Die Bakterien in unserem Darm scheinen Multitalente zu sein: Sie formen das körpereigene Abwehrsystem, helfen Immunzellen in der Lunge auf die Sprünge und verstärken das Sättigungsgefühl während des Essens, so dass man rechtzeitig aufhören könnte. Eine aktuelle Arbeit aus der Schweiz und Deutschland legt nun nahe, dass die bakterielle Flora von schwangeren Mäusen sogar auf den Nachwuchs positiv einwirkt und dessen Immunsystem und Darm mitgestaltet.

Um zu ermitteln, wie Bakterien im Darm der Muttertiere die Nachkommenschaft beeinflussen, nutzten Mercedes Gomez de Agüero von der Universität Bern und ihre Kollegen ein spezielles Tiermodell: Sie arbeiteten mit keimfrei aufgezogenen Mäusen, denen jegliche Mikroben fehlen. In deren Darm siedelten die Forscher dann während der Trächtigkeit einen Stamm des Bakteriums Escherichia coli an, der sich dort nicht dauerhaft etablieren kann. Dadurch war sichergestellt, dass die Mäuse zum Zeitpunkt der Geburt wieder keimfrei waren und die Bakterien nicht an ihre Babys weitergeben konnten. Dennoch machte sich die vorübergehende Besiedlung im mütterlichen Darm beim Nachwuchs bemerkbar. Zwei Wochen nach der Geburt fanden sich im Darm dieser Neugeborenen mehr Vertreter zweier spezieller Klassen von Immunzellen, die zur angeborenen Abwehr des Körpers gerechnet werden, als bei Babys, die von stets keimfreien Müttern zur Welt gebracht worden waren.

Ein vergleichbares Ergebnis erzielten die Forscher, wenn sie trächtigen Weibchen lediglich das Blutserum von Mäusen verabreichten, die während der Schwangerschaft E. coli in sich getragen hatten. Wie weitere Experimente offenbarten, spielen mütterliche Antikörper eine entscheidende Rolle. Sie ermöglichen, dass kleine Bestandteile der Mikroben selbst oder der von ihnen gebildeten Stoffe von der Mutter an den Nachwuchs weitergegeben werden. Auf welchem Weg sie dies genau bewerkstelligen, ist noch nicht abschließend geklärt. Eine direkte Bindung scheint zumindest nicht unbedingt erforderlich.

Die mütterliche Darmflora beeinflusst zudem, welche Gene in ihren Nachkommen aktiv sind. In der Schleimhaut des Verdauungstrakts von Mäusebabys, deren Mütter zeitweise mit E. coli besiedelt waren, entdeckten die Wissenschaftler ein anderes Muster an RNA-Molekülen als bei keimfreien Artgenossen. So fanden sich unter anderem mehr Abschriften des genetischen Bauplans von Proteinen, die bei der Zellteilung eine Rolle spielen, Immunzellen anlocken, für die Schleimhaut wichtig sind oder die gebraucht werden, wenn komplexe Fette oder Zucker abgebaut werden sollen.

Nach Meinung der Wissenschaftler bereitet die mütterliche Darmflora den Körper der Neugeborenen darauf vor, selbst mit Bakterien besiedelt zu werden; von dieser wichtigen Symbiose profitieren Nager und Mikrobe gleichermaßen. Auch wenn sie dies im Rahmen der Studie nicht explizit untersuchten, ist das Immunsystem dank der mütterlichen Starthilfe zudem vermutlich besser gerüstet, wenn es auf gefährliche Erreger trifft.