Beim Ebolaausbruch in Westafrika haben sich – nach den Zahlen der WHO vom 31. Oktober – mindestens 13 567 Menschen infiziert, 4951 waren bis dahin gestorben. Nun kam aber auch eine der zuletzt eher seltenen guten Nachrichten: Offenbar steigen die Fallzahlen in Liberia nicht weiter. Zwar warnen Wissenschaftler, es sei zu früh, um sicher sagen zu können, die Krankheit sei zurückgedrängt. Denn die Erhebung von Fallzahlen erweist sich nur selten als zuverlässig; zudem ist Ebola bekannt dafür, rasch auch wieder aufzuleben. Eines ist jedoch klar: Alle Modellberechnungen, die den Verlauf des Ausbruchs prognostizieren sollten, haben versagt.

Die Mediziner vor Ort kämpfen ohnehin zunächst um einen halbwegs verlässlichen Überblick. Sind etwa die Berichte über immer mehr freie Krankenhausbetten und immer seltenere Beerdigungen ein Hinweis darauf, dass auch immer weniger Menschen an Ebola erkranken? Oder sind sie vielleicht nur die Folge der Tatsache, dass die Daten über Krankheitsfälle und Tote einfach nicht weitergeleitet wurden? In Monrovia, der Hauptstadt von Liberia, waren vergangene Woche allerdings tatsächlich gerade einmal 80 von 250 Betten belegt, die vom Team der Ärzte ohne Grenzen betreut werden. Fasil Tezera, Leiter der Organisation vor Ort, bleibt dennoch vorsichtig: Die Entwicklung der aktuellen Epidemie bleibe unvorhersehbar.

Ebola-Opfer
© Pierre Rouquet
(Ausschnitt)
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Epidemiologen stützen sich auf mathematische Modelle, um den Verlauf eines Erregerausbruchs abzuschätzen und zu ermitteln, wie und wo die begrenzten medizinischen Ressourcen am sinnvollsten eingesetzt werden. In der aktuellen Krise wies die vor Ort erhobene Datenlage allerdings in andere Richtungen als Projektionen im Vorfeld, die auf der Grundlage der üblichen Modelle erstellt worden waren. Ein Anlass zum Nachdenken, meint Neil Ferguson, der als Epidemiologe am Imperial College in London und im Team der multidisziplinären Ebola-Eingreiftruppe arbeitet.

Am 7. Oktober hatten Alessandro Vespignani von der Northeastern University in Boston und seine Kollegen zum Beispiel auf der Basis ihres Modells prognostiziert, dass in Liberia bis zum 24. Oktober 6900 bis 34 000 Fälle auftreten und schließlich bis zum 31. Oktober 9400 bis 47 000 Menschen erkranken würden. Tatsächlich zählte die WHO im Land bis zum 25. Oktober aber gerade einmal 6535 dokumentierte Fälle.

Vespignani erklärt das damit, dass die Modellrechnung ein Worst-Case-Szenario abgebildet hätte – einen Verlauf, bei dem die Zahl der Fälle weiter exponentiell ansteigen und Gegenmaßnahmen unwirksam bleiben. Allerdings beklagt der Forscher – wie auch andere Modellierungsexperten – eine unvollständige und unzuverlässige Datenlage in der Ebolaepidemiologie, die sich besonders in stark betroffenen Gebieten auswirkt. Zudem fehlen empirische Daten über den Erfolg, den man mit Kontrollstrategien gegen die Ausbreitung von Ebola hat, ergänzt Nick Golding von der University of Oxford, der sich mit den lokalen Verbreitungsprozessen der Krankheit beschäftigt. Letztlich sei es eben sehr schwer, verlässliche Prognosen zu liefern, denn: "Die Modelle beruhen auf Falldaten recht mäßiger Qualität und auf fast null Informationen über den Erfolg aller eingeleiteten Maßnahmen."

Zuletzt sind zwei etwas komplexere Modellierungsansätze vorgestellt worden, mit denen zumindest die Erfolge von Gegenmaßnahmen besser einbezogen werden können [1,2]. Doch bilden auch diese Modelle die Wirklichkeit eines Ausbruchs wie den in Liberia nicht exakt ab. Für Alison Galvani, die als Epidemiologin an der Yale University forscht, kommt das gar nicht überraschend: Als Autorin beider Studien macht sie deutlich, dass "Epidemien sehr beweglich und damit nur schwer treffsicher nachzuvollziehen sind". Die Modellprojektionen könnten im besten Fall vage Richtlinien für von Gesundheitsbehörden initiierte Interventionen liefern. Und weil die Aussagekraft der Modelle eben schnell auch falsch verstanden werden kann, ergänzt Ferguson, sollten "alle an Modellen arbeitenden Forscher sorgfältig einberechnen, was gegen die Ebolatransmission vor Ort getan wird und wie sich die verschiedenen Eingriffe auswirken, – und dann auch bestmöglich klarmachen, wo die Unsicherheiten bei der Bewertung liegen".

Unterdessen macht sich Bruce Aylward, stellvertretender Verantwortlicher der WHO für die Koordination der Ebolabekämpfung, "schreckliche Sorgen" darüber, dass schon eine Plateauphase bei der Zunahme neuer Infektionen in der Öffentlichkeit als Anfang vom Ende des Ebolaproblems missverstanden werden könnte. Die Ressourcen zur Behandlung infizierter Patienten und die Mittel zur Verhinderung von Neuansteckungen müssten unbedingt weiter deutlich aufgestockt werden, warnt Aylward.

Wenn die Infektionsrate in Liberia dann aber tatsächlich abflaut, könnte dies darauf hindeuten, dass sich selbst bescheidene Interventionsanstrengungen schon lohnen, findet Golding. Beim aktuellen Ausbruch der Krankheit ist die Zahl der von einem Ebolainfizierten neu angesteckten Personen (exakt sind das 1,2 bis 2,2) deutlich niedriger als bei anderen übertragbaren Erkrankungen üblich, etwa bei Masern (hier spricht man von zwischen 12 und 18 neu Infizierten pro Fall). Wenn Ebola-Gegenmaßnahmen diese Zahl drücken, wird die Seuche insgesamt eher beherrschbar – fällt sie unter 1, verbreitet sich das Virus überhaupt nicht mehr.

Bis der Ausbruch in Westafrika gestoppt ist, besteht die Gefahr, dass die Krankheit in Gegenden neu ausbricht, in denen sie schon als besiegt angesehen worden war, und vielleicht auch das Risiko einer Ausbreitung auf bisher nicht betroffene Gegenden. Davor warnt ein Ereignis vor zwei Wochen deutlich: Ein zweijähriges, ebolainfiziertes Mädchen war über Hunderte von Kilometern von Guinea nach Mali gereist – was zur Befürchtung Anlass gab, es sei mit Menschen in Kontakt gekommen, die die Erkrankung dann in Mali verbreiten.


Der Artikel ist im Original unter dem Titel "Models overestimate Ebola cases" in "Nature" erschienen.