Wir haben uns daran gewöhnt, dass Maschinen wie der Marsrover Curiosity fremde Welten erkunden und dabei Befehlen gehorchen, die von einem irdischen Kontrollzentrum über Millionen Kilometer hinweg durchs All geschickt werden. Die Selbstverständlichkeit, mit der viele Menschen diese Tatsache akzeptieren, täuscht ein wenig darüber hinweg, wie jung dieser Zweig der Weltraumforschung eigentlich noch ist. Tatsächlich sind wir kaum die Dauer eines Menschenlebens weit entfernt von jenen Tagen, als Wissenschaftler allein auf die Hilfe von Teleskopen angewiesen waren, um Informationen über die planetaren Begleiter der Erde im Sonnensystem zu erlangen. Erst vor genau 50 Jahren, am 14. Dezember 1962, schickte die erste von Menschen gebaute Sonde Daten aus der unmittelbaren Umgebung eines fremden Planeten zur Erde.

Der Vorbeiflug der US-Sonde Mariner 2 an der Venus markiert den Beginn einer neuen Ära der Raumfahrt. Dass es überhaupt dazu kommen konnte, mutet aus heutiger Sicht allerdings wie ein Wunder an. Denn die ersten Flüge des Mariner-Programms der NASA standen keineswegs unter einem guten Stern. Die Geschichte von Mariner 2 beginnt mit einer Serie von Niederlagen für die noch junge US-Raumfahrt: Am 4. Oktober 1957 funkt eine kleine Metallkugel einige Piepser aus dem erdnahen Weltraum – der Sowjetunion war es gelungen, mit Sputnik 1 den ersten Satelliten auf eine Umlaufbahn um unseren Heimatplaneten zu schicken. Auch der erste Mensch im All ist ein Russe: Am 12. April 1961 umrundet Juri Gagarin an Bord des Raumschiffs Wostok 1 die Erde. Gut einen Monat später macht US-Präsident John F. Kennedy mit seiner Ankündigung, bis zum Ende eines Jahrzehnts Menschen auf den Mond bringen zu wollen, den längst begonnenen Wettlauf beider Supermächte um den Erdtrabanten öffentlich.

NASA-JPL
© NASA, JPL
 Bild vergrößernDie erste erfolgreiche Raumsonde
Modell der Raumsonde Mariner 2 nach ihrem erfolgreichen Vorbeiflug an der Venus im Dezember 1962.

Doch der Mond ist nicht das einzige Ziel im Weltraum, um das US-Amerikaner und Russen konkurrieren. Der Wettlauf ins All hat auch die erdnahen Planeten Venus, Merkur und Mars ins Visier genommen. Und auch hier haben die Sowjets zunächst die Nase vorn: Am 14. September 1959 erreicht ihre Sonde Luna 2 als erstes von Menschen gebautes Raumschiff einen anderen Himmelskörper – den Mond. Dass sich an Bord der auf dem Erdtrabanten niedergehenden Sonde auch eine Fahne der UdSSR befindet und somit ausgerechnet der Erzfeind als Erster seine Hoheitszeichen im All ausbringt, macht die Niederlage für die US-Raumfahrt nur umso schmerzlicher. An eigenen Erfolgen hat man dem bis dahin nur die ersten Bilder der Erde aus dem All entgegenzusetzen, die im August 1959 von der Sonde Explorer 6 geliefert werden.

Kampf um die Venus

Als die Russen im Februar 1961 ihre Venus-Sonde Venera 1 auf den Weg bringen, schrillen bei den Verantwortlichen der US-Raumfahrt alle Alarmglocken. Die Sonde erweist sich letztlich als Fehlschlag, doch bevor der Kontakt abreißt, führt sie einige für Planetenmissionen wichtige Manöver erfolgreich durch. Auch im Wettlauf zu den Planeten scheint sich die Waagschale also zu Gunsten der östlichen Supermacht zu neigen. Will die NASA dieser Entwicklung entgegenarbeiten, muss sie das eigene Planetenprogramm beschleunigen – und damit auch das Risiko für Fehlschläge erhöhen. Im August 1961 wird genau dieses Vorgehen beschlossen: Statt die Entwicklung einer leistungsfähigeren Trägerrakete und einer neuen Generation von Raumsonden abzuwarten, sollen bestehende Systeme so modifiziert werden, dass ein möglichst früher Aufbruch zur Venus möglich wird.

Unter anderem gilt es, die Tragkraft der bewährten Atlas-Raketen innerhalb kürzester Zeit um mehr als 100 Kilogramm zu erhöhen. Gleichzeitig wird die von den Mariner-Sonden – sie basieren auf einem Typ, den die NASA bereits zur Monderkundung einsetzt – mitzuführende wissenschaftliche Nutzlast drastisch verringert. Dass Mariner 2 später keine Bilder von der Venus zur Erde funken wird, liegt genau hierin begründet: Angesichts der dichten Wolkendecke über dem Planeten gelten Kameras als entbehrlich.

Merkur im Jahr 1974
© NASA, JPL / Caltech
 Bild vergrößernMerkur im Jahr 1974
Dies war die erste Aufnahme mit hoher Auflösung, die Einzelheiten der Merkuroberfläche zeigt. Sie wurde von der US-Raumsonde Mariner 10 bei ihrem ersten Vorbeiflug im Jahr 1974 aufgenommen. Deutlich lassen sich zahlreiche Einschlagkrater erkennen, die Oberfläche des atmosphärelosen Planeten ist mehrere Milliarden Jahre alt.

