Südafrika: Wie Kuhfladen helfen, schicke Autos zu bauen

Die Region um Bronkhorstspruit in der südafrikanischen Provinz Gauteng liegt unweit der Metropolen Johannesburg und Pretoria. Dies ist das Kernland von Südafrikas Fleischproduktion, und Rinderherden bevölkern die grünen Weideflächen bis zum Horizont. Allein rund 30 000 von ihnen grasen in den Feedlots des Fleischproduzenten Beefcor rund um das Biogaswerk von Bio2Watt. Denn so viele Kühe produzieren viel Mist und damit auch einen begehrten Energieträger.

Die Anlage liefert 4,4 Megawatt Strom. Solche Projekte für erneuerbare Energien kämpfen in Südafrika immer noch um Anerkennung. Zwar haben fast 90 Prozent aller Südafrikaner regelmäßigen Zugang zu Elektrizität, doch es gibt Engpässe. Besonders in den Jahren 2014 und 2015 mussten immer wieder geplante Stromausfälle einer Überlastung des Stromnetzes in den Städten vorbeugen. Der Regierung wird eine verfehlte Energiepolitik vorgeworfen, die vornehmlich auf Kohle setzt. Sogar der Bau neuer Atomkraftwerke ist in Planung.

Kohle und Atomkraft passen allerdings nicht in das PR-Konzept des deutschen Automobilherstellers BMW. Bis zum Jahr 2020 wollen die Bayern in all ihren Werken Elektrizität zu 100 Prozent aus erneuerbaren Energien beziehen. Schon jetzt erreicht der Autoriese nach eigenen Angaben eine Quote von 51 Prozent.

In Südafrika produziert BMW bereits seit den 1970er Jahren Fahrzeuge in seinem Rosslyn-Werk bei Pretoria. Derzeit rollen dort jährlich 60 000 Limousinen der 3er-Serie vom Band. Das nahe gelegene Biogaswerk von Bio2Watt passt BMW daher gut ins Konzept, und seit Oktober 2015 bezieht das Rosslyn-Werk von dort grüne Energie. Ein Übereinkommen sieht vor, dass nun zwischen 25 und 30 Prozent des BMW-Bedarfs so gedeckt werden.

Biogasanlage und Biogasproduzenten
© George J. Oosthuizen, Howling Hound Photography / BMW AG
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Gewaltige Mengen an Kuhmist entstehen durch die südafrikanische Fleischproduktion. In Biogasanlagen wie hier bei Bio2Watt in Bronkhorstspruit entstehen daraus elektrischer Strom und Dünger.

In Bronkhorstspruit werden jährlich 40 000 Tonnen Kuhmist und 20 000 Tonnen gemischter organischer Abfall verwertet. Der kommt von anderen örtlichen Firmen, zum Beispiel saurer Jogurt, Hundefutter, abgelaufene Getränke oder Restaurantabfälle. All dies wird in zwei anaeroben Biogasanlagen vergärt. Das so entstandene Gas gelangt dann in ein Blockheizkraftwerk, wo es zur Stromerzeugung verbrannt wird.

Die Southern African Biogas Industry Association schätzt, dass Biogas in Südafrika eine Kapazität von bis zu 2,5 Gigawatt erreichen kann. Dafür könnten Abwasser, verdorbene Lebensmittel, Tiermist und andere Abfälle der Landwirtschaft, Schlachthöfe, Brauereien und Käsereien recycelt werden. Bio2Watt-Geschäftsführer Sean Thomas ist optimistisch: "Wir haben allein in Südafrika rund vier Millionen Rinder."

Kenia: Auch Papier kann viel Mist ertragen

Die Devise, dass Tiermist in der Welt des Recyclings durchaus brauchbar ist, gilt auch in Kenia. Der ostafrikanische Staat kämpft gegen Entwaldung. Nur noch weniger als zwei Prozent seiner Landfläche sind von Wald bedeckt. Durch diesen Verlust schwindet in Kenia der Nachschub an verfügbarem Grundwasser. Direkte Folgen sind Wasserknappheit und damit verbunden Energiemangel und Armut. Nach Angaben der Kenya Forestry Working Group verliert das Land jährlich 300 Millionen US-Dollar durch die Folgen der Entwaldung.

