Der moderne Homo sapiens ist aus Afrika ausgewandert und über den Nahen Osten, nach Europa gelangt, wo er auf den Neandertaler traf. Wann genau er hier ankam, blieb allerdings unter Fachleuten umstritten: Die frühesten anatomisch modernen Skelettfunde stammen hier aus einer Zeit, in der die modernen Menschen sicher schon lange Europäer waren. Deutlich älter sind die Gegenstände der Aurignacien-Kultur, die eindeutig vom modernen Einwanderer H. sapiens und nicht von Neandertalern hergestellt wurden. Sie belegten bisher, dass unser Kontinent zumindest schon vor 40 000 Jahren besiedelt wurde – vielleicht, wie bislang vermutet, während einer kurzen Tauwetterphase der letzten Kaltzeit, dem Heinrich-Ereignis-4. Nun zeigen Forscher bei Ausgrabungen in Österreich allerdings, dass Menschen sogar schon während klimatisch deutlich eisigeren Zeiten nach Europa gelangt sind – und dabei selbst die Gegend des Alpenraums besiedelt hatten.

Die Forscher stützen ihre Schlussfolgerung auf eine genaue Datierung der frühaltsteinzeitlichen Fundstelle Willendorf II in Österreich, einer der ältesten und berühmtesten in Europa: Hier war 1908 auch schon die bekannte Figurine der Venus von Willendorf gefunden worden. Die Wissenschaftler beschäftigten sich nun aber mit einer deutlich älteren, tieferen Schicht vor Ort, dem archäologischen Horizont 3, in dem Pflanzenreste und Überbleibsel von Aurignacien-Steinwerkzeugen gefunden werden. Die neuen stratigrafischen und paläoökologischen Untersuchungen belegen nun, dass diese Schicht in einer relativ milden Zwischenzeit der alpinen Würm-Kaltzeit abgelagert wurde, die durch Eisbohrkerne als Grönland-Interstadial 11 definiert ist. Damit wäre die Schicht – und die darin enthaltenen Fundstücke – rund 43 500 Jahre alt und älter als alle anderen bisher gefundenen Spuren der Aurignacien-Kultur und damit des modernen Menschen in Zentraleuropa.

Ausgrabungsschichten enthält frühe Aurignacien-Funde
© The Willendorf Project / Philip R. Nigst und T. Bence Viola
(Ausschnitt)
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Die genaue zeitliche Datierung von Schichten einer Fundstelle ist eine Sache für Experten. Hier ein Schnitt durch die Erdschichten am Fundort Willendorf II. Man erkennt bei genauem Hinsehen eine Abfolge von braunem Paläoboden (der sich in einer Zeit ablagerte, als sich vor Ort eine mittelkalte Steppe ausgebreitet hatte) – und eher gelblichem Löss (der aus kälteren Zeiten stammt). Die Löcher sind Probenentnahmestellen.

Die neue Datierung belegt auch, dass moderner Mensch und Neandertaler über Jahrtausende nebeneinander gelebt haben. Zudem dürften die aus dem wärmeren Süden eingesickerten H. sapiens gut in der Lage gewesen sein, sich vor widrigen Witterungsverhältnissen zu schützen: Am Fundort muss damals jedenfalls ein recht raues boreales, also kaltes Steppenklima geherrscht haben.