Es war ziemlich kalt, und die Neandertaler in der Gegend waren auf dem absteigenden Ast: Auch im südlichen Altai-Gebirge Sibiriens begann sich irgendwann in der Eiszeit vor rund 40 000 Jahren abzuzeichnen, dass einmal nur noch eine einzige Menschenart die Erde besiedeln würde, der Homo sapiens. Seine ersten Varianten waren 10 bis 20 Jahrtausende zuvor aus Afrika ausgewandert, um sich auch am nördlichen Rand der menschlichen Wohlfühlzone anzusiedeln – in südsibirischen Wohnstätten wie der Denisova-Höhle. Dort, berichten nun Johannes Krause vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie und seine Kollegen, sind sie aber vermutlich nicht nur auf Neandertalerkonkurrenz gestoßen. Denn offenbar lebte zwischen den beiden Arten noch eine dritte, bislang unbekannte Menschenform, die den Weg aus Afrika lange vor der Entstehung von Neandertalern und modernen Menschen angetreten haben muss.

Altai-Gebirge: Heimat mehrere Menschenformen in der Eiszeit
© Johannes Krause, MPI für evolutionäre Anthropologie
(Ausschnitt)
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Die Wissenschaftler schließen dies aus ihren genetischen Analysen von 30 Milligramm Knochenpulver, das sie aus dem fossilisierten kleinen Finger eines vor etwa 40 000 Jahren in der Höhle gestorbenen Menschen gewonnen hatten. Die Forscher waren eigentlich nur auf der Suche nach gut erhaltenen DNA-Resten alter Menschen – diese erhalten sich im wenig säurehaltigen Boden und in kalten Regionen viel länger als etwa in typischen afrikanischen Fossilienfundstätten. Die Denisova-Höhle im Altai, in der seit über 125 000 Jahren Menschen Besiedlungsspuren hinterlassen haben, bot sich für die Jagd nach gut erhaltener alter DNA also an.

Tatsächlich war es Krauses Team mit einer in den letzten Jahren zunehmend verfeinerten Methode gelungen, die komplette Sequenz der mtDNA aus den Mitochondrien des Fingers mit hoher Genauigkeit, ohne das Risiko einer Verunreinigung und ziemlich verlässlich zu sequenzieren. Eine große Überraschung wartete dann allerdings auf die Forscher, als sie die uralte DNA mit der mitochondrialen DNA von Neandertalern sowie heute lebender Menschen verglichen: Die DNA des Hominiden aus Südsibirien unterscheidet sich von beiden sehr deutlich. Mensch, Neandertaler und der mysteriöse Sibirier hatten einen letzten gemeinsamen Vorfahren vor etwa einer Million Jahren, danach entwickelten sie sich auseinander. Zum Vergleich: Die Linien von Neandertaler und modernem Menschen trennten sich vor weniger als 500 000 Jahren.

Verwandtschaft der Sibirier
© Brown et al. / Nature
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Die Analysen der mtDNA aus dem Fingerknochen eines vor rund 40 000 Jahren verstorbenen Höhlenbewohners lässt den Stammbaum des Menschen noch ein wenig buschiger werden: Der Mensch aus Sibirien hatte vor rund einer Million Jahren einen gemeinsamen Vorfahren mit Neandertaler und dem modernen Homo sapiens. Erst vor 466 000 Jahren trennten sich auch H. neanderthalensis und H. sapiens. Wie genau diese Daten stimmen, hängt ein wenig von der Kalibrierung der verwendeten molekularen Uhr ab – sie ist an der Auseinanderentwicklung von Mensch und Schimpanse geeicht und damit nicht ganz exakt.
Auf welche Art Mensch die Forscher gestoßen sind, möchten sie lieber noch nicht genau sagen, bevor nicht zumindest auch seine Kern-DNA genau analysiert ist (was den Forschern zufolge wohl schon in einigen Monaten geschehen sein könnte). Sie vermeiden es zudem, den von ihnen provisorisch "X-Frau" getauften Fingerbesitzer unbekannten Geschlechts als eigene Menschenspezies zu beschreiben – mehr als der Finger ist leider auch nicht erhalten, um eine genauere Fossiluntersuchung zu erlauben. Die Genanalysen, so die Forscher vorsichtig, belegten bis dato schließlich nur, dass die Mitochondrien des Fundes nicht von einem Neandertaler und nicht von einem modernen Homo sapiens stammen.

Spekuliert werden kann darüber hinaus aber viel. So halten es die Wissenschaftler zum Beispiel auch ohne eigentlichen Beweis für unwahrscheinlich, dass die X-Frau ein Homo erectus war, also eine Vorgängerform des H. sapiens, die sich schon vor etwa 1,9 Millionen Jahren, aus Afrika kommend, in die gesamte Welt verbreitet hatte. Zwar haben die Nachkommen dieser Auswanderer vereinzelt sogar bis vor 100 000 Jahren überlebt – in Indonesien. Kein einziger Fund deutet aber darauf hin, dass noch viele Jahrzehntausende später Nachkommen der ersten H.-erectus-Auswanderungswelle auch im nördlichen Asien lebten.

Zudem hatten den Genanalysen zufolge ja H. sapiens, Neandertaler und X-Frau einen gemeinsamen Vorfahren vor einer Million Jahren gehabt haben. Dieser Ahne muss in Afrika gelebt haben, wo auch der moderne Mensch entstanden ist – womit aber der unbekannte Mensch aus Sibirien eben nicht Nachkommen einer altasiatischen Population von H. erectus sein kann.

Ihn selbst, meinte Krause, habe die überraschende Analyse von der althergebrachten Sicht der menschlichen Migrationsgeschichte ein wenig kuriert, welche die Wanderungen der Menschenarten immer als plötzliche Wellen ansah, die zu bestimmten Zeiten neue Menschenspezies aus Afrika in die Welt spülten. Ja, drei besonders auffällige Ereignisse gab es wohl tatsächlich: Vor etwa 1,9 Millionen Jahren begann H. erectus auszuwandern; vor rund 500 000 bis 300 000 Jahren dann die Neandertalervorfahren – vielleicht H. heidelbergensis – und vor rund 60 000 Jahren kam schließlich der erste H. sapiens aus Afrika.

Aber nichts zwischen diesen Wellen bremste die Entwicklung neuer Formen – und anschließend dann auch deren eigene globale Ausbreitung. Gut möglich also, dass der Denisova-Mensch Nachkomme einer bislang unbekannten Auswanderungswelle eines bislang unbekannten Menschentypus vor mehr als einer Million Jahren war. Zumindest einige Exemplare überlebten in Eurasien bis vor etwa 40 000 Jahren. Am Ende verdichtet sich das Bild, das sich schon nach der Entdeckung des Flores-Menschen in Indonesien abgezeichnet hat: Kaum je und kaum irgendwo während seiner Geschichte war H. sapiens konkurrenzlos unter den Menschenarten; meist teilten wir uns die Erde mit einem oder mehreren Homo-Varianten. Und erst seit einigen zehntausend Jahren sind wir – ganz untypisch – allein.