An einigen Fundstellen Westeuropas tauchten in der Vergangenheit außergewöhnliche Artefakte der Altsteinzeit auf: Es scheint sich dabei um Neandertalerhinterlassenschaften zu handeln, aber gleichzeitig sind sie von einer so komplexen Machart, wie man sie lange nur dem anatomisch modernen Menschen zutraute. Wer steckt tatsächlich hinter dieser so genannten Châtelperronien-Kultur? Untersuchungen an Funden aus der französischen Grotte-du-Renne liefern nun neue Belege für die lange gehegte Vermutung: Am Ende seiner Epoche entwickelte der Neandertaler noch erstaunlich moderne Werkzeuge und Artefakte.

Ungewöhnlich ist auch die Art und Weise, wie Forscher um Frido Welker von Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig zu diesem Ergebnis kamen. Sie spürten in Knochenproben aus den fraglichen Fundschichten noch Reste eines Knochenproteins auf. Anhand von dessen charakteristischer Aminosäurenabfolge wollen sie nun eindeutig die Herkunft der Knochen bestimmt haben: Laut ihren Analysen stammen die winzigen Reste mit hoher Wahrscheinlichkeit von einem Neandertalerkind. Die Art des Proteins lasse sogar den Schluss zu, dass das Kind ein noch nicht abgestillter Säugling war. Welche Form das Protein, ein Kollagen, bei Neandertalern hatte, lässt sich aus deren DNA ablesen, die inzwischen sehr genau bekannt ist.

Zugleich prüften die Forscher, was sie an mitochondrialer DNA in den Proben entdecken konnten – und wurden auch hier fündig. Die genetischen Spuren legen ebenfalls eine Zugehörigkeit zum Neandertaler nahe.

Allein anhand der Form und Beschaffenheit der Knochenreste ließ sich zuvor nicht entscheiden, ob sie vom Neandertaler oder modernen Menschen stammten. Für andere Skelettreste aus der Höhle nahmen Wissenschaftler seit Längerem einen Neandertalerursprung an. Doch auch dann noch blieb unklar, ob diese Funde tatsächlich mit den Châtelperronien-Funden in direktem Zusammenhang stehen. Nicht auszuschließen ist beispielsweise, dass die Artefakte per Zufall in tiefere, und damit ältere, Fundschichten gelangt waren.

Durch eine Altersbestimmung der Proben, die anhand der Proteine eindeutig als vom Neandertaler stammend identifiziert wurden, können Welker und Kollegen dies nun tendenziell ausschließen: Laut ihrer Kohlenstoffdatierung passen die Knochenreste altersmäßig gut zu den Châtelperronien-Schichten in der Höhle. Diese stammen – je nachdem, wie man die Daten der C-14-Analyse kalibriert – aus einer Zeit vor ungefähr 40 000 Jahren.

Offen ist dabei allerdings immer noch die Frage, wieso bei den späten Neandertalern diese kulturelle Modernisierung auftrat. Nach Meinung mancher Forscher könnte es sich tatsächlich um eine eigene Entwicklung handeln, nach Meinung anderer könnte der Innovationsschub auf ein befruchtendes Zusammentreffen mit den inzwischen eingewanderten modernen Menschen zurückgehen.