Eines vorweg: Die im Digital-Manifest adressierten Wertvorstellungen wie Mündigkeit des Bürgers, Grundrechte, informationelle Selbstbestimmung stehen in ihrer Bedeutung und Gültigkeit außer Zweifel – gleichermaßen das Recht auf Privatheit. Und es ist auch klar, dass Fragen berechtigt sind, inwieweit diese unveräußerlichen Bürgerrechte durch die Digitalisierung gefährdet sein könnten. Panikmache digitaler Maschinenstürmer hilft aber nicht weiter und auch nicht wilde Spekulation darüber, was in der Digitalisierung alles möglich wäre – von wegen superintelligente Maschinen.

Manfred Broy
© mit frdl. Gen. von Manfred Broy
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Was ist Digitalisierung denn eigentlich? Im Grunde genommen gibt es digitale Technologien bereits seit mehr als 60 Jahren. Die Entwicklung zeigt aber, dass von anfänglichen Anwendungen in Spezialbereichen die digitale Technologie in Stufen in alle nur denkbaren Anwendungsdomänen vorgedrungen ist, sich von einer Labordisziplin zu einer in technischen und betriebswirtschaftlichen Anwendungen höchst nützlichen und mittlerweile unverzichtbaren Technologie entwickelt hat und inzwischen ganz nah an den Menschen im Alltag angekommen ist. Wie selbstverständlich nutzen Menschen heute Smartphone, Internet, World Wide Web, Geräte, Maschinen und Systeme, die von eingebetteter Software durchdrungen sind. Die Ursache für diese intensive Nutzung liegt letztendlich darin, dass diese für den Menschen so attraktiv ist und so viele neue Möglichkeiten eröffnet. Das Manifest aber ignoriert nahezu vollständig den unbestreitbaren Nutzen digitaler Technologie.

Die Sicherheit im Flugverkehr etwa und eine Reihe der Fortschritte in der Medizin lassen sich unmittelbar auf digitale Technik zurückführen, um nur zwei Beispiele zu nennen. Effizienz in der Energienutzung kann auch nur über Digitalisierung erreicht werden. Und die weltweite mobile Kommunikation, die ohne digitale Technologie völlig unvorstellbar wäre, hat die Möglichkeiten geschaffen, dass Menschen losgelöst von geografischen Gegebenheiten miteinander korrespondieren. Warum stellt man die Gefahren der digitalen Technologien in den Vordergrund, ohne die positiven Seiten zu zeigen?

Kein neues Phänomen

Nun aber konkret zu dem Manifest. Natürlich wäre es völlig inakzeptabel, wenn digitale Technologien zur Entmündigung des Bürgers genutzt würden. Deshalb brauchen wir neue spezifische Gesetze, um Menschen in ihren Grundrechten zu schützen. Es ist aber nicht das erste Mal, dass eine Technologie, wie etwa in den zurückliegenden 100 Jahren das Automobil, unsere Lebenswelten dramatisch verändert. Auch hier wurde die Infrastruktur auf diese Technologie ausgerichtet. Und auch hier gab und gibt es jede Menge Kollateralschäden: von der Umweltbelastung bis hin zu der doch immer noch hohen Anzahl von Unfällen mit Personenschaden.

Mit der Einführung des Automobils war es notwendig, neue Gesetze zu schaffen. Mit der Digitalisierung ist es nicht viel anders als bei der Einführung des Automobils – wobei allerdings die Digitalisierung mehr auf den Menschen als solches und auf sein inneres Wesen zielt.

Eines fällt am Digital-Manifest auf. Es enthält eine Reihe von Behauptungen, die zumindest nicht belegt und kaum belegbar sind oder gar wilde Spekulationen darstellen. Eine Aussage wie "Künstliche Intelligenz wird nicht mehr Zeile für Zeile programmiert, sondern ist mittlerweile sehr lernfähig und entwickelt sich selbstständig weiter" ist zumindest – gerade für den Laien – irreführend, streng genommen schlicht falsch.

