Im Urlaub, sagen wir am Strand von Kreta, schmeckt der griechische Bauernsalat besonders gut. Auch gegrillter Fisch und geharzter Retsina munden einem Mitteleuropäer dann ausgezeichnet. Doch daheim in München oder Hamburg sieht es dann ganz anders aus. Hier greift der Deutsche lieber zu Wurst, Pommes, Spätzle, Bier und Süßkram als zu Gerichten vom Mittelmeer – zum Leidwesen der Ernährungsexperten, die die "mediterrane Ernährung" als Goldstandard ansehen.

Diese wird zwar unterschiedlich definiert, klar ist jedoch, dass viel Obst, Gemüse, Hülsenfrüchte, Nüsse, Fisch und Olivenöl dazugehören – Pizza und Nudeln eher nicht. Solche Lebensmittel können vor allem Herzkrankheiten vorbeugen und auch beim Gewichtsmanagement helfen. So zeigte die so genannte Predimed-Studie im Jahr 2013, durchgeführt über vier Jahre und mit 7500 Spaniern, dass das Risiko für Herzkrankheiten durch eine Extraportion Nüsse oder Olivenöl um 30 Prozent sinkt – und das, obwohl die Studienteilnehmer dadurch mehr Kalorien zu sich nahmen als die Kontrollgruppe. Eine kürzlich veröffentliche Auswertung der Studie wies zudem darauf hin, dass das Brustkrebsrisiko vor allem in der Olivenölgruppe um 60 Prozent geringer ausfiel. Und es wird diskutiert, ob eine mediterrane Ernährungsweise möglicherweise auch vor Alzheimer schützt.

Doch all diese Argumente nützen in der Ernährungsberatung wenig, wenn Gerichte wie gedünstetes Gemüse oder Salat mit Olivenöl nicht in den sozialen und kulturellen Kontext passen und darum auch nicht konsumiert werden. Das erkannten skandinavische Forscher wie Arne Astrup, Ernährungswissenschaftler an der Universität von Kopenhagen. Er setzte sich mit Spitzenköchen und Umweltexperten zusammen und entwickelte bereits vor gut zehn Jahren die "New Nordic Diet", die sich an der Mittelmeerküche orientiert, aber aus Lebensmitteln besteht, die in Nordeuropa üblich sind. Denn auch die traditionelle nordische Küche bietet Gesundes wie Kohl, Beeren, Äpfel, Birnen, Wurzelgemüse, Hafer, Roggen und Fisch. Die gesunde Variante der Nordic Diet umfasst zudem Hülsenfrüchte, frische Kräuter, Kartoffeln, Wildkräuter, Pilze, Nüsse, Muscheln und Algen. Fleisch ist nur erlaubt, wenn es aus artgerechter Haltung stammt oder wenn es sich um Wild handelt. Zudem gehören traditionelle Zubereitungsmethoden dazu wie Niedrigtemperaturgaren in Schmortopf oder Ofen sowie das Fermentieren von Fisch und Gemüse. Allerdings wurden traditionelle Lebensmittel wie Butter und fettreiche Milchprodukte von der Speisekarte gestrichen. Wurstwaren, Zucker, Salz und Alkohol sind nur in geringen Mengen erlaubt.

Verkürzen Wurst, Zucker und Margarine das Leben?

