Womöglich begann alles Anfang des 20. Jahrhunderts mit dem Klugen Hans. Dem Pferd, das rechnen konnte. Oder zumindest als Rechen-Genie präsentiert wurde. Denn natürlich waren die Zahlen, die es mit dem Huf klopfte, keine echten Rechenergebnisse. Hans achtete auf Mimik oder Haltung seines Besitzers. Der entspannte sich unwillkürlich, sobald die gewünschte Zahl erreicht war, Hans hörte auf, die Zuschauer johlten – bis der ungewollte Schwindel aufflog. Doch die Moral dieser Geschichte lautet bis heute nicht: Einige Tiere haben eine große emotionale Intelligenz, sie registrieren beispielsweise Nuancen der menschlichen Regung. Nein, sie lautet: Tiere können nicht rechnen, also sind sie nicht intelligent.

Sowieso ist "Intelligenz" das falsche Wort. Erstens, weil sie sich bei Tieren nicht so messen lässt wie beim Menschen; Stichwort IQ-Test. Zweitens, weil es ein anthropozentrischer Ansatz ist, denn für Tiere sind andere Fähigkeiten relevant als für uns. Und so fehlen uns sogar die Worte, um kognitive und empathische Fähigkeiten von Tieren begrifflich klar zu fassen.

ein Hahn
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 Bild vergrößernÜberraschung geglückt!
In Experimenten stellten Hühner unter anderem die Fähigkeit unter Beweis, sich in ihre Artgenossen hineinversetzen zu können. Warum überraschen uns solche Ergebnisse jedes Mal aufs Neue?

Krude ausgedrückt jedoch bleibt es bei der immer gleichen Grundannahme: Tiere sind dumm. Bis sie Forschenden gegenüber das Gegenteil bewiesen haben. Und das gilt für jede Verhaltensart und jede Tierart von Neuem. Anders lässt es sich nicht erklären, dass wir wieder und wieder überrascht sind, wenn ein Tier ein kluges, trickreiches, weitsichtiges oder empathisches Verhalten zeigt.

So hieß es neulich in einem Artikel hier auf "Spektrum.de": "Die untergeordneten Hähne zeigten ein gewieftes Verhalten, das man diesen Vögeln nie zugetraut hätte."

Und später im selben Artikel steht, die Hühner könnten sich in ihre Artgenossen hineinversetzen, "eine Fähigkeit, die man sonst nur bei wenigen Arten kennt, etwa bei Raben, Eichhörnchen und Primaten."

Warum ausgerechnet diese drei? Die Antwort liegt nicht bei den Raben, Eichhörnchen und Primaten, sondern schlicht bei den Menschen: Diese Tierarten haben Forschende bisher untersucht und empathisches Verhalten gefunden.

Kein Kontext – keine sinnvolle Interpretation

Die Überschrift "Drei Menschen in Heidelberg können einen Kopfstand machen" käme uns absurd vor. Wir würden zu Recht einen Kontext einfordern. Sätze wie der obige zu den Raben, Eichhörnchen und Primaten jedoch gehen Forschenden und Schreibenden regelmäßig durch.

Im Idealfall würde hier der Kontext beispielsweise so lauten: Das empathische Verhalten wurde bereits zuvor bei sechs anderen Tierarten erforscht, von denen es drei zeigten.

Leider wird dieser Idealfall so gut wie unmöglich durch die Umstände, unter denen wissenschaftliche Veröffentlichungen entstehen: Ein Negativ-Ergebnis, also ein nicht gefundenes Verhalten, lässt sich längst nicht so leicht veröffentlichen wie ein positives. Zeigt also eine Möwe keine Anzeichen für Empathie, wird kein Fachblatt das zugehörige Paper publizieren, und kaum einer würde je von den Ergebnissen der Studie erfahren.

Laura Hennemann
© mit frdl. Gen. von Laura Hennemann
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Das gilt sogar für den in der Forschung vorangehenden Schritt: Bei einer Blindschleiche würden Forschende wohl nicht auf die Idee kommen, Empathie zu untersuchen. Und so treffen wir Menschen auf mehreren Ebenen eine Auswahl, welches Tier es in die obige Liste schaffen kann.

Intelligenzforschung findet nicht im luftleeren Raum statt

Das hat weit reichende Konsequenzen. Denn diese Tests, Untersuchungen und Experimente finden nicht im akademischen, luftleeren Raum statt, sondern werden regelmäßig als Anlass genommen, unseren Umgang mit (Nutz-)Tieren zu hinterfragen. Sie beeinflussen auf lange Sicht die Haltungsbedingungen von Tieren und damit auch unser Leben.

Es ist natürlich interessant, wenn eine Tierart eine bestimmte Fähigkeit zeigt. Aber die Überraschung, die solche Meldungen regelmäßig auslösen, sagt vor allem etwas über uns Menschen aus: über die Forschenden, die Schreibenden und die Lesenden.

Das Mindeste, was wir tun können, ist, uns dies bewusst zu machen. Noch besser wäre es, die Pauschalannahme vom "dummen Tier" aufzuheben. Dass wir sie willkürlich gemacht haben, sollte nach etlichen Studien, die intelligentes Verhalten bei Tieren nachgewiesen haben, klar sein.