Über Jahrzehnte trug Kenias Papierindustrie zu dieser Abholzung bei. Nun findet ein Umdenken statt. Dabei steht Elefantendung im Mittelpunkt. Die Dickhäuter fressen viel Gras und andere Pflanzen mit hohen Faseranteilen. Damit sind ihre Ausscheidungen für die Papierindustrie fast genauso gut wie Holz. Bei Kenias größtem Papierproduzenten Transpaper Kenya gehen bereits 20 Prozent der Gesamtproduktion auf die Verdauung der Elefanten zurück. 17 Firmen verwandeln landesweit Elefantendung in Papier.

Interessanter Rohstoff
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Die unverdauten Pflanzenfasern im Mist von Elefanten eignen sich zur Produktion umweltfreundlichen Papiers.

Die Idee schützt nicht nur vor der Abholzung der Wälder, sie trägt auch dazu bei, den Konflikt zwischen wilden Tieren und Kenias Bauern zu entschärfen. Angefangen hat nämlich alles mit einem Pilotprojekt in den 1990er Jahren im von örtlichen Kommunen betriebenen Elefantenreservat Mwalunganje, unweit von Mombasa. Die Bauern dort hatten genug vom Tourismus im staatseigenen Park Shimba Hills, an dessen Einnahmen sie nicht teilhaben konnten, während gleichzeitig die hungrigen Elefanten des Parks immer wieder ihre Ernten zerstörten. Also begannen sie mit eigenen Projekten, die ihnen nicht nur Anteile aus dem Tourismusgeschäft bescherten, sondern selbst auch wieder neue Initiativen auf den Weg brachten, zum Beispiel Imkereien, die den nützlichen Nebeneffekt hatten, mit ihren Bienen die Elefanten von Anbauflächen fernzuhalten. Schließlich kamen die Bauern auf die Idee, den Dung in Papier zu verwandeln.

"Der Prozess ist ganz einfach", sagt John Matano, Gründer von Nampath Paper. "Erst waschen wir den Dung, bis hauptsächlich pflanzliche Faser übrig ist. Danach kochen wir, was übrig ist, für vier Stunden", so Matano. Anschließend gehe es weiter wie bei konventioneller Papierproduktion.

Während viele lokale Projekte aus dem Elefantendung handgeschöpfte, bräunliche Schmuckpapiere zum Beispiel für Einbände herstellen, lässt sich mit entsprechenden Maßnahmen auch normales weißes Schreibpapier erzeugen. Ein durchschnittlicher Elefant frisst 250 Kilo Futter pro Tag. Daraus entsteht 50 Kilo Dung. Diesen verwerten Matano und seine Kollegen zu rund 125 Seiten DIN-A4-Papier.

Kamerun: Von der Bananenschale zum Kohlebrikett

Mangrovenwälder zählen zu den produktivsten Ökosystemen der Erde. Durch die besonderen Bedingungen im Gezeitenbereich hat sich hier eine hoch spezialisierte Tier- und Pflanzenwelt entwickelt. Doch die Mangrovenwälder sind in Gefahr. Die Gewächse müssen den Sandstränden neuer Ferienanlagen weichen, oder sie werden direkt als Brennmaterial abgeholzt. Nach Angaben des World Wildlife Fund sind weltweit bereits 35 Prozent der Mangroven verloren. Eine von sechs in den Mangroven lebenden Spezies ist vom Aussterben bedroht.

Auch in Kamerun nutzen Fischer die Mangroven als Brennmaterial für ihre Feuer, um den gefangenen Fisch zu trocknen und um Holzkohle zu gewinnen. Rund 200 000 Mangrovenbäume werden dafür landesweit jährlich gefällt, besagt eine Studie im "African Journal of Environmental Science and Technology".

Dies möchte Müller Nandou Tenkeu ändern. Der Absolvent der Universität von Douala gründete dazu mit sechs Kommilitonen 2014 Kemit Ecology, ein kleines Unternehmen, das seitdem in dem kamerunischen Küstenort umweltfreundliche Kohlebriketts herstellt. "Wir verwerten all den organischen Müll, der hier anfällt – Bananenschalen, Rohrzuckerabfälle, Maisschalen und viele andere Nebenprodukte der Landwirtschaft", berichtet Tenkeu.