Diese neue nordische Diät wurde schon in diversen Studien auf ihr Können abgeklopft. So hat etwa Anja Olsen, Epidemiologin bei der Dänischen Krebsgesellschaft in Kopenhagen, in der Kohortenstudie The Diet, Cancer and Health Study mit rund 57 000 normalgewichtigen Dänen zwischen 50 und 64 Jahren belegt: Teilnehmer, die sich eher traditionell ernähren, haben eine um 36 Prozent geringere Sterblichkeitsrate als Dänen, die der modernen Küche mit viel Wurstwaren, Zucker und Margarine frönen. So sank die Anzahl der Diabetes- und Herzinfarkt-Fälle durch regionale Kost. Frauen schützen sich damit in gewissem Maß auch vor Darmkrebs. Zwar waren diejenigen, die am traditionellsten aßen, sportlicher, gebildeter und eher Nichtraucher, nahmen aber andererseits die meisten Kalorien zu sich und aßen auch mehr rotes Fleisch. Die bessere Bilanz der gesunden, nordischen Ernährungsweise lässt sich also nur teilweise durch einen gesünderen Lebensstil erklären. "Die Stärke der Wirkungen ist dabei ähnlich derjenigen mediterraner Kost", resümiert Anja Olsen.

Pizza mit Schinken und Rucola
© fotolia / Brent Hofacker
(Ausschnitt)
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Auch wenn Pizza so schön mediterran daherkommt, ist sie klassischerweise kein zentraler Bestandteil der mediterranen Diät. Dafür gilt Pizza als zu wenig gesund.

Sie glaubt, dass dies aus den gesunden Inhaltsstoffen nordischer Lebensmittel resultiert: "Roggenvollkornbrot ist wegen seiner Ballaststoffe und anderer sekundärer Pflanzenstoffe so gut. Es senkt den Blutzucker und hemmt die Tumorbildung in der Prostata. Auch Beeren und Kohlsorten enthalten Stoffe, die wirksam gegen Krebs sind. Und Fisch liefert gefäßschützende Omega-3-Fettsäuren." Zudem beinhalten ortstypische Speisen oft vergorene Lebensmittel. Erst kürzlich forderte ein britisch-kanadisches Forscherteam, fermentierte Lebensmittel als Empfehlung in die Ernährungsrichtlinien eines jeden Landes aufzunehmen. In Japan beispielsweise ist es Sojasauce, in Korea Kimchi, in China Tee, im Orient Jogurt, in Deutschland Sauerkraut, in Italien Rotwein und Salami, in Schweden saurer Hering. Aktuell hat eine große Studie aus Holland belegt, dass bei einem hohen Konsum vergorener Milchprodukte seltener Blasenkrebs und Herzkrankheiten auftreten.

"Auch Beeren und Kohlsorten enthalten Stoffe, die wirksam gegen Krebs sind"
(Anja Ohlsen)

Auch beim Abnehmen kann die nordische Ernährungsweise helfen, weswegen sie schon in diversen Lifestyle-Magazinen als neue Trenddiät gefeiert wird. So hat eine Interventionsstudie unter Beteiligung von Arne Astrup belegt, dass Übergewichtige nach 26 Wochen Diät 4,7 Kilo verloren, während die Waage in der Vergleichsgruppe nur 1,5 Kilo weniger anzeigte. Zudem hatte sich der Blutdruck der Wikinger-Diät-Anhänger stärker gesenkt, und sie waren zufriedener mit ihrem Speiseplan, verfolgten ihn also auch noch über das Studienende hinaus. Derzeit wird in der so genannten OPUS-Studie geprüft, ob ein an die Ernährungsgewohnheiten angepasstes Schulessen die Gesundheit der Kinder verbessert.

Mediterrane Diät an deutsche Essweisen anpassen

Ermutigt von den Funden aus Skandinavien hat im August 2015 Anja Austel, Ökotrophologin an der Universität Göttingen, das Konzept der mediterranen Diät an deutsche Essweisen angepasst, indem sie Olivenöl durch Raps- und Walnussöl ersetzte und fünf Mahlzeiten am Tag, davon zwei süße Zwischenmahlzeiten, erdachte. Dann wurden 112 Personen mit einem Body-Mass-Index von 30 für zwölf Wochen auf Diät gesetzt. Ergebnis: Fünf Kilogramm verlor die Gruppe mit der adaptierten Diät im Schnitt, bei der Kontrollgruppe waren es nur 0,4 Kilogramm. Auch die Blutfettwerte verbesserten sich bei der Teutonen-Gruppe.