Als am 22. Juli 1962 eine Atlas-Rakete mit Mariner 1 an Bord von der Startrampe abhebt, ist seit der Vorstellung der ersten Missionspläne durch das federführende Jet Propulsion Laboratory (JPL) der NASA nicht einmal ein Jahr vergangen. Doch das hohe Entwicklungstempo fordert seinen Tribut: Wenige Minuten nach dem Start kommt die Rakete vom Kurs ab und muss gesprengt werden, der Kontakt zur Sonde geht verloren.

Technische Probleme noch und nöcher

Die letzten Hoffnungen der NASA, die Venus vor den Russen zu erreichen, ruhen nun auf der Schwestersonde Mariner 2. Einen Monat nach dem erfolglosen Vorgänger, am 26. August 1962, hebt sie ab. Zwar gibt es erneut Probleme mit der Trägerrakete, doch diesmal bleibt der Kontakt zur Sonde bestehen. Nach dem planmäßigen Absprengen von der Rakete und einer Kurskorrektur beschleunigt sie in Richtung Venus. Der kritischste Teil der Mission scheint überstanden, die NASA sieht ihrem bis dahin größten wissenschaftlichen Triumph entgegen.

Doch schon bald werden alle Triumphgefühle von wachsender Sorge um den Zustand der Sonde verdrängt. Druckunregelmäßigkeiten in einem Stickstofftank lassen vermuten, dass der Satellit Treibstoff verliert. Ist dieses Problem noch beherrschbar, so droht am 8. September kurzzeitig der Totalverlust, als die Sonde für einige Minuten völlig die Orientierung verliert. Als Ursache vermuten die Experten im Kontrollzentrum die Kollision mit einem Mikrometeoriten.

Mit zunehmender Annäherung an die Venus wird auch die Fehlerkette immer länger: Ende Oktober bereitet die Energieversorgung Kopfzerbrechen, nachdem ein Solarpaneel schwächer wird und schließlich ganz ausfällt. Anfang Dezember gehen mehrere Kanäle zur Übertragung von Messwerten verloren, und zwei Tage vor Erreichen des Planeten gibt die Automatik, die die wissenschaftlichen Geräte an Bord einschalten soll, den Geist auf. Immerhin gelingt es dem Bodenpersonal, die Instrumente von der Erde aus zu aktivieren, so dass Mariner 2 tatsächlich Daten sammelt und zur Erde funkt, als sie schließlich am 14. Dezember die Venus im Abstand von 35 000 Kilometern passiert. Doch alle Experten sind sich einig, dass die Sonde in diesem Moment regelrecht aus dem letzten Loch pfeift. Und so witzelt man bei der NASA, die Abkürzung JPL stehe in Wirklichkeit für "Just Plenty of Luck" – jede Menge Glück. Drei Wochen nach der Venus-Passage verscheidet der geplagte Satellit endgültig.

Doch was beim Blick auf den Missionsverlauf wie ein Beinahefehlschlag aussieht, kann sich im Hinblick auf die wissenschaftliche Ausbeute durchaus sehen lassen. So gelingt Mariner 2 der Nachweis des bereits Anfang der 1950er Jahre vorhergesagten Sonnenwinds, die Sonde liefert Hinweise auf die extremen Temperaturen unter der Wolkendecke des Planeten und beweist das Fehlen eines Venus-Magnetfelds. Wichtig für spätere bemannte Missionen sind zudem die Messungen zur kosmischen Strahlung innerhalb des Sonnensystems.

Vorbild für spätere Missionen

Der Prestigeerfolg von Mariner 2 markiert den Auftakt zu einem der erfolgreichsten Raumfahrtprogramme der amerikanischen Raumfahrtagentur. Die Sonde fand etliche Nachfolger: Bis 1973 brachte die US-Weltraumbehörde insgesamt zehn Mariner-Sonden auf den Weg, die neben Venus auch Mars und Merkur erkundeten. Nur drei davon mussten als Fehlschlag verbucht werden – eine für diese Frühzeit der Raumfahrt extrem gute Erfolgsquote.

Ausgerechnet bei ihrem höchsten Vorgesetzten konnte die NASA mit solchen Planetenmissionen allerdings kaum punkten. Ende November 1962, während sich Mariner 2 angeschlagen zur Venus vorkämpfte, knöpfte sich Präsident Kennedy im Weißen Haus NASA-Chef James Webb vor. Oberste Priorität der Weltraumbehörde müsse es sein, vor den Russen auf dem Mond zu sein. Allen anderen Forschungsgebieten im All erteilte der Mann, der sich in der Öffentlichkeit gern als Weltraum-Visionär präsentierte, eine klare Absage. "Alles, was wir tun, muss dazu dienen, vor den Russen auf dem Mond zu sein", so der Präsident in dem internen Gespräch, dessen Tonbandmitschnitt im Jahr 2001 von der John F. Kennedy Library in Boston veröffentlich wurde. Andenfalls, so Kennedy, müsse man nicht so viel Geld ausgeben, "denn ich bin nicht besonders interessiert am Weltraum".