zurückhaltendere Kommunikationsstrategie. Weder wollte man noch etwas von der Simulation des menschlichen Geistes noch von der Heilung neurodegenerativer Krankheiten als realistisches Ziel des Human Brain Project hören. Die kaum vernehmbare Bekanntgabe des Quantenflaggschiffs scheint diese Anweisungen in beinahe schon übertriebener Form zu beherzigen.

Das jüngste Flaggschiff soll die Anwendungen der Quantenphysik in ihrer ganzen Breite voranbringen – von sicheren Quantenkommunikationsnetzwerken über hochpräzise Atomuhren und Gravitationssensoren bis hin zu Quantensimulatoren zur Entwicklung neuer Materialien und von Quantencomputern. Mit dem Flagschiff läutet die EU-Kommission die "zweite Quantenrevolution" ein – nach der ersten, die die Gesetze der Quantenmechanik entwickelt und ihre Verwendung in "einfachen" Technologien wie Transistoren und Lasern erreicht hat. Die Initiatoren des Quantenflaggschiffs um Tommaso Calarco vom Zentrum für Integrierte Quantenwissenschaft und -technologie an der Universität Ulm sehen die Übertragung ihrer Grundlagenforschung in Industrieprodukte als Nagelprobe für das Projekt. "Wenn das nicht gelingt, ist das Projekt gescheitert", sagte Calarco gegenüber "Nature".

Grundlage des Flaggschiffs ist das "Quantum Manifesto", eine Erklärung, die Forscher und EU-Kommissionsvertreter um Calarco auf "Einladung" von EU-Digitalkommissar Günther Oettinger erstellt und bereits im Februar öffentlich gemacht haben. Mittlerweile haben auf der Homepage des Manifests mehr als 3000 Menschen die Erklärung unterzeichnet. Man versucht also anscheinend den umgekehrten Weg zu gehen wie beim Human Brain Project, bei dem sich die Neuroforschergemeinde nicht ordentlich eingebunden sah.

Anwendungen ahoi!

Am 17. und 18. Mai wird das Quantenmanifest offiziell vorgestellt. Das Flaggschiff soll laut einem EU-Dokument (PDF) 2018 vom Stapel laufen und finanziellen Proviant von der EU sowie privaten und öffentlichen Partnern an Bord haben. In Europa gibt es weltweit strahlende Leuchttürme der Quantentechnologie wie das Max-Planck-Institut für Quantenoptik in Garching, das Institut für Quantenoptik und Quanteninformation der Österreichischen Akademie der Wissenschaften in Innsbruck oder das Vienna Center for Quantum Science and Technology in Wien. Die wissenschaftlichen Voraussetzungen für das Wagnis Quantenflaggschiff sind also gegeben.

Bleibt abzuwarten, ob die EU-Kommission und die künftige Crew des neuen Flaggschiffs aus dem Beinaheschiffbruch des Human Brain Projects gelernt haben. Vielleicht sollten sie sich mehr an dem zweiten Flaggschiff orientieren. Die Grapheninitiative tritt zwar öffentlich weniger in Erscheinung. Aber das muss für ein wissenschaftliches Großprojekt nicht zwangsläufig negativ sein. Das Graphenflaggschiff war außerdem von Beginn an anwendungsnäher ausgerichtet als das HBP – und dadurch vielleicht auch im richtigen Maße realistischer.

Zumindest am Anfang ist es sicher einfacher, in ruhigem Fahrwasser abzulegen als bei bereits tosender See. Es würde auch genügen, von unterwegs ab und an Nachricht an die Daheimgebliebenen zu senden, statt ständig mit Leuchtraketen auf sich aufmerksam zu machen. Wenn nach erfolgreicher Expedition das Quantenflaggschiff unversehrt im Heimathafen anlegt, wäre das Staunen über die Kostbarkeiten, die die Forscher unterwegs vielleicht unerwartet eingesammelt haben, nur umso größer.