Und in dem seit 2009 laufenden deutsch-französischen Forschungsverbund www.nutrhi.net wird in der Region Oberrhein untersucht, welche Vorteile eine Ernährung mit den dort typischen Erzeugnissen wie Streuobstäpfeln, Beeren, Zwetschgen, Kirschen, Weintrauben sowie Spargel, Weißkohl, Hülsenfrüchten, aber auch Walnussöl und Mandeln haben könnte. Die ersten Ergebnisse sind positiv: So verhinderten in einem Zellkulturversuch Spargelextrakte das Wachstum von Darmkrebszellen, Walnussöl blockierte die Bildung einer Fettleber bei übergewichtigen Ratten, und naturtrüber Apfelsaft verbesserte die Stoffwechsellage von beleibten Männern.

Doch vielleicht sind es nicht allein die gesunden Lebensmittel einer regionalen Kost, die guttun. Per Møller, Geschmacksforscher an der Universität Kopenhagen, glaubt etwa, dass die regionale Ernährungsweise gesünder ist, weil sie besser mundet. Das rührt seiner Meinung nach einmal daher, dass regionale Produkte länger reifen, frischer sind und nicht für einen langen Transportweg etwa mit einer dickeren Schale züchterisch verändert wurden. Obendrein wird lokales Essen mit positiven Emotionen, mit Heimat verbunden. "Was man oft isst, etwa in der Kindheit, das mag man einfach", sagt Møller. Und das hat einen erstaunlichen Effekt: "Wenn etwas schmeckt, dann ist auch das Sättigungsgefühl schneller erreicht", erklärt Møller. Die Folge: Mäßigung beim Essen. Das gilt allen Experten als gesund.

Passen sich Gene an regionale Ernährung an?

Letztlich wird auch diskutiert, ob sich Gene an eine regionale Ernährungsweise angepasst haben und darum die ortsübliche Ernährung besser abschneidet. So hat man einen genetischen Gradienten zwischen Nord- und Südeuropäern ausgemacht. "Einige dieser Unterschiede könnten mit lange währenden Ernährungsweisen und deren Gesundheitswirkung in Beziehung stehen", sagt Jose Ordovas, Ernährungswissenschaftler an der Tufts University in Boston. "Allerdings ist das bislang nur eine Theorie, die erst noch belegt werden muss."

Für diese Theorie spricht jedenfalls eine aktuelle Studie, erschienen in der Fachzeitschrift "Science", die genetische Besonderheiten im Genom der Inuit aus Grönland offenbarte. Deren Erbanlagen ermöglichen es, dass die fettreiche Ernährung, die vor allem aus Robbenfleisch und Salzwasserfischen besteht, die Inuit so gesund erhält. Und tatsächlich fehlen bis heute klare Beweise, dass Omega-3-Fettsäuren aus fettem Seefisch auch in anderen Regionen Herz und Hirn stärken. Studien bei den Massai in Kenia etwa zeigten, dass spezielle Gene die Cholesterinwerte im Blut niedrig halten, obwohl dieser ostafrikanische Volksstamm sich fast ausschließlich von Milch, Fleisch und Blut ernährt.

Das auf deutsche Gerichte wie Sauerbraten mit Spätzle oder Currywurst mit Pommes zu übertragen und diese nun täglich wegen einer genetischen Anpassung zu essen, wäre jedoch falsch, da die fleischlastige Kost erst seit den 1960er Jahren hier zu Lande üblich ist. Ein genetisches Zusammenspiel ergibt sich eher über Jahrhunderte. Wer sich aber an die gesunden, regionalen und naturbelassenen Lebensmittel hält, ist laut Dagmar von Cramm, Mitglied der Deutschen Gesellschaft für Ernährung, auf dem richtigen Weg. Bereits jetzt greifen laut dem Ernährungsreport 2016 drei Viertel der Deutschen regelmäßig zu heimischen Produkten.