Jetzt heißt es bremsen. Auf der kleinen Landstraße in der Mecklenburger Gemeinde Schlagsdorf staksen urplötzlich Nandus aus dem Gebüsch. In aller Seelenruhe wechseln sieben der hochbeinigen, über einen Meter großen Laufvögel über die Straße, um einer nach dem anderen die Böschung zu erklimmen. Ihr Ziel: das dahinterliegende Rapsfeld.

Manch einem Autofahrer fallen schier die Augen aus dem Kopf. Doch die Anwohner und auch die meisten Touristen in der Region wissen Bescheid über die straußenähnlichen Vögel. Einige halten am Straßenrand und zücken ihre Kameras. Die Tiere lassen sich davon nicht stören. Gemächlich schreiten sie durch die Pflanzen, pflücken hier einen Stängel, dort ein Blättchen. Gelegentlich hebt eines den kugeligen Kopf und beschert den Beobachtern mit seinen 1,40 Meter Körpergröße fast eine Begegnung auf Augenhöhe.

Der Große Nandu, Rhea americana, ist üblicherweise in den Grasländern und Savannen Südamerikas heimisch: Sein Verbreitungsgebiet erstreckt sich von Argentinien bis in den Nordosten Brasiliens. Warum sie in der Kulturlandschaft Mecklenburgs leben, erklärt Umweltplaner Frank Philipp. Er ist Koordinator des landesweiten Nandu-Monitorings und sammelt alle Daten über die gefiederten Exoten: "Seit Ende der 1990er Jahre sind immer wieder Exemplare aus einem Privatgehege in Groß Grönau entlaufen", schildert Philipp. Die sieben Ausreißer, die man im Jahr 2000 zählte, haben eine respektable Population gegründet: Mittlerweile streifen 177 Individuen in Gruppen von bis zu 30 Tieren durch die Felder und Wiesen – inmitten des Biosphärenreservats Schaalsee.

Gute Fortpflanzung und kaum Feinde in Deutschland

Denn Nandus haben eine äußerst erfolgreiche Fortpflanzungsstrategie. Ein dominanter Hahn verteidigt einen Trupp von mehreren Hennen, die ihre Eier in sein Nest legen. Sobald dies getan ist, lässt das Weibchen den werdenden Vater im wahrsten Sinn des Wortes sitzen und allein die Eier ausbrüten. Sie paart sich im Lauf des Sommers noch mit einem, vielleicht auch zwei oder drei Nebenbuhlern und legt weitere Eier ab. Manchmal gibt ein Hahn das Gelege auf. Doch in den meisten Fällen schlüpfen um die zehn Küken, verlassen schon am nächsten Tag das Nest und erkunden – vom Vater akribisch bewacht – die Feldraine.

In seiner ursprünglichen Heimat muss der Nandu dem Prädationsdruck standhalten. Pumas und Jaguare schlagen Alttiere; Greifvögel, Gürteltiere und verwilderte Hunde erlegen Jungvögel oder leeren die Nester. Hier zu Lande können nur Wildschweine die ein Kilogramm schweren Eier knacken, und selten erbeutet ein Fuchs ein Jungtier. Dass Wölfe sich in der Region ansiedeln könnten, hält Philipp für unwahrscheinlich: "Der Nandu ist ein Kulturfolger, und der Wolf benötigt störungsarme Rückzugsräume. Die findet er hier vor Ort nicht." Nur dem Straßenverkehr fällt das eine oder andere Tier zum Opfer: Nandus sehen in fahrenden Autos keine Gefahr und gehen auch am Tag über die Straße.

Ein Nandu in seinem natürlichen Habitat in Uruguay.
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 Bild vergrößernNandu in Uruguay
Hier leben die Nandus natürlicherweise: In Uruguay streift ein Vertreter der Art durch Grasland.

In harten Wintern geht die Anzahl der Halbwüchsigen meist deutlich zurück, da sie im tiefen und verharschten Schnee kaum Nahrung finden. Doch unter gemäßigten Temperaturen überstehen etwa zwei Drittel des Nachwuchses die kalte Jahreszeit. Alttiere trotzen normalerweise jeglicher Witterung, so Philipp: "Frost oder Schnee treten in Teillebensräumen des Großen Nandus durchaus auf. Und die bei uns lebenden Nandus stammen von Tieren ab, die schon länger in Gehegen leben und sich von Generation zu Generation besser an das Klima angepasst haben." Wer also den ersten Winter übersteht, hat gute Chancen, mit zwei bis drei Jahren die Geschlechtsreife zu erlangen und bis zu 15 Jahre alt zu werden. So steigt die Zahl der kleinen braungelben Küken mit jedem Jahr weiter.

Rechtlich gilt der Nandu als heimisch

Das führt zur Frage, ob die Tiere sich über kurz oder lang überregional ausbreiten – und ob man etwas dagegen tun sollte. Doch die Nandus profitieren von einer besonderen Rechtslage. In den ersten Jahren unternahmen die Behörden nichts gegen die exotischen Neubürger. Niemand rechnete damit, dass sie in freier Wildbahn überleben könnten. Sie vermehrten sich über einige Generationen: "Und laut Bundesnaturschutzgesetz gelten sie damit als heimische Art", erläutert Philipp. In Südamerika wird der Nandu bejagt und nimmt im Bestand ab. Damit fällt er unter das Washingtoner Artenschutzabkommen, welches international gilt. Wer einen Nandu einfängt, abschießt oder seine Gelege absammelt, macht sich strafbar – obwohl die Haltung des Tiers weiterhin zwar genehmigungspflichtig, aber dennoch legal ist.

