Wie viele Wale wurden in der Vergangenheit erlegt? Oder anders gesagt: Wie viele Wale würde es heute geben, wenn ihre Population nicht so dramatisch reduziert worden wäre? Antwort auf diese Fragen sucht ein Wissenschaftlerteam um Robert Rocha vom New Bedford Whaling Museum durch das Studium diverser Quellen, wie etwa der Aufzeichnungen der Internationalen Walfangkommission. In einer aktuellen Veröffentlichung in "Marine Fisheries Review" beziffern sie jetzt die Gesamtsumme erlegter Wale auf über drei Millionen Tiere.

Davon wurden rund 2,9 Millionen Wale zwischen den Jahren 1900 und 1990 erlegt – mit dem Einsatz von motorbetriebenen Fangschiffen konnte der Walfang massiv ausgeweitet werden. Insgesamt wurden 276 442 Wale im Nordatlantik, 563 696 im Nordpazifik und 2 053 956 auf der Südhalbkugel erlegt; das zeigt die Statistik der Forscher. Sobald eine Art erschöpft war, wechselten die Jäger auf die nächste. Erst in den 1980er Jahren wurde der kommerzielle Walfang weit gehend eingestellt.

Der Walfang mit Segelschiffen fällt dagegen nicht nennenswert ins Gewicht, berichten Rocha und Kollegen: Zwischen 1700 und 1899 seien nur rund 300 000 Wale getötet worden.

Illegaler Walfang zu Sowjetzeiten drastisch unterschätzt

Die jüngste Schätzung geht wesentlich auf die Arbeit von Koautorin Yulia Ivashchenko vom National Marine Fisheries Service in Seattle zurück. Die Forscherin hatte für ihre Doktorarbeit den illegalen Walfang in der einstigen UdSSR untersucht. Laut ihren Nachforschungen bei ehemaligen Walfängern und Angehörigen der walverarbeitenden Industrie sowie bei Biologen wurden durch sowjetische Schiffe über eine halbe Million Wale angelandet, davon 178 811 an der Kontrolle der Internationalen Walfangkommission vorbei. Diese jüngst entdeckten Fangzahlen brachten die Wissenschaftler dazu, die Gesamtzahlen weiter nach oben zu korrigieren.

Damit dürfte es sich beim internationalen Walfang um die umfangreichste Wildtiertötung in der Geschichte der Menschheit handeln – zumindest wenn man die reine Biomasse zu Grunde legt. Der geplanten Ausrottung der nordamerikanischen Bisons fielen womöglich mehr Einzeltiere zum Opfer.

Informationen über den Ausmaß des Walfangs helfen den Wissenschaftlern auch dabei, auf eine hypothetische gesunde Walfangpopulation zurückzurechnen, wie sie vor dem Zeitalter des Walfangs bestanden haben dürfte. Die jetzt noch einmal erhöhten Fangzahlen von Rocha und Co passen besser zu populationsgenetischen Schätzungen als frühere, niedrigere Werte. Sie legen nach Aussage des Forscherteams aber auch nahe, dass einige Walarten noch weit entfernt davon sind, sich in ihrem Bestand erholt zu haben.