Auch Programme der künstlichen Intelligenz werden Zeile für Zeile programmiert, selbst wenn in diesem Zusammenhang Techniken eingesetzt werden, die tatsächlich als "lernende Systeme" bezeichnet werden. Doch dieses "Lernen" ist so weit entfernt vom Lernen beim Menschen wie das Fliegen von Flugzeugen vom Fliegen der Vögel. Und die künstliche Intelligenz wird immer noch von Wissenschaftlern weiterentwickelt und entwickelt sich nicht selbst weiter.

Die Behauptung, dass "Algorithmen nun Schrift, Sprache und Muster fast so gut erkennen können wie Menschen und viele Aufgaben sogar besser lösen", ist schlicht Unsinn. Es fällt nicht schwer, eine ganze Litanei von Aufgaben zu definieren, die Algorithmen und auch "Deep Mind" völlig überfordern würden, den normalen Durchschnittsbürger aber – ja selbst Kinder in keiner Weise.

Die Protagonisten der digitalen Apokalypse sollten sich an wissenschaftlich gesicherte Aussagen halten. Sie verkennen, dass, auch wenn inzwischen Computer besser Schach spielen als Schachweltmeister, es sich bei den Rechnern um Fachidioten handelt – oder als was würden wir einen Menschen bezeichnen, der brillant Schach spielt, aber sonst zu nichts weiter fähig ist? Auch die Behauptung, dass "heute Algorithmen wissen, was wir tun, was wir denken und wie wir uns fühlen", ist schlicht und ergreifend falsch. Algorithmen "wissen" schon einmal gar nichts. Sie können höchstens Daten über uns verarbeiten. Wie stark diese Daten tatsächlich unsere Taten, unser Denken und unsere Empfindungen wiedergeben können, ist eine hoch komplizierte Frage. Aber zumindest nach Stand der heutigen Technik sind die Systeme weit davon entfernt, hier auch nur annähernd das zu leisten, was behauptet wird.

"… sollten sich an wissenschaftliche Aussagen halten."

Interessant ist das Abdriften des Manifests in vorprogrammierte Katastrophen. Hier wird allgemein über die Optimierung und Komplexität der Probleme schwadroniert. Was hat die Beteiligung von Psychologen an Folterskandalen in der jüngsten Vergangenheit mit Digitalisierung zu tun? Wieso werden die Brüchigkeit des Weltfriedens und die langfristige Veränderung des Klimas der Digitalisierung angelastet? Sicherlich verbrauchen auch Rechner Energie und tragen damit zum CO2-Ausstoß bei – aber eben nur zu einem Bruchteil.

Betrachtet man unsere Welt und die digitale Technik so, wie sie heute ist, so ist die Gefahr der Superintelligenz, auch der digitalen Superintelligenz, nicht zu erkennen. Eher gewinnt man den Eindruck, dass etwas mehr rationale Intelligenz unserer Welt insgesamt nicht schaden würde.

Ein Punkt allerdings ist unstrittig: Digitale Technologien schaffen neue Möglichkeiten. Wenn diese Möglichkeiten in die falschen Hände geraten, führt das zu enormen Gefahren. Aber andererseits ist auch klar – den digitalen Fortschritt wird niemand aufhalten. Das exponentielle Wachstum der Leistungsfähigkeit digitaler Technologie wird noch ein bis zwei Jahrzehnte andauern. Das Thema ist nicht, sich der digitalen Technologie in den Weg zu stellen oder sie unreflektiert zu verdammen. Die Herausforderung ist, die digitale Technologie in ihrer Nutzung zu gestalten – zu nutzen im Sinne der Menschen, zu gestalten im Sinne unsere Werte. Aber das kann nur gelingen, wenn wir die Möglichkeiten digitaler Technologie realistisch einschätzen und zutreffend darstellen.