In fünf Produktionsschritten verwandelt der Öko-Unternehmer dann den Abfall in Kohle: Zunächst wird gesammelt und getrennt, dann getrocknet, mit wenig Sauerstoff verbrannt – und das so produzierte Kohlepulver schließlich in Brikettform gepresst.

Bei der Verbrennung entsteht wesentlich weniger CO2 als bei traditioneller Holzkohleproduktion, also schont die "grüne" Kohle nicht nur die Mangroven, sondern auch das Klima. "Außerdem ist unser Prozess billiger, deswegen können wir die Briketts auch günstiger anbieten", ergänzt der Kameruner. Während Brennholz, das für die Zubereitung von nur einer Mahlzeit reicht, umgerechnet rund 90 Eurocents kostet, können die Menschen mit einem Paket Briketts, das 75 Cents kostet, gut zwei Tage lang auskommen. Zu Tenkeus Kunden zählen Bäckereien, Restaurants, Hotels und Privatleute.

Biobriketts aus pflanzlichen Abfällen
© Kemit Ecology
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Das Kameruner Unternehmen Kemit Ecology produziert, noch in kleinem Maßstab und mit viel Handarbeit, Kohlebriketts aus Pflanzenabfällen. Die Briketts sind herkömmlichen Holzkohlen vielfach überlegen.

Der Jungunternehmer verweist außerdem auf die zahlreichen weiteren positiven Nebeneffekte seines Produkts: "Wir schaffen einen Markt für biologischen Abfall in Kamerun." Denn Menschen können kompostierbaren Abfall sammeln und an Kemit verkaufen. Außerdem kann die Öko-Kohle dazu beitragen, Holzherde in Kamerun zurückzudrängen. Nach Regierungsangaben verwenden immer noch 70 Prozent aller Kameruner diese veralteten Herde. Der Weltgesundheitsorganisation WHO zufolge sterben weltweit jährlich rund 4,3 Millionen Menschen an den Folgen schlechter Luftqualität in Innenräumen. Hauptverantwortlich sind dabei Holzherde.

Die Briketts haben nun internationale Beachtung gefunden. Auf dem Weltklimagipfel 2016 in Marokko wurde Müller Nandou Tenkeu als Bester Grüner Unternehmer ausgezeichnet. Mit neuen Maschinen will Kemit eine Jahresproduktion an Biokohle auf rund 240 Tonnen erreichen. Doch auch damit dürfte diese Firma allein nur einen bescheidenen Beitrag leisten: In Kamerun beträgt der Jahresbedarf an Holzkohle etwa 375 000 Tonnen.

Tansania: Bauen mit Plastik

Auch für Tansania ist die Abholzung ein Problem. Die Bevölkerung wächst jährlich um drei Prozent. Kommunale Grüngebiete können der Entwicklung nicht standhalten. Laut einer Studie der Vereinten Nationen, die sich mit internationaler Entwaldung zwischen den Jahren 1990 und 2010 befasst, belegt der ostafrikanische Staat weltweit den sechsten Platz in einer Rangliste, die den Nettoverlust von Waldflächen aufweist. Zugleich ist die Nachfrage nach Holz groß. Oft bleibt den einfachen Menschen keine Alternative, als Baumaterial oder Brennholz aus den zahlreichen Naturschutzgebieten zu stehlen.

Doch nach Einschätzung von Christian Mwijage ist dies nicht das einzige Problem Tansanias: "Ich denke auch, dass wir ein gewaltiges Problem mit Plastikmüll haben." Mwijage lebt in Daressalam, der größten Stadt des Landes, mit einer ständig wachsenden Population von derzeit vier Millionen. "Überall wird mit Holz gebaut, überall ist Plastikmüll", bemerkt der Jungunternehmer.

Dieses chaotische Stadtbild von Daressalam brachte Mwijage auf eine Idee: den Plastikmüll in Baumaterial zu verwandeln und damit gleichzeitig den Holzverbrauch zu verringern. "Ich machte mir Gedanken über den Bauboom und die Müllhalden und fand einen Weg, beide Probleme anzugehen."

