Joseph Roche wollte nie wirklich zum Mars. Neugier war der Hauptgrund für seine Bewerbung bei Mars One, einem privat finanzierten Raumfahrtprojekt, mit dem eine holländische Organisation bis 2025 die ersten Menschen zum Roten Planeten bringen will. Roche wollte außerdem für die Raumfahrt werben, ihr mehr Aufmerksamkeit verschaffen. Der promovierte Astrophysiker war Forscher bei der NASA, mittlerweile ist er Juniorprofessor am Trinity College in Dublin. Seine Bewerbung hat er nie sonderlich ernst genommen, sagt er. Das hat sich nun radikal geändert. Denn Roche wurde im Februar 2015 in die Runde der letzten 100 Kandidaten gewählt.

Alles, was Mars One über ihn zu diesem Zeitpunkt gewusst habe, stamme aus einem "miesen" selbst gedrehten Video, einem Fragebogen und einem zehnminütigen Skype-Interview. Nie sei er einem der Mars-One-Verantwortlichen persönlich begegnet, sagte er gegenüber dem Onlinemagazin "Matter". Die unkritische Berichterstattung der Medien habe ihn nun zum Auspacken bewogen.

Bei Mars One konnte sich jeder bewerben, der gesund und der englischen Sprache mächtig ist. Der Haken: Die ohnehin höchst lebensbedrohliche Marsreise lässt sich, wenn sie denn jemals stattfinden sollte, nur ohne Rückflug buchen. Roche spricht von 2761 Bewerbungen, die bei dem Projekt eingegangen seien. In den Medien zirkuliert weiterhin die von Mars One verbreitete Zahl von 200 000 Bewerbern.

Warum überhaupt will ein junger Mensch für immer seine Freunde, seine Familie, seine kleinen Kinder verlassen, um auf einem unwirtlichen, felsig-schroffen und zumeist bitterkalten Planeten ohne natürliche Atemluft zu leben? Der Antrieb für ein solches Himmelfahrtskommando ohne Wiederkehr mag für uns nicht nachvollziehbar sein. Doch auch wenn wir ihn nicht verstehen können, sollten wir dankbar für ihn sein. Wir brauchen Menschen, die dort hinwollen, wo noch nie ein anderer vor ihnen war. Die das anscheinend Unmögliche für möglich halten und keine Grenze akzeptieren.

Um an der Auswahlrunde für die Top 100 teilnehmen zu dürfen, mussten die Bewerber eine Verschwiegenheitsklausel unterzeichnen, berichtet Roche. Erst danach wurde ihnen eröffnet, dass der Härtetest aus einem Zehn-Minuten-Videochat bestehen würde. Von den früher angekündigten mehrtägigen Interviews und Prüfungen vor Ort war keine Rede mehr. Als Nachweis einer ausreichenden körperlichen Konstitution genügte ein Testat des Hausarztes, psychologische Belastungstests fanden nicht statt. Kaum vorstellbar, dass man mit dieser Art Casting eine Truppe zusammenbekommt, die sich selbst Gesetze gibt, ohne sich gegenseitig die Köpfe einzuschlagen; die sich medizinisch versorgen kann, ohne sich dabei zu verstümmeln, und die die komplizierte Technik in Schuss hält, statt sie zu zerschießen.

Wer eine Mission wie Mars One ins Leben ruft, trägt große Verantwortung: zuallererst für die Kandidaten, dann für die Öffentlichkeit und schließlich auch für die Wissenschaft und ihre Reputation. Auch wer über eine solche Mission berichtet, muss sich fragen, ob er kritisch genug mit den medialen Knochen, die man der Presse hingeworfen hat, umgeht. Weder die Medien noch die Veranstalter von Mars One sind dieser Verantwortung immer gerecht geworden.

Neben der fragwürdigen Kandidatenkür hat das Projekt auch bei sämtlichen anderen Baustellen arge Schwierigkeiten, die nun immer sichtbarer werden. Da wäre die Finanzierung: Veranschlagt sind sehr optimistische sechs Milliarden Dollar, um die ersten vier Möchtegern-Marsianer zum Roten Planeten zu bringen. Die NASA hat 2009 in einer Studie eine Summe von 100 Milliarden Dollar für eine bemannte Marsmission in den Raum gestellt (PDF). Bislang sind durch Crowdfunding, Sponsorengelder und Anmeldegebühren etwa 700 000 US-Dollar bei Mars One zusammengekommen. Das sind 0,01 Prozent der Zielsumme. Das Gros wollen die Mars-One-Macher mit einer Reality-TV-Show einspielen. Sie soll die Kandidaten in der Endphase des Castings und schließlich bis auf den Mars begleiten. Für die Produktion war 2014 ein Abkommen mit Endemol getroffen worden, jener TV-Firma, die auch "Big Brother" inszeniert hat. Ende Februar 2015 meldete nun der "New Scientist", Endemol sei aus dem Projekt ausgeschieden.

Die letzten 100 Kandidaten erhielten ebenfalls im Februar eine Liste mit Tipps für Medienanfragen. Man empfahl ihnen, ein Honorar für Interviews zu verlangen. 75 Prozent der Erlöse sollten aber an Mars One gehen. Ihren persönlichen Punkte-Score (der allerdings offiziell kein Ranking für den Auswahlprozess darstellt) können sie durch Einkäufe im Mars-One-Fanshop erhöhen. Für jemanden, der um jeden Preis zum Mars will, ist so ein Punktesystem ein Anreiz, sich von der Konkurrenz abzuheben. Das muss auch den Mars-One-Machern klar gewesen sein, als sie es installierten. Sechs Milliarden Dollar werden durch das Taschengeld der Mars-Fans aber ebenfalls nie zusammenkommen.

Doch selbst mit einer beliebig großen Summe an Geld könnte Mars One die technischen Hürden in der anvisierten Zeit von jetzt nur noch neun Jahren bis zum ersten Start kaum lösen. Es gibt momentan weder die Antriebstechnik noch die Raumkapseln, die man für einen Marsflug bräuchte. Mitte Februar 2015 berichtete die Website "SpaceNews", dass zwei Robotikmissionen, die 2018 als Vorbereitung für die 2024 geplante bemannte Mission dienen sollten, eine Landeeinheit und eine Sonde zur Kommunikation mit der Erde, momentan auf Eis liegen.

Auf derlei Probleme angesprochen, reagieren Bas Lansdorp, Mitgründer und CEO, und sein Mars-One-Team entweder mit ungebrochener Zuversicht oder sie verweigern eine Antwort. Im Netz wird das Projekt schon offen als "Scam", als Betrug, bezeichnet. Manche Kritiker sagen, es sei "nicht mehr als eine Website".

Eigentlich ist es gleichgültig, ob das Projekt von Anfang an als reine PR-Kampagne angelegt oder nur wahnsinnig naiv geplant wurde. Das Tragische ist die Enttäuschung, mit der sowohl die 100 potenziellen Neu-Marsianer als auch die Öffentlichkeit werden leben müssen. Das kritische Vertrauen in die Wissenschaft wird durch Projekte, die sich selbst nicht ernst nehmen, und Journalisten, die den Hype darum unkritisch weiterverbreiten, unnötig beschädigt. Das ist das größte Problem bei Mars One – ein Albtraum.