Das ist vielen Anwohnern mehr als recht: Der Nandu sieht niedlich aus, ist ein Alleinstellungsmerkmal der Region und zieht Touristen an. Bei einer Begegnung weicht er dem Menschen aus, fühlt sich aber mit einigem Abstand sicher genug, um seinen Aktivitäten nachzugehen. Zwar können Hähne ihre Küken verteidigen, normalerweise beschränken sie sich jedoch auf Scheinangriffe: "Und dieser Situation kann man gut entgehen, indem man Abstand hält", schildert Philipp. Doch die ersten Landwirte ärgern sich über den Zuwanderer: Sie berichten von Fraßschäden, können aber nicht zweifelsfrei den Nandu als Verursacher nachweisen. Und falls sie es könnten, würde es ihnen nicht helfen. Für Verluste durch frei laufende Nandus gibt es keine geregelte Entschädigung.

Und auch aus ökologischer Sicht kann der Nandu Probleme verursachen. Als Neozoon, also neu eingebürgertes Tier, könnte er Tiere mit ähnlichen ökologischen Ansprüchen verdrängen oder den Bestand der Insekten dezimieren: Zwar ernähren die Alttiere sich vorwiegend pflanzlich, doch die Jungvögel benötigen viel tierisches Eiweiß. Mathias Hippke vom Biosphärenreservat Schaalsee kann keine offensichtlichen Störungen feststellen: "Bisher sehen wir nicht, dass der Nandu Kraniche oder Gänse verdrängt. Nandus brüten eher an trockenen Standorten, und auf abgeernteten Maisfeldern fressen die Arten nebeneinander." Statt lange Zeit an einem bestimmten Ort zu fressen, streifen Nandus bei der Nahrungsaufnahme über längere Strecken: "So sinkt die Wahrscheinlichkeit, dass sie bestimmte Flächen übernutzen."

Wie viele Nandus verträgt eine Region?

Doch wissenschaftliche Studien hierzu gibt es bisher nicht. Zudem schränkt Hippke ein: "Wenn die Population steigt, wissen wir nicht, wie die Situation sich entwickelt." Obwohl mehr und mehr Tiere die Geschlechtsreife erlangen, ist das Streifgebiet der Tiere in etwa das gleiche geblieben: Sämtliche Nandus bewegen sich auf ungefähr 100 Quadratkilometer Fläche rund um die Gemeinde Schlagsdorf. Am Schweriner See und in der Schorfheide gesichtete Tiere hält Hippke für örtliche Gehegeflüchtlinge: "Es gibt im gesamten Bundesgebiet Nanduhalter, da rücken immer wieder Einzeltiere aus und verschwinden dann auch wieder." Wie viele Nandus fasst die Region? Auch diese Frage bleibt offen.

Dabei wären gesicherte Fakten wichtig. Stefan Nehring vom Bundesamt für Naturschutz bewertet gebietsfremde Wirbeltiere in Deutschland auf ihre Invasivität – also inwieweit sie Einfluss auf ihre Umgebung nehmen und damit die Biodiversität vor Ort gefährden. Zwar bringt laut Nehring jede neue Art Veränderungen mit sich: "Die Frage ist aber, ob sie tief greifend sind oder im allgemeinen Rauschen untergehen." Sollte sich der Nandu als invasiv erweisen, dürfte man den Bestand regulieren. "Es gibt eine entsprechende Ausnahmeregelung im Bundesnaturschutzgesetz", erläutert Nehring.

"Wenn die Population steigt, wissen wir nicht, wie die Situation sich entwickelt"
(Mathias Hippke)

Mangels Informationen steht der Nandu auf der so genannten Beobachtungsliste, das heißt, er gilt als potenziell invasive Art und soll weiter untersucht werden. Derzeit wird zweimal jährlich der Bestand gezählt. Doch um zu wissen, ob er Einfluss auf die Fauna nimmt, müsste man beispielsweise den Mageninhalt von Jungtieren untersuchen oder regelmäßig den Insektenbestand vor Ort prüfen. Man könnte die Bodenbrüter vor Ort zählen. "Aber das liegt im Ermessen der Länder", erklärt Nehring, "wir können nur Empfehlungen aussprechen." Im Ministerium für Landwirtschaft, Umwelt und Verbraucherschutz Mecklenburg-Vorpommern sieht man entsprechende Studien nicht als dringlich an: Das möge in Zukunft relevant werden, heißt es dort. Schließlich sei der Bestand nicht ganz winterfest und könne unter Umständen wieder aussterben.

Derweil polarisiert der Nandu weiterhin die Menschen vor Ort. Der Fund eines gewilderten Nandus mit abgetrennten Keulen verleitete die regionale Presse zu dem Aufreger "Nandu erschossen und zerstückelt" mit Zitaten aufgebrachter Bürger. Philipp wiederum ist überrascht von der geringen Vermehrungsrate: "Wir haben nur 33 Tiere mehr als im Vorjahr gezählt – das ist deutlich unter ihrem Potenzial." Vermutlich, so meint er, haben Unbekannte die Gelege zerstört.