So gründete Mwijage Ende 2015 seine Firma EcoAct Tanzania. Seitdem beschäftigt der Jungunternehmer vor allem Menschen aus den ärmeren Vierteln Daressalams, um Plastikmüll, besonders Flaschen, zu sammeln, zu trennen und zu säubern. EcoAct zahlt sogar die Krankenversicherung für die Kinder der Stadt, wenn diese dafür wöchentlich das gesammelte Recycling ihrer Familien bei der Firma abliefern.

Der Müll wird dann zu feinem Plastikstaub zerkleinert und in Kunststoffbalken gepresst, was EcoAct als "Plastic Lumber" anpreist, als "Plastikbauholz". Die Balken können zum Beispiel als Träger im Hausbau, als Zaunpfosten oder Ständer verwendet werden. Die Öko-Balken sind günstiger als Holz, ziehen außerdem keine Insekten an und verrotten nicht. "Wir produzieren derzeit 70 bis 80 Balken pro Tag, hoffen aber, demnächst mit modernisierter Maschinerie auf eine Tagesproduktion von bis zu 400 Balken zu kommen", teilt Mwijage mit. Sein Konzept wurde unlängst mit dem Unternehmerpreis 2017 des Africa Finance and Investment Forum in Nairobi ausgezeichnet.

Nigeria: Kunsthandwerk mit Flussunkraut

Recycling bietet auch eine Chance für kleine, mittellose Landgemeinden auf dem Kontinent, ihr eigenes Einkommen zu schaffen und so Wege aus der Armut zu finden. Ein Projekt in Nigeria bietet nicht nur das, sondern bekämpft gleichzeitig auch noch eines der gefährlichsten Unkräuter des Kontinents. Die aus Südamerika eingeschleppte Wasserhyazinthe ist ein Albtraum für die Menschen, die an den Flüssen leben. Weil das Wassergewächs in Afrika keine Fressfeinde hat, wuchert es buchstäblich die Wasserwege des Kontinents zu.

Wasserhyazinthen, so weit das Auge reicht
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Eine Wasserhyazinthendecke verdoppelt ihre Fläche in nur zwei Wochen. Das ist besonders dramatisch für die Fischerei und die Schifffahrt. Andere Pflanzen und Fische sterben aus Mangel an Licht und Sauerstoff. Boote können nicht ungestört navigieren. Krokodile finden mehr Möglichkeiten, aus der Tarnung der Hyazinthen heraus, Opfer anzugreifen. Außerdem verringern die Pflanzen die Fließgeschwindigkeit der Flüsse, es kommt zu Schlammablagerung.

Zwar gibt es in Nigeria Maßnahmen, die Hyazinthen groß angelegt mit Pestiziden und Maschinerie zu bekämpfen, doch das hilft kleinen Gemeinden meist nur wenig. Die Unternehmerin Achenyo Idachaba hat mit ihrer Firma MitiMeth nun einen Weg gefunden, gleich mehrere dieser Probleme anzugehen.

Idachaba bietet Geld für die Pflanzen. Das motiviert die Menschen, das Unkraut aus dem Wasser zu entfernen, und bietet speziell den Fischern einen anständigen Nebenverdienst. Die Nigerianerin trocknet und presst dann die Stängel der Pflanzen und erschafft so ein sehr robustes und dehnbares Material für ihre Produkte. "Wir stellen hier Hausmöbel, Körbe, Lampenschirme, Materialien für die Küche, Matten, Notizblöcke und vieles mehr her", erklärt sie.

In den vergangenen zwei Jahren hat Idachaba mehr als 25 Tonnen Wasserhyazinthen verwertet und damit Menschen zu einem Einkommen verholfen und Nigerias Wasserwege etwas sauberer gehalten. "Mein Projekt erfüllt gleich fünf 'Ziele für Nachhaltige Entwicklung'", betont die Unternehmerin. Die 17 von den Vereinten Nationen formulierten und im Januar 2016 in Kraft getretenen Ziele sollen das Leben für Menschen in Entwicklungsländern bis 2030 nachhaltig verbessern. "Wir reduzieren Armut, bieten den Menschen anständige Arbeit, helfen Frauen und Jugendlichen und entfernen Behinderungen für den Transport", zählt Idachaba auf. Und ihr Projekt trägt sogar zum Kampf gegen den Klimawandel bei, denn wenn Wasserhyazinthen verrotten, produzieren sie klimaschädliches Methan.